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Paul Nizan: Antoine Bloyé

Chronik eines Verrats

Apropos de Nizan: Antoine Bloyé

 

Von Jörg Auberg

 

 

 

Die heu­ti­gen Phi­lo­so­phen scheu­en sich noch, zuzu­ge­ben, daß sie die Men­schen um der Bour­geoi­sie wil­len ver­ra­ten haben«, schrieb Paul Niz­an am Ende sei­nes Pam­phlets Die Wach­hun­de (1932). »Wenn wir heu­te die Bour­geoi­sie um der Men­schen wil­len ver­ra­ten, soll­ten wir uns nicht scheu­en zu geste­hen, daß wir Ver­rä­ter sind.« Der Ver­rat ist ein wie­der­keh­ren­des Motiv im schma­len Werk Niz­ans, der 35-jäh­rig 1940 als Sol­dat bei Dün­kir­chen getö­tet wur­de. In sei­nem Roman Die Ver­schwö­rung (1938) ist es der klein­bür­ger­li­che Ver­rä­ter Plu­vina­ge, der die Revol­te einer Grup­pe jun­ger Intel­lek­tu­el­ler schei­tern lässt, wäh­rend Antoi­ne Bloyé im gleich­na­mi­gen Roman (1933) als Preis sei­nes Auf­stiegs vom Arbei­ter zum Inge­nieur bei der fran­zö­si­schen Eisen­bahn sei­ne Klas­se ver­rät. Als Niz­an im Sep­tem­ber 1939 nach dem Hit­ler-Sta­lin-Pakt die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei nach zwölf Jah­ren der Zuge­hö­rig­keit ver­ließ, galt er fort­hin als Ver­rä­ter, des­sen Name aus der Geschich­te getilgt wer­den soll­te. Nicht allein Sta­lins fran­zö­si­scher Stell­ver­tre­ter Mau­rice Tho­rez denun­zier­te ihn als ein vom Innen­mi­nis­te­ri­um in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein­ge­schleus­ter Poli­zei­spit­zel, son­dern auch Par­tei­in­tel­lek­tu­el­le wie Lou­is Ara­gon – in sei­nem Roman Die Kom­mu­nis­ten (1949) – und Hen­ri Lefèb­v­re betei­lig­ten sich an der Ruf­mord­kam­pa­gne gegen den eins­ti­gen Weg­ge­fähr­ten. Erst nach 1960 setz­te – nicht zuletzt auf­grund des Enga­ge­ments Jean-Paul Sar­tres – eine Niz­an-Renais­sance in Frank­reich ein, wo das Œuvre des Autors bis heu­te im Buch­han­del erhält­lich ist.

 

Paul Nizan in den 1930er Jahren

Paul Niz­an in den 1930er Jah­ren

»In Deutsch­land tut sich die Rezep­ti­on Paul Niz­ans schwer«, bemerk­te Delf Schmidt 1973 im Nach­wort zu einer deut­schen Aus­ga­be von lite­ra­ri­schen und poli­ti­schen Auf­sät­zen Niz­ans aus den drei­ßi­ger Jah­ren. In den sieb­zi­ger Jah­ren erschie­nen die Wer­ke Niz­ans zwar auch in den bei­den deut­schen Staa­ten, doch ver­schwan­den sie auch schnell wie­der von der Bild­flä­che. Eine dau­er­haf­te Prä­senz im deutsch­spra­chi­gen Raum blieb Niz­an ver­wehrt: Sei­ne Roma­ne und Essays, die bei Rowohlt, Rogner & Bern­hardt und Dumont erschie­nen, sind heu­te allen­falls anti­qua­risch bezieh­bar.

Für Niz­an war Antoi­ne Bloyé in das Pro­jekt der »revo­lu­tio­nä­ren Lite­ra­tur« als Anti­po­de zur »popu­lis­ti­schen« wie »pro­le­ta­ri­schen« Lite­ra­tur der drei­ßi­ger Jah­re ein­ge­bun­den. »Die revo­lu­tio­nä­re Lite­ra­tur wird all ihre Gegen­stän­de, dar­un­ter auch das Pro­le­ta­ri­at, mit den Waf­fen der Phi­lo­so­phie und der revo­lu­tio­nä­ren, mar­xis­ti­schen Kri­tik behan­deln«, pos­tu­lier­te Niz­an 1932. In sei­nem Roman unter­zieht er sei­nen Gegen­stand – den aus pro­le­ta­ri­schen Ver­hält­nis­sen ins Klein­bür­ger­tum auf­stei­gen­den Eisen­bah­ner – einer radi­ka­len Kri­tik. Der Preis des Auf­stiegs ist der des Ver­rats, der Anpas­sung, der Ent­frem­dung und der Ver­flüch­ti­gung des Lebens in den fal­schen Regio­nen der Exis­tenz, die unter den Geset­zen der kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft voll­zo­gen wird. Antoi­ne Bloyé ist dem Vater Niz­ans nach­emp­fun­den, zugleich aber Arche­typ eines sozia­len Agen­ten, des­sen schein­ba­re Chan­cen in der Durch­läs­sig­keit der gesell­schaft­li­chen Schich­ten in eine exis­ten­zi­el­le Lee­re füh­ren, an deren Ende sich ein ver­flüch­tig­tes Leben offen­bart.

 

Paul Nizan: Antoine Bloyé (Grasset, 2005)

Paul Niz­an: Antoi­ne Bloyé (Gras­set, 2005)

Am Anfang steht der Tod. Über dem Toten­bett öff­net Niz­an den Blick auf den Prot­ago­nis­ten. Im Jah­re 1926 endet die Geschich­te eines Lebens, das 1864 begann, in die Ent­wick­lun­gen der Eisen­bahn­in­dus­trie und Ver­wick­lun­gen poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Strän­ge ein­ge­bun­den waren, ohne einen eige­nen Ent­wurf prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Immer schon unter­wirft sich Antoi­ne der Gewalt: Zu Hau­se lässt er sich vom Vater mit dem Leder­rie­men ver­prü­geln, und in der Schu­le ver­steht er es, den dres­sier­ten Affen zu spie­len. Ohne sich auf­zu­leh­nen, wird er zum Mate­ri­al in der Pla­nung der Herr­schen­den, und der sozia­le Auf­stieg erweist sich als beson­de­re Form der Ver­stüm­me­lung: »Nicht alle Deklas­sie­run­gen voll­zie­hen sich nach unten.« Antoi­ne selbst emp­fin­det sei­nen Auf­stieg in der Hier­ar­chie als Ver­rat, über­ant­wor­tet sich aber zugleich mit Haut und Haa­ren dem indus­tri­el­len Getrie­be, in dem er nach den Bedürf­nis­sen des anony­men Kom­ple­xes durch die Maschi­nen­strän­ge des Lan­des wie ein belie­big fun­gi­bles Ding mit kärg­lich wach­sen­dem sozia­len Pres­ti­ge ver­scho­ben wird. »Die­ser Mensch ist nur noch eine Filia­le sei­ner Fir­ma […]«, schreibt Sar­te im Fall Bloyé. Das vom Arbei­ter zum Inge­nieur auf­ge­stie­ge­ne »Mons­trum« ver­liert sich im »wor­k­a­ho­lism«, ohne doch von sei­ner Exis­tenz aus­ge­füllt zu sein. Wie der Pil­ger am Ende von Char­lie Chap­lins The Pil­grim läuft er mit je einem Bein auf den Sei­ten der Gren­ze zwi­schen Pro­le­ta­ri­at und Bür­ger­tum ent­lang, ohne weder zur einen noch zur ande­ren zu gehö­ren. Nach der Nie­der­schla­gung eines Streiks, an der er betei­ligt war, wird ihm die eige­ne Zer­ris­sen­heit bewusst. »Er hass­te jetzt die Arbei­ter«, heißt es im Roman, »weil er sie heim­lich benei­de­te, weil er in sei­nem geheims­ten Innern wuß­te, daß in ihrer Nie­der­la­ge mehr Wahr­heit steck­te als in sei­nem bür­ger­li­chen Sieg.«

Bezeich­nend für Niz­ans Tech­nik ist die Ver­we­bung von Erzäh­lung und Kom­men­tar. Der Autor ver­steckt sich nicht hin­ter sei­nen Figu­ren, miss­braucht nie­man­den als sein wehr­lo­ses Mund­stück, son­dern betritt die Sze­ne­rie und kom­men­tiert Vor­gän­ge aus der Per­spek­ti­ve des kri­ti­schen Intel­lek­tu­el­len. »Die Kom­men­ta­re glei­chen Schar­nie­ren«, bemerk­te Lothar Bai­er vor drei­ßig Jah­ren, »die den Raum und die Zeit des Romans mit dem wirk­li­chen Raum und der geschicht­li­chen Zeit ver­bin­den, in die Niz­ans Roman ein­grei­fen will.« Zuwei­len wir­ken man­che Kom­men­ta­re heu­te doch etwas befremd­lich und der männ­li­chen Wahr­neh­mung jener Zeit ver­haf­tet. So beschreibt Niz­an klein­bür­ger­li­che Haus­frau­en wie Bloyés Gat­tin Anne als »in den ein­sa­men Häu­sern der Pro­vinz« hocken­de Spin­nen, die ihre Män­ner mit Gespins­ten umwi­ckeln, »die man nur mit heroi­scher Anstren­gung zer­rei­ßen kann«. Dage­gen zeich­net er Pro­sti­tu­ier­te als »die spon­ta­nen Kom­pli­zin­nen der Frei­heit der Män­ner«, als böten die­se eine anti­bür­ger­li­che, anar­chi­sche Alter­na­ti­ve zur klein­bür­ger­li­chen Inter­es­sen­ge­mein­schaft und unter­lä­gen nicht selbst der Herr­schaft des Mark­tes und der damit ver­bun­de­nen nack­ten Gewalt der Waren­be­zie­hun­gen.

 

Paul Nizan: Das Leben des Antoine B.  (Dumont, 2005)

Paul Niz­an: Das Leben des Antoi­ne B. (Dumont, 2005)

Bloyé ist ein auf sich und sein unmit­tel­ba­res Umfeld fixier­ter Klein­bür­ger, der für poli­ti­sche Ide­en nichts übrig hat und ledig­lich in Frie­den sei­ner Arbeit nach­ge­hen will. Im ers­ten Welt­krieg ver­liert er jedoch sei­nen Lebens­in­halt, als er für Fabri­ka­ti­ons­feh­ler von Gra­na­ten ver­ant­wort­lich gemacht und auf einen unwich­ti­gen Pos­ten ver­setzt wird. Damit beginnt sein Abstieg und all­mäh­li­ches Ver­lö­schen. Die Arbeits­ma­schi­ne ist abrupt in den Leer­lauf geschal­tet wor­den. »Ich bin über­zäh­lig«, gesteht sich Bloyé ein, »ich die­ne zu nichts, ich exis­tie­re schon nicht mehr […] ich habe mein Leben ver­fehlt, ich bin am Ende …« Allein auf Pro­duk­ti­vi­tät und unab­läs­si­ge Tätig­keit geeicht, ero­diert die mensch­li­che Arbeits­ma­schi­ne im Still­stand und zer­fällt. Nach mehr als sech­zig Jah­ren ist es zu spät, die Ver­gan­gen­heit kri­tisch zu betrach­ten und das noch zu ver­blei­ben­de Leben neu zu defi­nie­ren. Schließ­lich ist es »reich­lich spät, um seit lan­gem ver­lo­re­ne Geheim­nis­se zu fin­den«.

An sei­ner Ein­dring­lich­keit hat Niz­ans ein­drucks­vol­ler Roman seit 1933 nichts ver­lo­ren. In einer Gesell­schaft, die sich in ers­ter Linie über Arbeit defi­niert, wäh­rend ande­re Schich­ten der Exis­tenz zu ver­nach­läs­si­gen sind, um den Wirt­schafts­stand­ort oder die Ver­mit­tel­bar­keit nicht zu gefähr­den, bleibt er noch immer aktu­ell.

 

 

 

Bibliografische Angaben:

 

Paul Niz­an.
Antoi­ne Bloyé.
Paris: Gras­set, 2005.
322 Sei­ten, 9,95 EUR.

ISBN: 9782246366539.

 

Paul Niz­an.
Das Leben des Antoi­ne B.
Revi­dier­te Über­set­zung von Ger­da Schef­fel.
Köln: DuMont, 2005.
259 Sei­ten.

Weiterführende Literatur:

Paul Niz­an.

Die Ver­schwö­rung.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­tra­gen von Lothar Bai­er.

Mit einem Nach­wort von Her­bert Nagel und Lothar Bai­er.

Mün­chen: Rogner & Bern­hard, 1975.

268 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Aden/Die Wach­hun­de.

Zwei Pam­phle­te.

Vor­wort von Jean-Paul Sart­re.


Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Trau­gott König.

Rein­bek: Rowohlt Ver­lag, 1969, rpt. 1978.

250 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Für eine neue Kul­tur.

Auf­sät­ze zu Lite­ra­tur und Poli­tik in Frank­reich.

Über­set­zung und Nach­wort von Delf Schmidt.

Rein­bek: Rowohlt Ver­lag, 1973.

247 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Das tro­ja­ni­sche Pferd – Die Ver­schwö­rung – Auf­sät­ze 1932–1938.

Über­setzt von Lothar Bai­er, Delf Schmidt und Wolf­gang Klein.

Ber­lin: Auf­bau Ver­lag, 1979.

536 Sei­ten.

Yves Buin.

Paul Niz­an: La révo­lu­ti­on éphé­mè­re.

Paris: Édi­ti­ons Denoël, 2011.

352 Sei­ten, 23 EUR.

ISBN: 9782207109397.

Bildquellen



Por­tät Paul Niz­an — © Rogner & Bern­hard

Cover Antoi­ne Bloyé — © Édi­ti­ons Gras­set

Cover Das Leben des Antoi­ne B. — © Dumont Ver­lag

Cover Die Ver­schwö­rung — © Rogner & Bern­hard

Cover Aden/Die Wach­hun­de — © Rowohlt Ver­lag

Cover Für eine ande­re Kul­tur — © Rowohlt Ver­lag

Cover Das tro­ja­ni­sche Pferd – Die Ver­schwö­rung – Auf­sät­ze 1932–1938 — © Auf­bau Ver­lag

Cover Paul Niz­an: La révo­lu­ti­on éphé­mè­re — © Édi­ti­ons Denoël

Zuerst erschie­nen in literaturkritik.de, Nr. 10 (Okto­ber 2005) / Über­ar­bei­te­te Fas­sung 2018

© Jörg Auberg 2018

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Paul Nizan: Antoine Bloyé

Chronik eines Verrats

Apropos de Nizan: Antoine Bloyé

 

Von Jörg Auberg

 

 

 

Die heu­ti­gen Phi­lo­so­phen scheu­en sich noch, zuzu­ge­ben, daß sie die Men­schen um der Bour­geoi­sie wil­len ver­ra­ten haben«, schrieb Paul Niz­an am Ende sei­nes Pam­phlets Die Wach­hun­de (1932). »Wenn wir heu­te die Bour­geoi­sie um der Men­schen wil­len ver­ra­ten, soll­ten wir uns nicht scheu­en zu geste­hen, daß wir Ver­rä­ter sind.« Der Ver­rat ist ein wie­der­keh­ren­des Motiv im schma­len Werk Niz­ans, der 35-jäh­rig 1940 als Sol­dat bei Dün­kir­chen getö­tet wur­de. In sei­nem Roman Die Ver­schwö­rung (1938) ist es der klein­bür­ger­li­che Ver­rä­ter Plu­vina­ge, der die Revol­te einer Grup­pe jun­ger Intel­lek­tu­el­ler schei­tern lässt, wäh­rend Antoi­ne Bloyé im gleich­na­mi­gen Roman (1933) als Preis sei­nes Auf­stiegs vom Arbei­ter zum Inge­nieur bei der fran­zö­si­schen Eisen­bahn sei­ne Klas­se ver­rät. Als Niz­an im Sep­tem­ber 1939 nach dem Hit­ler-Sta­lin-Pakt die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei nach zwölf Jah­ren der Zuge­hö­rig­keit ver­ließ, galt er fort­hin als Ver­rä­ter, des­sen Name aus der Geschich­te getilgt wer­den soll­te. Nicht allein Sta­lins fran­zö­si­scher Stell­ver­tre­ter Mau­rice Tho­rez denun­zier­te ihn als ein vom Innen­mi­nis­te­ri­um in die Kom­mu­nis­ti­sche Par­tei ein­ge­schleus­ter Poli­zei­spit­zel, son­dern auch Par­tei­in­tel­lek­tu­el­le wie Lou­is Ara­gon – in sei­nem Roman Die Kom­mu­nis­ten (1949) – und Hen­ri Lefèb­v­re betei­lig­ten sich an der Ruf­mord­kam­pa­gne gegen den eins­ti­gen Weg­ge­fähr­ten. Erst nach 1960 setz­te – nicht zuletzt auf­grund des Enga­ge­ments Jean-Paul Sar­tres – eine Niz­an-Renais­sance in Frank­reich ein, wo das Œuvre des Autors bis heu­te im Buch­han­del erhält­lich ist.

 

Paul Nizan in den 1930er Jahren

Paul Niz­an in den 1930er Jah­ren

»In Deutsch­land tut sich die Rezep­ti­on Paul Niz­ans schwer«, bemerk­te Delf Schmidt 1973 im Nach­wort zu einer deut­schen Aus­ga­be von lite­ra­ri­schen und poli­ti­schen Auf­sät­zen Niz­ans aus den drei­ßi­ger Jah­ren. In den sieb­zi­ger Jah­ren erschie­nen die Wer­ke Niz­ans zwar auch in den bei­den deut­schen Staa­ten, doch ver­schwan­den sie auch schnell wie­der von der Bild­flä­che. Eine dau­er­haf­te Prä­senz im deutsch­spra­chi­gen Raum blieb Niz­an ver­wehrt: Sei­ne Roma­ne und Essays, die bei Rowohlt, Rogner & Bern­hardt und Dumont erschie­nen, sind heu­te allen­falls anti­qua­risch bezieh­bar.

Für Niz­an war Antoi­ne Bloyé in das Pro­jekt der »revo­lu­tio­nä­ren Lite­ra­tur« als Anti­po­de zur »popu­lis­ti­schen« wie »pro­le­ta­ri­schen« Lite­ra­tur der drei­ßi­ger Jah­re ein­ge­bun­den. »Die revo­lu­tio­nä­re Lite­ra­tur wird all ihre Gegen­stän­de, dar­un­ter auch das Pro­le­ta­ri­at, mit den Waf­fen der Phi­lo­so­phie und der revo­lu­tio­nä­ren, mar­xis­ti­schen Kri­tik behan­deln«, pos­tu­lier­te Niz­an 1932. In sei­nem Roman unter­zieht er sei­nen Gegen­stand – den aus pro­le­ta­ri­schen Ver­hält­nis­sen ins Klein­bür­ger­tum auf­stei­gen­den Eisen­bah­ner – einer radi­ka­len Kri­tik. Der Preis des Auf­stiegs ist der des Ver­rats, der Anpas­sung, der Ent­frem­dung und der Ver­flüch­ti­gung des Lebens in den fal­schen Regio­nen der Exis­tenz, die unter den Geset­zen der kapi­ta­lis­ti­schen Herr­schaft voll­zo­gen wird. Antoi­ne Bloyé ist dem Vater Niz­ans nach­emp­fun­den, zugleich aber Arche­typ eines sozia­len Agen­ten, des­sen schein­ba­re Chan­cen in der Durch­läs­sig­keit der gesell­schaft­li­chen Schich­ten in eine exis­ten­zi­el­le Lee­re füh­ren, an deren Ende sich ein ver­flüch­tig­tes Leben offen­bart.

 

Paul Nizan: Antoine Bloyé (Grasset, 2005)

Paul Niz­an: Antoi­ne Bloyé (Gras­set, 2005)

Am Anfang steht der Tod. Über dem Toten­bett öff­net Niz­an den Blick auf den Prot­ago­nis­ten. Im Jah­re 1926 endet die Geschich­te eines Lebens, das 1864 begann, in die Ent­wick­lun­gen der Eisen­bahn­in­dus­trie und Ver­wick­lun­gen poli­ti­scher und gesell­schaft­li­cher Strän­ge ein­ge­bun­den waren, ohne einen eige­nen Ent­wurf prä­sen­tie­ren zu kön­nen. Immer schon unter­wirft sich Antoi­ne der Gewalt: Zu Hau­se lässt er sich vom Vater mit dem Leder­rie­men ver­prü­geln, und in der Schu­le ver­steht er es, den dres­sier­ten Affen zu spie­len. Ohne sich auf­zu­leh­nen, wird er zum Mate­ri­al in der Pla­nung der Herr­schen­den, und der sozia­le Auf­stieg erweist sich als beson­de­re Form der Ver­stüm­me­lung: »Nicht alle Deklas­sie­run­gen voll­zie­hen sich nach unten.« Antoi­ne selbst emp­fin­det sei­nen Auf­stieg in der Hier­ar­chie als Ver­rat, über­ant­wor­tet sich aber zugleich mit Haut und Haa­ren dem indus­tri­el­len Getrie­be, in dem er nach den Bedürf­nis­sen des anony­men Kom­ple­xes durch die Maschi­nen­strän­ge des Lan­des wie ein belie­big fun­gi­bles Ding mit kärg­lich wach­sen­dem sozia­len Pres­ti­ge ver­scho­ben wird. »Die­ser Mensch ist nur noch eine Filia­le sei­ner Fir­ma […]«, schreibt Sar­te im Fall Bloyé. Das vom Arbei­ter zum Inge­nieur auf­ge­stie­ge­ne »Mons­trum« ver­liert sich im »wor­k­a­ho­lism«, ohne doch von sei­ner Exis­tenz aus­ge­füllt zu sein. Wie der Pil­ger am Ende von Char­lie Chap­lins The Pil­grim läuft er mit je einem Bein auf den Sei­ten der Gren­ze zwi­schen Pro­le­ta­ri­at und Bür­ger­tum ent­lang, ohne weder zur einen noch zur ande­ren zu gehö­ren. Nach der Nie­der­schla­gung eines Streiks, an der er betei­ligt war, wird ihm die eige­ne Zer­ris­sen­heit bewusst. »Er hass­te jetzt die Arbei­ter«, heißt es im Roman, »weil er sie heim­lich benei­de­te, weil er in sei­nem geheims­ten Innern wuß­te, daß in ihrer Nie­der­la­ge mehr Wahr­heit steck­te als in sei­nem bür­ger­li­chen Sieg.«

Bezeich­nend für Niz­ans Tech­nik ist die Ver­we­bung von Erzäh­lung und Kom­men­tar. Der Autor ver­steckt sich nicht hin­ter sei­nen Figu­ren, miss­braucht nie­man­den als sein wehr­lo­ses Mund­stück, son­dern betritt die Sze­ne­rie und kom­men­tiert Vor­gän­ge aus der Per­spek­ti­ve des kri­ti­schen Intel­lek­tu­el­len. »Die Kom­men­ta­re glei­chen Schar­nie­ren«, bemerk­te Lothar Bai­er vor drei­ßig Jah­ren, »die den Raum und die Zeit des Romans mit dem wirk­li­chen Raum und der geschicht­li­chen Zeit ver­bin­den, in die Niz­ans Roman ein­grei­fen will.« Zuwei­len wir­ken man­che Kom­men­ta­re heu­te doch etwas befremd­lich und der männ­li­chen Wahr­neh­mung jener Zeit ver­haf­tet. So beschreibt Niz­an klein­bür­ger­li­che Haus­frau­en wie Bloyés Gat­tin Anne als »in den ein­sa­men Häu­sern der Pro­vinz« hocken­de Spin­nen, die ihre Män­ner mit Gespins­ten umwi­ckeln, »die man nur mit heroi­scher Anstren­gung zer­rei­ßen kann«. Dage­gen zeich­net er Pro­sti­tu­ier­te als »die spon­ta­nen Kom­pli­zin­nen der Frei­heit der Män­ner«, als böten die­se eine anti­bür­ger­li­che, anar­chi­sche Alter­na­ti­ve zur klein­bür­ger­li­chen Inter­es­sen­ge­mein­schaft und unter­lä­gen nicht selbst der Herr­schaft des Mark­tes und der damit ver­bun­de­nen nack­ten Gewalt der Waren­be­zie­hun­gen.

 

Paul Nizan: Das Leben des Antoine B.  (Dumont, 2005)

Paul Niz­an: Das Leben des Antoi­ne B. (Dumont, 2005)

Bloyé ist ein auf sich und sein unmit­tel­ba­res Umfeld fixier­ter Klein­bür­ger, der für poli­ti­sche Ide­en nichts übrig hat und ledig­lich in Frie­den sei­ner Arbeit nach­ge­hen will. Im ers­ten Welt­krieg ver­liert er jedoch sei­nen Lebens­in­halt, als er für Fabri­ka­ti­ons­feh­ler von Gra­na­ten ver­ant­wort­lich gemacht und auf einen unwich­ti­gen Pos­ten ver­setzt wird. Damit beginnt sein Abstieg und all­mäh­li­ches Ver­lö­schen. Die Arbeits­ma­schi­ne ist abrupt in den Leer­lauf geschal­tet wor­den. »Ich bin über­zäh­lig«, gesteht sich Bloyé ein, »ich die­ne zu nichts, ich exis­tie­re schon nicht mehr […] ich habe mein Leben ver­fehlt, ich bin am Ende …« Allein auf Pro­duk­ti­vi­tät und unab­läs­si­ge Tätig­keit geeicht, ero­diert die mensch­li­che Arbeits­ma­schi­ne im Still­stand und zer­fällt. Nach mehr als sech­zig Jah­ren ist es zu spät, die Ver­gan­gen­heit kri­tisch zu betrach­ten und das noch zu ver­blei­ben­de Leben neu zu defi­nie­ren. Schließ­lich ist es »reich­lich spät, um seit lan­gem ver­lo­re­ne Geheim­nis­se zu fin­den«.

An sei­ner Ein­dring­lich­keit hat Niz­ans ein­drucks­vol­ler Roman seit 1933 nichts ver­lo­ren. In einer Gesell­schaft, die sich in ers­ter Linie über Arbeit defi­niert, wäh­rend ande­re Schich­ten der Exis­tenz zu ver­nach­läs­si­gen sind, um den Wirt­schafts­stand­ort oder die Ver­mit­tel­bar­keit nicht zu gefähr­den, bleibt er noch immer aktu­ell.

 

 

 

Bibliografische Angaben:

 

Paul Niz­an.
Antoi­ne Bloyé.
Paris: Gras­set, 2005.
322 Sei­ten, 9,95 EUR.

ISBN: 9782246366539.

 

Paul Niz­an.
Das Leben des Antoi­ne B.
Revi­dier­te Über­set­zung von Ger­da Schef­fel.
Köln: DuMont, 2005.
259 Sei­ten.

Weiterführende Literatur:

Paul Niz­an.

Die Ver­schwö­rung.

Aus dem Fran­zö­si­schen über­tra­gen von Lothar Bai­er.

Mit einem Nach­wort von Her­bert Nagel und Lothar Bai­er.

Mün­chen: Rogner & Bern­hard, 1975.

268 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Aden/Die Wach­hun­de.

Zwei Pam­phle­te.

Vor­wort von Jean-Paul Sart­re.


Her­aus­ge­ge­ben und über­setzt von Trau­gott König.

Rein­bek: Rowohlt Ver­lag, 1969, rpt. 1978.

250 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Für eine neue Kul­tur.

Auf­sät­ze zu Lite­ra­tur und Poli­tik in Frank­reich.

Über­set­zung und Nach­wort von Delf Schmidt.

Rein­bek: Rowohlt Ver­lag, 1973.

247 Sei­ten.

Paul Niz­an.

Das tro­ja­ni­sche Pferd – Die Ver­schwö­rung – Auf­sät­ze 1932–1938.

Über­setzt von Lothar Bai­er, Delf Schmidt und Wolf­gang Klein.

Ber­lin: Auf­bau Ver­lag, 1979.

536 Sei­ten.

Yves Buin.

Paul Niz­an: La révo­lu­ti­on éphé­mè­re.

Paris: Édi­ti­ons Denoël, 2011.

352 Sei­ten, 23 EUR.

ISBN: 9782207109397.

Bildquellen



Por­tät Paul Niz­an — © Rogner & Bern­hard

Cover Antoi­ne Bloyé — © Édi­ti­ons Gras­set

Cover Das Leben des Antoi­ne B. — © Dumont Ver­lag

Cover Die Ver­schwö­rung — © Rogner & Bern­hard

Cover Aden/Die Wach­hun­de — © Rowohlt Ver­lag

Cover Für eine ande­re Kul­tur — © Rowohlt Ver­lag

Cover Das tro­ja­ni­sche Pferd – Die Ver­schwö­rung – Auf­sät­ze 1932–1938 — © Auf­bau Ver­lag

Cover Paul Niz­an: La révo­lu­ti­on éphé­mè­re — © Édi­ti­ons Denoël

Zuerst erschie­nen in literaturkritik.de, Nr. 10 (Okto­ber 2005) / Über­ar­bei­te­te Fas­sung 2018

© Jörg Auberg 2018

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