Menu

A

|

A

Upton Sinclair: Boston

Vom Sterben zweier »obskurer Radikaler«

 

Upton Sinclairs Roman Boston liegt in einer deutschen Neuübersetzung vor

Von Jörg Auberg

 

Am Abend des 23. August 1927, nach­dem in Charles­town (Mas­sa­chu­setts) die bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten Nico­la Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti auf dem elek­tri­schen Stuhl hin­ge­rich­tet wor­den waren, ent­lu­den sich am rech­ten Sei­ne-Ufer von Paris hef­ti­ge Kra­wal­le. Demons­tran­ten lie­fen durch die Stra­ßen und zer­schlu­gen Kios­ke und Schau­fens­ter. Vor der US-ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaft gin­gen Ster­nen­ban­ner in Flam­men auf, und selbst in Pari­ser Cafés rich­te­te sich die Wut auf­ge­brach­ter lin­ker Pari­ser gegen Gäs­te, deren US-ame­ri­ka­ni­sche Natio­na­li­tät ruch­bar wur­de.1

 

Die geschlagene Generation

Nicola Sacco (rechts) und Bartolemeo Vanzetti (links), 1923

Nico­la Sac­co (rechts) und Bar­to­le­meo Van­zet­ti (links), 1923

Die bei­den Exe­ku­tier­ten reprä­sen­tier­ten in den Augen der Demons­tran­ten jene radi­ka­le Oppo­si­ti­on, die nach dem Ers­ten Welt­krieg ins Visier der staat­li­chen Repres­si­on und der natio­na­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on in der reak­tio­nä­ren Nach­kriegs­zeit geriet. Ihr inter­na­tio­na­ler cau­se célèb­re befeu­er­te die poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung »links­af­fi­ner« Autoren wie John Dos Pas­sos, Edmund Wil­son, Mal­colm Cow­ley oder Jose­phi­ne Herbst. Vor allem für Dos Pas­sos sym­bo­li­sier­ten die bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten einen Gegen­pol zum indus­tria­li­sier­ten, vom Groß­ka­pi­tal beherrsch­ten Ame­ri­ka. In sei­nen Augen reprä­sen­tier­ten sie eine medi­ter­ra­ne Kul­tur der »ein­fa­chen Leu­te«, wel­che die pas­to­ra­le Visi­on einer bes­se­ren Welt wach­hielt.2

Die Hin­rich­tung der bei­den Anar­chis­ten bedeu­te­te für vie­le Intel­lek­tu­el­le und Künst­ler jener Zeit eine tie­fe Erschüt­te­rung des libe­ra­len Glau­bens an die Funk­ti­ons­fä­hig­keit staat­li­cher Insti­tu­tio­nen und der demo­kra­ti­schen Rechts­staat­lich­keit unter dem Dik­tat eines schein­bar omni­po­ten­ten Kapi­ta­lis­mus. Die »öffent­li­che Ver­bren­nung«3 (Robert Coo­ver) zwei­er »obsku­rer Radi­ka­ler« beschleu­nig­te – wie Robert Morrs Lovett in der Zeit­schrift Modern Quar­ter­ly schrieb — die Abkehr vie­ler ame­ri­ka­ni­scher Künst­ler und Intel­lek­tu­el­ler von ihren alten Affi­lia­tio­nen – in poli­ti­scher wie in kul­tu­rel­ler Hin­sicht. Zugleich bedeu­te­te der Tod Sac­cos und Van­zet­tis, der trotz einer welt­wei­ten Soli­da­ri­täts­kam­pa­gne nicht ver­hin­dert wer­den konn­te, eine trau­ma­ti­sche Nie­der­la­ge, die Dos Pas­sos am Schluss sei­ner USA-Tri­lo­gie mit den Wor­ten »we stand defea­ted Ame­ri­ca« auf den Punkt brach­te – als wäre es eine Grab­in­schrift für die »geschla­ge­ne Genera­ti­on«.4

 

Journalismus und Fiktion

Upton Sinclair: Boston (Manesse, 2017)

Upt­on Sin­c­lair: Bos­ton (Manes­se, 2017)

In sei­nem Roman Bos­ton, der ein Jahr nach der Exe­ku­ti­on Sac­cos und Van­zet­tis erschien und nun in einer neu­en Über­set­zung von Vio­la Sie­ge­mund vor­liegt, bet­tet Upt­on Sin­c­lair die Geschich­te die­ses cau­se célèb­re in eine pan­ora­ma­ti­schen Dar­stel­lung über die kapi­ta­lis­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se in der Metro­po­le von Mas­sa­chu­setts ein. Im Zen­trum des Romans steht Cor­ne­lia Thorn­well, die nach dem Tod ihres Man­nes Josiah Quin­cy Thorn­well, des ehe­ma­li­gen Gou­ver­neurs von Mas­sa­chu­setts, ihre Frei­heit zurück­ge­winnt und dem Clan der Thorn­wells den Rücken kehrt. Die »durch­ge­brann­te Groß­mutter« (wie Sin­c­lair sie nennt) ver­dingt sich als »Pro­le­ta­rie­rin auf Zeit« in einer Tau­fa­brik, in der sie Bar­to­lo­meo Van­zet­ti ken­nen­lernt.

Mit­tels die­ser grob­schläch­ti­gen Kon­struk­ti­on stellt Sin­c­lair die Ver­bin­dung zwi­schen dem Milieu der ita­lie­ni­schen Arbeits­im­mi­gran­ten und der herr­schen­den Klas­se von Bos­ton her, die in Poli­tik, Wirt­schaft, Jus­tiz und Wis­sen­schaft die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se bestimmt und kor­rum­piert. Als im Mai 1920 Sac­co und Van­zet­ti wegen Betei­li­gung an einem Raub­mord in South Brain­tree (Mas­sa­chu­setts) ver­haf­tet und spä­ter ver­ur­teilt wer­den, stel­len sich Cor­ne­lia und ihre eben­falls zur Lin­ken ten­die­ren­de Enke­lin Bet­ty in den Dienst der Ver­tei­di­gung der bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten.

In sei­nem Roman arbei­tet Sin­c­lair, der im Vor­feld sei­nes Schrei­bens inten­si­ve Recher­chen betrie­ben hat­te, die sie­ben­jäh­ri­ge Geschich­te des Mar­ty­ri­ums der bei­den Ange­klag­ten auf, wobei er mit sei­nen bei­den »Klas­sen­ver­rä­te­rin­nen« Cor­ne­lia und Bet­ty die Ver­dor­ben­heit und Kor­rup­ti­on, die Ver­schla­gen­heit der herr­schen­den »Kas­te« beschreibt, ohne dass der Autor tie­fe­re psy­cho­lo­gi­sche Schich­ten der Figu­ren offen­legt. Stets schon prä­sen­tiert der all­wis­sen­de Erzäh­ler das Gesche­hen wie auf einer Guck­kas­ten­büh­ne und lie­fert Kom­men­tar und Ein­schät­zung gleich mit. Obgleich Sin­c­lair Van­zet­ti am Ende den Sta­tus eines Hei­li­gen erteilt, der sich vor sei­ner Hin­rich­tung mit­tels eines mön­chi­schen Stu­di­ums zur Weis­heit empor­ar­bei­tet, hebt er den­noch immer die »Schlicht­heit« und »Ein­fäl­tig­keit« der ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten her­vor.

Ausgabe Ausgabe von Upton Sinclairs Roman Boston im März Verlag (1978)

Aus­ga­be von Upt­on Sin­c­lairs Roman Bos­ton im März Ver­lag (1978)

Trotz allem zeich­net Sin­c­lair ein kom­ple­xe­res Bild des Fal­les, als es in der gän­gi­gen Legen­de vom »guten Schuh­ma­cher« und »armen Fisch­händ­ler« zum Tra­gen kommt. Der Roman besticht durch akku­ra­te Fak­ten, eine Viel­zahl von Quel­len und einem viel­schich­ti­gen Ver­ständ­nis der Cha­rak­te­re, das sich in spä­te­ren Wer­ken ande­rer Autoren – fik­tio­na­ler wie nicht-fik­tio­na­ler Pro­ve­ni­enz – nicht wie­der­fin­det. Zu Recht urteil­te der His­to­ri­ker Paul Avrich, dass der Roman ein »klas­si­scher Abriss des Falls« sei, und Sin­c­lair selbst war über­zeugt, dass ihn der Roman über­le­ben wer­de.5 Doch auch wenn Sin­c­lair die Span­nun­gen in den anar­chis­ti­schen Milieus der 1920er Jah­re kri­tisch auf­zeig­te und nicht die pazi­fis­ti­sche Legen­de Sac­cos und Van­zet­tis wei­ter­sponn, endet das Buch in einer pathe­ti­schen Beschwö­rung des Traums einer Zivi­li­sa­ti­on, in dem »der Reich­tum den Schöp­fern des Reich­tums gehört« und »die Frucht der Arbeit dem Arbei­ter«, ohne dass die Kate­go­ri­en »Reich­tum« und »Arbeit« in einem gesell­schafts- und öko­no­mie­kri­ti­schen Kon­text hin­ter­fragt wer­den.6 Statt­des­sen bleibt am Ende des Romans nur die frag­wür­di­ge Sen­tenz einer biblisch ver­bräm­ten Vor­stel­lung eines gefrä­ßi­gen Sozia­lis­mus: »Was mei­ne Aus­er­wähl­ten mit eige­nen Hän­den erar­bei­tet haben, wer­den sie sel­ber ver­brau­chen« (Jesa­ja 65, 21–22). Von Nach­hal­tig­keit ist kei­ne Rede.

In sei­nem Roman lässt Sin­c­lair die mög­li­che Ver­stri­ckung Sac­cos und/oder Van­zet­tis in den Über­fall offen. Den­noch wird in Anleh­nung an die weit­hin ange­wand­te anar­chis­ti­sche Pra­xis der »Ent­eig­nung« die Mög­lich­keit der »Expro­pria­ti­on« als Reak­ti­on auf emp­fun­de­nes sozia­les Unrecht dis­ku­tiert. Die­se Pra­xis wur­de im Umfeld des ita­lie­ni­schen Agi­ta­tors Lui­gi Gal­lea­ni, zu deren Anhän­gern Sac­co und Van­zet­ti zähl­ten, zumin­dest für legi­tim gehal­ten. Auf der ame­ri­ka­ni­schen Sei­te mani­fes­tier­te sich die Auf­leh­nung gegen den Staat in his­to­ri­schen Figu­ren wie John Brown oder Hen­ry David Tho­reau, die in Sin­c­lairs Dis­kus­si­on revo­lu­tio­nä­rer Gewalt als poten­zi­el­le Vor­läu­fer einer eman­zi­pa­to­ri­schen Pra­xis auf­tre­ten.

 

Sin­c­lair stieg in die Geschich­te als ein »muck­ra­ker« hin­ab, als ein talen­tier­ter pro­gres­si­ver Jour­na­list und Refor­mer ohne irgend­ei­ne lite­ra­ri­sche Tech­nik.«7 — Mor­ris Dick­stein

Dass Sin­c­lair sich in der Schuld­fra­ge in Bezug auf Sac­co und Van­zet­ti nicht fest­leg­te, stieß den Kri­ti­kern der anar­chis­ti­schen Zeit­schrift Road to Free­dom nega­tiv auf. So grif­fen sie den sozia­lis­ti­schen Autor als kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Schrei­ber­ling an, ohne sich mit den Fak­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, die der »sozia­le Detek­tiv« (wie ihn Alfred Kazin nann­te) lie­fer­te.8

 

It’s a Phoney World

Upton Sinclair - 1906

Upt­on Sin­c­lair — 1906

In sei­nem Nach­wort lobt dage­gen Diet­mar Dath, der als Jour­na­list auf der Gehalts­lis­te der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung steht, das »Inein­an­der­grei­fen von Recher­che und Erzähl­kunst« bei Sin­c­lair, dem eine »Abbil­dung einer sozia­len Tota­li­tät« im Sin­ne Georg Lukács gelun­gen sei. Alle Grup­pen, die in einer Gesell­schaft vor­kom­men und deren Geschich­te ent­we­der len­ken oder exem­pla­risch erlei­den, soll­ten nach Lukács auch im Roman auf­tre­ten, und der Stand­punkt [sic!], den das Kunst­werk ein­neh­me, sol­le sie alle über­bli­cken.9 Aus dem leni­nis­ti­schen Mau­so­le­um star­ren die toten Augen des Zel­lu­loid-Agen­ten über die leh­mi­gen Grä­ben. Wäh­rend Dath Elo­gen auf die »Roman­kunst« Sin­c­lairs hält und über »Wahr­heit und Revo­lu­ti­on« schwa­dro­niert, echauf­fiert sich sein FAZ-Kol­le­ge Jas­per von Alten­bockum nach den »Riots« wäh­rend des G20-Gip­fels in Ham­burg im Juli 2017 über den »anwalt­li­chen Not­dienst« der »Links­ex­tre­mis­ten«, die »Rechts­ver­dre­her«, die der Poli­zei in den Rücken gefal­len sei­en.10 In sol­chen »Aus­nah­me­si­tua­tio­nen«, wie sie der FAZ-Jour­na­list wahr­nimmt, sol­len offen­bar rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en – wie schon in den 1920er Jah­ren – außer Kraft gesetzt wer­den. Als »Muck­ra­ker« wer­den daher weder Dath noch von Alten­bockum in Erin­ne­rung blei­ben. So hät­te Upt­on Sin­c­lair, »einer der gro­ßen Sozi­al­his­to­ri­ker der moder­nen Zeit«11 (als den ihn Alfred Kazin beschrieb) eine wür­di­ge­re »Nach­re­de« als die­ses »pho­ney busi­ness« aus den leni­nis­ti­schen Kata­kom­ben ver­dient.

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Upt­on Sin­c­lair.
Bos­ton. Ein zeit­his­to­ri­scher Roman
Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Vio­la Sie­ge­mund.
Mit einem Nach­wort von Diet­mar Dath.
Zürich: Manes­se Ver­lag, 2017.
1030 Sei­ten, 42 EUR.

 

 

Bildquellen



Nico­la Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti — Wiki­me­dia Com­mons

Cover: Upt­on Sin­c­lair — Bos­ton — Manes­se Ver­lag

März-Cover “Bos­ton” — Phi­lo Fine Arts, Ham­burg 2011

Upt­on Sin­c­lair 1906 — Wiki­me­dia Com­mons

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 10 (Okto­ber 2017)
© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Broo­ke L. Blo­wer, Beco­m­ing Ame­ri­cans in Paris: Trans­at­lan­tic Poli­tics and Cul­tu­re bet­ween the World Wars (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2011), S. 93–130
  2. Robert C. Rosen, John Dos Pas­sos: Poli­tics and the Wri­ter (Lin­coln: Uni­ver­si­ty of Nebras­ka Press, 1981), S. 52–56
  3. Robert Coo­ver, The Public Bur­ning (1976; rpt. New York: Gro­ve Press, 1998). In sei­nem Vor­wort zur Gro­ve-Aus­ga­be wies Wil­liam Gass auf die »Hexenjagd«-Tradition in der US-ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te von Sac­co und Van­zet­ti bis zu den Rosen­bergs im Kal­ten Krieg hin. (ibid., S. xi)
  4. Dani­el Aaron, Wri­ters on the Left: Epi­so­des in Ame­ri­can Litera­ry Com­mu­nism (1961; rpt. New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 1992), S. 172; John Dos Pas­sos, U.S.A. (New York: Libra­ry of Ame­ri­ca, 1996), S. 1158
  5. Paul Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty­Press, 1991), S. 161
  6. Upt­on Sin­c­lair, Bos­ton (Zürich Manes­se, 2017), S. 969
  7. Mor­ris Dick­stein, A Mir­ror in the Road­view: Lite­ra­tu­re and the Real World (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2005), S. 41
  8. Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground, S. 162; Alfred Kazin, On Nati­ve Grounds: An Inter­pre­ta­ti­on of Modern Ame­ri­can Pro­se Lite­ra­tu­re (1942; rpt. New York: Har­court Brace, 1992), S. 120
  9. Diet­mar Dath, »Der schein­de­fek­te Wahr­heits­au­to­mat oder Was hat Recher­che mit Roman­kunst zu tun?«, in: Sin­c­lair, Bos­ton, S. 1001–1002
  10. Jas­per van Alten­bockum, »Kapi­tu­la­ti­on des Staa­tes«, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 10. Juli 2017
  11. Kazin, On Nati­ve Grounds, S.121

Flattr this!

Upton Sinclair: Boston

Vom Sterben zweier »obskurer Radikaler«

 

Upton Sinclairs Roman Boston liegt in einer deutschen Neuübersetzung vor

Von Jörg Auberg

 

Am Abend des 23. August 1927, nach­dem in Charles­town (Mas­sa­chu­setts) die bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten Nico­la Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti auf dem elek­tri­schen Stuhl hin­ge­rich­tet wor­den waren, ent­lu­den sich am rech­ten Sei­ne-Ufer von Paris hef­ti­ge Kra­wal­le. Demons­tran­ten lie­fen durch die Stra­ßen und zer­schlu­gen Kios­ke und Schau­fens­ter. Vor der US-ame­ri­ka­ni­schen Bot­schaft gin­gen Ster­nen­ban­ner in Flam­men auf, und selbst in Pari­ser Cafés rich­te­te sich die Wut auf­ge­brach­ter lin­ker Pari­ser gegen Gäs­te, deren US-ame­ri­ka­ni­sche Natio­na­li­tät ruch­bar wur­de.1

 

Die geschlagene Generation

Nicola Sacco (rechts) und Bartolemeo Vanzetti (links), 1923

Nico­la Sac­co (rechts) und Bar­to­le­meo Van­zet­ti (links), 1923

Die bei­den Exe­ku­tier­ten reprä­sen­tier­ten in den Augen der Demons­tran­ten jene radi­ka­le Oppo­si­ti­on, die nach dem Ers­ten Welt­krieg ins Visier der staat­li­chen Repres­si­on und der natio­na­lis­ti­schen Restau­ra­ti­on in der reak­tio­nä­ren Nach­kriegs­zeit geriet. Ihr inter­na­tio­na­ler cau­se célèb­re befeu­er­te die poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung »links­af­fi­ner« Autoren wie John Dos Pas­sos, Edmund Wil­son, Mal­colm Cow­ley oder Jose­phi­ne Herbst. Vor allem für Dos Pas­sos sym­bo­li­sier­ten die bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten einen Gegen­pol zum indus­tria­li­sier­ten, vom Groß­ka­pi­tal beherrsch­ten Ame­ri­ka. In sei­nen Augen reprä­sen­tier­ten sie eine medi­ter­ra­ne Kul­tur der »ein­fa­chen Leu­te«, wel­che die pas­to­ra­le Visi­on einer bes­se­ren Welt wach­hielt.2

Die Hin­rich­tung der bei­den Anar­chis­ten bedeu­te­te für vie­le Intel­lek­tu­el­le und Künst­ler jener Zeit eine tie­fe Erschüt­te­rung des libe­ra­len Glau­bens an die Funk­ti­ons­fä­hig­keit staat­li­cher Insti­tu­tio­nen und der demo­kra­ti­schen Rechts­staat­lich­keit unter dem Dik­tat eines schein­bar omni­po­ten­ten Kapi­ta­lis­mus. Die »öffent­li­che Ver­bren­nung«3 (Robert Coo­ver) zwei­er »obsku­rer Radi­ka­ler« beschleu­nig­te – wie Robert Morrs Lovett in der Zeit­schrift Modern Quar­ter­ly schrieb — die Abkehr vie­ler ame­ri­ka­ni­scher Künst­ler und Intel­lek­tu­el­ler von ihren alten Affi­lia­tio­nen – in poli­ti­scher wie in kul­tu­rel­ler Hin­sicht. Zugleich bedeu­te­te der Tod Sac­cos und Van­zet­tis, der trotz einer welt­wei­ten Soli­da­ri­täts­kam­pa­gne nicht ver­hin­dert wer­den konn­te, eine trau­ma­ti­sche Nie­der­la­ge, die Dos Pas­sos am Schluss sei­ner USA-Tri­lo­gie mit den Wor­ten »we stand defea­ted Ame­ri­ca« auf den Punkt brach­te – als wäre es eine Grab­in­schrift für die »geschla­ge­ne Genera­ti­on«.4

 

Journalismus und Fiktion

Upton Sinclair: Boston (Manesse, 2017)

Upt­on Sin­c­lair: Bos­ton (Manes­se, 2017)

In sei­nem Roman Bos­ton, der ein Jahr nach der Exe­ku­ti­on Sac­cos und Van­zet­tis erschien und nun in einer neu­en Über­set­zung von Vio­la Sie­ge­mund vor­liegt, bet­tet Upt­on Sin­c­lair die Geschich­te die­ses cau­se célèb­re in eine pan­ora­ma­ti­schen Dar­stel­lung über die kapi­ta­lis­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se in der Metro­po­le von Mas­sa­chu­setts ein. Im Zen­trum des Romans steht Cor­ne­lia Thorn­well, die nach dem Tod ihres Man­nes Josiah Quin­cy Thorn­well, des ehe­ma­li­gen Gou­ver­neurs von Mas­sa­chu­setts, ihre Frei­heit zurück­ge­winnt und dem Clan der Thorn­wells den Rücken kehrt. Die »durch­ge­brann­te Groß­mutter« (wie Sin­c­lair sie nennt) ver­dingt sich als »Pro­le­ta­rie­rin auf Zeit« in einer Tau­fa­brik, in der sie Bar­to­lo­meo Van­zet­ti ken­nen­lernt.

Mit­tels die­ser grob­schläch­ti­gen Kon­struk­ti­on stellt Sin­c­lair die Ver­bin­dung zwi­schen dem Milieu der ita­lie­ni­schen Arbeits­im­mi­gran­ten und der herr­schen­den Klas­se von Bos­ton her, die in Poli­tik, Wirt­schaft, Jus­tiz und Wis­sen­schaft die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se bestimmt und kor­rum­piert. Als im Mai 1920 Sac­co und Van­zet­ti wegen Betei­li­gung an einem Raub­mord in South Brain­tree (Mas­sa­chu­setts) ver­haf­tet und spä­ter ver­ur­teilt wer­den, stel­len sich Cor­ne­lia und ihre eben­falls zur Lin­ken ten­die­ren­de Enke­lin Bet­ty in den Dienst der Ver­tei­di­gung der bei­den ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten.

In sei­nem Roman arbei­tet Sin­c­lair, der im Vor­feld sei­nes Schrei­bens inten­si­ve Recher­chen betrie­ben hat­te, die sie­ben­jäh­ri­ge Geschich­te des Mar­ty­ri­ums der bei­den Ange­klag­ten auf, wobei er mit sei­nen bei­den »Klas­sen­ver­rä­te­rin­nen« Cor­ne­lia und Bet­ty die Ver­dor­ben­heit und Kor­rup­ti­on, die Ver­schla­gen­heit der herr­schen­den »Kas­te« beschreibt, ohne dass der Autor tie­fe­re psy­cho­lo­gi­sche Schich­ten der Figu­ren offen­legt. Stets schon prä­sen­tiert der all­wis­sen­de Erzäh­ler das Gesche­hen wie auf einer Guck­kas­ten­büh­ne und lie­fert Kom­men­tar und Ein­schät­zung gleich mit. Obgleich Sin­c­lair Van­zet­ti am Ende den Sta­tus eines Hei­li­gen erteilt, der sich vor sei­ner Hin­rich­tung mit­tels eines mön­chi­schen Stu­di­ums zur Weis­heit empor­ar­bei­tet, hebt er den­noch immer die »Schlicht­heit« und »Ein­fäl­tig­keit« der ita­lie­ni­schen Anar­chis­ten her­vor.

Ausgabe Ausgabe von Upton Sinclairs Roman Boston im März Verlag (1978)

Aus­ga­be von Upt­on Sin­c­lairs Roman Bos­ton im März Ver­lag (1978)

Trotz allem zeich­net Sin­c­lair ein kom­ple­xe­res Bild des Fal­les, als es in der gän­gi­gen Legen­de vom »guten Schuh­ma­cher« und »armen Fisch­händ­ler« zum Tra­gen kommt. Der Roman besticht durch akku­ra­te Fak­ten, eine Viel­zahl von Quel­len und einem viel­schich­ti­gen Ver­ständ­nis der Cha­rak­te­re, das sich in spä­te­ren Wer­ken ande­rer Autoren – fik­tio­na­ler wie nicht-fik­tio­na­ler Pro­ve­ni­enz – nicht wie­der­fin­det. Zu Recht urteil­te der His­to­ri­ker Paul Avrich, dass der Roman ein »klas­si­scher Abriss des Falls« sei, und Sin­c­lair selbst war über­zeugt, dass ihn der Roman über­le­ben wer­de.5 Doch auch wenn Sin­c­lair die Span­nun­gen in den anar­chis­ti­schen Milieus der 1920er Jah­re kri­tisch auf­zeig­te und nicht die pazi­fis­ti­sche Legen­de Sac­cos und Van­zet­tis wei­ter­sponn, endet das Buch in einer pathe­ti­schen Beschwö­rung des Traums einer Zivi­li­sa­ti­on, in dem »der Reich­tum den Schöp­fern des Reich­tums gehört« und »die Frucht der Arbeit dem Arbei­ter«, ohne dass die Kate­go­ri­en »Reich­tum« und »Arbeit« in einem gesell­schafts- und öko­no­mie­kri­ti­schen Kon­text hin­ter­fragt wer­den.6 Statt­des­sen bleibt am Ende des Romans nur die frag­wür­di­ge Sen­tenz einer biblisch ver­bräm­ten Vor­stel­lung eines gefrä­ßi­gen Sozia­lis­mus: »Was mei­ne Aus­er­wähl­ten mit eige­nen Hän­den erar­bei­tet haben, wer­den sie sel­ber ver­brau­chen« (Jesa­ja 65, 21–22). Von Nach­hal­tig­keit ist kei­ne Rede.

In sei­nem Roman lässt Sin­c­lair die mög­li­che Ver­stri­ckung Sac­cos und/oder Van­zet­tis in den Über­fall offen. Den­noch wird in Anleh­nung an die weit­hin ange­wand­te anar­chis­ti­sche Pra­xis der »Ent­eig­nung« die Mög­lich­keit der »Expro­pria­ti­on« als Reak­ti­on auf emp­fun­de­nes sozia­les Unrecht dis­ku­tiert. Die­se Pra­xis wur­de im Umfeld des ita­lie­ni­schen Agi­ta­tors Lui­gi Gal­lea­ni, zu deren Anhän­gern Sac­co und Van­zet­ti zähl­ten, zumin­dest für legi­tim gehal­ten. Auf der ame­ri­ka­ni­schen Sei­te mani­fes­tier­te sich die Auf­leh­nung gegen den Staat in his­to­ri­schen Figu­ren wie John Brown oder Hen­ry David Tho­reau, die in Sin­c­lairs Dis­kus­si­on revo­lu­tio­nä­rer Gewalt als poten­zi­el­le Vor­läu­fer einer eman­zi­pa­to­ri­schen Pra­xis auf­tre­ten.

 

Sin­c­lair stieg in die Geschich­te als ein »muck­ra­ker« hin­ab, als ein talen­tier­ter pro­gres­si­ver Jour­na­list und Refor­mer ohne irgend­ei­ne lite­ra­ri­sche Tech­nik.«7 — Mor­ris Dick­stein

Dass Sin­c­lair sich in der Schuld­fra­ge in Bezug auf Sac­co und Van­zet­ti nicht fest­leg­te, stieß den Kri­ti­kern der anar­chis­ti­schen Zeit­schrift Road to Free­dom nega­tiv auf. So grif­fen sie den sozia­lis­ti­schen Autor als kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren Schrei­ber­ling an, ohne sich mit den Fak­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen, die der »sozia­le Detek­tiv« (wie ihn Alfred Kazin nann­te) lie­fer­te.8

 

It’s a Phoney World

Upton Sinclair - 1906

Upt­on Sin­c­lair — 1906

In sei­nem Nach­wort lobt dage­gen Diet­mar Dath, der als Jour­na­list auf der Gehalts­lis­te der Frank­fur­ter All­ge­mei­nen Zei­tung steht, das »Inein­an­der­grei­fen von Recher­che und Erzähl­kunst« bei Sin­c­lair, dem eine »Abbil­dung einer sozia­len Tota­li­tät« im Sin­ne Georg Lukács gelun­gen sei. Alle Grup­pen, die in einer Gesell­schaft vor­kom­men und deren Geschich­te ent­we­der len­ken oder exem­pla­risch erlei­den, soll­ten nach Lukács auch im Roman auf­tre­ten, und der Stand­punkt [sic!], den das Kunst­werk ein­neh­me, sol­le sie alle über­bli­cken.9 Aus dem leni­nis­ti­schen Mau­so­le­um star­ren die toten Augen des Zel­lu­loid-Agen­ten über die leh­mi­gen Grä­ben. Wäh­rend Dath Elo­gen auf die »Roman­kunst« Sin­c­lairs hält und über »Wahr­heit und Revo­lu­ti­on« schwa­dro­niert, echauf­fiert sich sein FAZ-Kol­le­ge Jas­per von Alten­bockum nach den »Riots« wäh­rend des G20-Gip­fels in Ham­burg im Juli 2017 über den »anwalt­li­chen Not­dienst« der »Links­ex­tre­mis­ten«, die »Rechts­ver­dre­her«, die der Poli­zei in den Rücken gefal­len sei­en.10 In sol­chen »Aus­nah­me­si­tua­tio­nen«, wie sie der FAZ-Jour­na­list wahr­nimmt, sol­len offen­bar rechts­staat­li­che Prin­zi­pi­en – wie schon in den 1920er Jah­ren – außer Kraft gesetzt wer­den. Als »Muck­ra­ker« wer­den daher weder Dath noch von Alten­bockum in Erin­ne­rung blei­ben. So hät­te Upt­on Sin­c­lair, »einer der gro­ßen Sozi­al­his­to­ri­ker der moder­nen Zeit«11 (als den ihn Alfred Kazin beschrieb) eine wür­di­ge­re »Nach­re­de« als die­ses »pho­ney busi­ness« aus den leni­nis­ti­schen Kata­kom­ben ver­dient.

 

Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Upt­on Sin­c­lair.
Bos­ton. Ein zeit­his­to­ri­scher Roman
Aus dem ame­ri­ka­ni­schen Eng­lisch von Vio­la Sie­ge­mund.
Mit einem Nach­wort von Diet­mar Dath.
Zürich: Manes­se Ver­lag, 2017.
1030 Sei­ten, 42 EUR.

 

 

Bildquellen



Nico­la Sac­co und Bar­to­lo­meo Van­zet­ti — Wiki­me­dia Com­mons

Cover: Upt­on Sin­c­lair — Bos­ton — Manes­se Ver­lag

März-Cover “Bos­ton” — Phi­lo Fine Arts, Ham­burg 2011

Upt­on Sin­c­lair 1906 — Wiki­me­dia Com­mons

 

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 10 (Okto­ber 2017)
© Jörg Auberg 2017

Nachweise

  1. Broo­ke L. Blo­wer, Beco­m­ing Ame­ri­cans in Paris: Trans­at­lan­tic Poli­tics and Cul­tu­re bet­ween the World Wars (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2011), S. 93–130
  2. Robert C. Rosen, John Dos Pas­sos: Poli­tics and the Wri­ter (Lin­coln: Uni­ver­si­ty of Nebras­ka Press, 1981), S. 52–56
  3. Robert Coo­ver, The Public Bur­ning (1976; rpt. New York: Gro­ve Press, 1998). In sei­nem Vor­wort zur Gro­ve-Aus­ga­be wies Wil­liam Gass auf die »Hexenjagd«-Tradition in der US-ame­ri­ka­ni­schen Geschich­te von Sac­co und Van­zet­ti bis zu den Rosen­bergs im Kal­ten Krieg hin. (ibid., S. xi)
  4. Dani­el Aaron, Wri­ters on the Left: Epi­so­des in Ame­ri­can Litera­ry Com­mu­nism (1961; rpt. New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 1992), S. 172; John Dos Pas­sos, U.S.A. (New York: Libra­ry of Ame­ri­ca, 1996), S. 1158
  5. Paul Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty­Press, 1991), S. 161
  6. Upt­on Sin­c­lair, Bos­ton (Zürich Manes­se, 2017), S. 969
  7. Mor­ris Dick­stein, A Mir­ror in the Road­view: Lite­ra­tu­re and the Real World (Prince­ton: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 2005), S. 41
  8. Avrich, Sac­co and Van­zet­ti: The Anar­chist Back­ground, S. 162; Alfred Kazin, On Nati­ve Grounds: An Inter­pre­ta­ti­on of Modern Ame­ri­can Pro­se Lite­ra­tu­re (1942; rpt. New York: Har­court Brace, 1992), S. 120
  9. Diet­mar Dath, »Der schein­de­fek­te Wahr­heits­au­to­mat oder Was hat Recher­che mit Roman­kunst zu tun?«, in: Sin­c­lair, Bos­ton, S. 1001–1002
  10. Jas­per van Alten­bockum, »Kapi­tu­la­ti­on des Staa­tes«, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 10. Juli 2017
  11. Kazin, On Nati­ve Grounds, S.121

Flattr this!

No Comments

Leave a Comment

Please be polite. We appreciate that.
Your email address will not be published and required fields are marked.


zwei × fünf =

*