Benjamin Moser — Sontag: Her Life

B

Eine dunkle Dame in Manhattan

Marginalien zu Benjamin Mosers Biografie über Susan Sontag

 

Von Jörg Auberg

In einem weg­wei­sen­den Essay unter dem Titel »The Dark Lady of Salem« bezeich­ne­te Phil­ip Rahv, einer der Grün­der und Mit­her­aus­ge­ber der legen­dä­ren Zeit­schrift Par­ti­san Review, Natha­ni­el Haw­thor­ne als den »Roman­cier der Sün­de«, des­sen lite­ra­ri­scher Kos­mos von »femmes fata­les« bevöl­kert wird, die eine dunk­le, wenn nicht eine düs­te­re Aura des Ver­häng­nis und der Ver­derb­nis umgibt. Die »dunk­le Dame in Salem« beschrieb Rahv als män­ner­mor­den­den Vamp, der mit sei­nen psy­chi­schen und geis­ti­gen Fähig­kei­ten die männ­li­che Vita­li­tät zer­stör­te. »Die dunk­le Dame ist eine Rebel­lin und Befreie­rin«, schrieb Rahv, und aus die­sem Grund fühl­te Haw­thor­ne sich bemü­ßigt, sie zu zer­stö­ren. Er ver­wan­de­le das Prin­zip des Lebens und der Erfah­rung in ein Prin­zip des Todes.1

In der puri­ta­ni­schen Tra­di­ti­on ist Erin­ne­rung an die Ver­gan­gen­heit stets mit Schuld ver­bun­den und damit unlös­lich an den Sün­den­fall gekop­pelt. Wie spä­ter in der »dunk­len Roman­tik« des film noir führt die femme fata­le den männ­li­chen Prot­ago­nis­ten ins Ver­der­ben oder in den Abgrund.2 Das Bild der femme fata­le prägt obses­siv die ers­te Auto­bio­gra­fie Nor­man Podho­retz‘ Making It (1967), in der er nicht allein sei­nen Weg in der New Yor­ker Medi­en-Eli­te »nach oben« beschreibt, son­dern die »dunk­len Damen der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur« wie Mary McCar­thy, Han­nah Arendt, Eliza­beth Hard­wick und Sus­an Son­tag (»das jüngs­te Mit­glied der drit­ten Genera­ti­on und eines der am Höchs­ten talen­tier­ten«) als weib­li­che Bedro­hung sei­nes Auf­stiegs beschreibt. Son­tag war das weib­li­che Pen­dant zu dem auf­stre­ben­den Kar­rie­ris­ten Podho­retz, das noch einen rasan­te­ren Auf­stieg in der kapi­ta­lis­ti­schen Pyra­mi­de New Yorks bewerk­stel­lig­te als er selbst, wie Podho­retz mit unver­hoh­le­nem Neid konstatierte. 

Während bei Män­nern in die­sem Zir­kel das Aus­se­hen oder eine geschlif­fe­ne Aus­drucks­wei­se kei­ne Rol­le spiel­ten (Zeit sei­nes Lebens müh­te sich Phil­ip Rahv mit der eng­li­schen Spra­che ab, obwohl er über Jahr­zehn­te das »Haus­or­gan der ame­ri­ka­ni­schen Intel­lek­tu­el­len« her­aus­gab), beton­te Podho­retz das intel­li­gen­te »Out­fit« sei­ner Kon­kur­ren­tin­nen (»klug, gebil­det, gut­aus­se­hend«, scharf­zün­gig, zugleich aber in der Welt schwar­zer Anzü­ge und dunk­ler Kra­wat­ten mit den Kos­tü­men einer ver­füh­re­ri­schen Weib­lich­keit in Form blau­er Netz­strümp­fe auf­tra­ten.3 In den ein­schlä­gi­gen Memoi­ren der männ­li­chen Prot­ago­nis­ten herrsch­te ein sexis­ti­scher Unter­ton vor, der die intel­lek­tu­el­le Serio­si­tät der »Damen« in Abre­de stel­len soll­te: Sowohl Podho­retz als auch sein Kol­le­ge Lio­nel Abel, der eben­falls in den 1980ern als eif­ri­ger Tromm­ler für den Neo­kon­ser­va­tis­mus durch die Kulis­sen des New Yor­ker Milieus zog, spra­chen mit geschürz­ten Lip­pen von »Miss Son­tag«, hät­ten aber nie gewagt von »Mis­ter Rahv« zu reden.4

Ste­phan Isern­ha­gen, Sus­an Son­tag — Die frü­hen New Yor­ker Jah­re (Tübin­gen: Mohr Sie­beck, 2016)

In Podho­retz‘ Auf­stei­ger­me­moi­ren ist die jun­ge Autorin Son­tag eine Kon­kur­ren­tin im New Yor­ker Ter­rain, die sich nicht allein über das Vor­wärts­kom­men in der sozia­len Hier­ar­chie des publi­zis­ti­schen Netz­wer­kes defi­nier­te. Intel­lek­tu­ell ist sie dem ehr­gei­zi­gen Schü­ler Lio­nel Tril­lings über­le­gen, sodass er sie als elo­quen­te Pro­sti­tu­ier­te (im New Yor­ker Argot als »neue dunk­le Dame« chif­friert) dar­stell­te, die auf dem »Markt der Eitel­kei­ten« die Rol­le des dun­kel­haa­ri­gen Models aus­füll­te, das in frü­he­ren Zei­ten Mary McCar­thy an der Sei­te von Phil­ip Rahv und Edmund Wil­son gege­ben hat­te. »Miss Son­tag« erfüll­te nach Podho­retz‘ Vor­stel­lun­gen die lüs­ter­nen Absei­tig­kei­ten einer Öffent­lich­keit (die unter den Kate­go­rien »Schund«, »Por­no­gra­fie« und »Euro­pa« fir­mier­ten), wäh­rend das männ­li­che Estab­lish­ment den Boden für das seriö­se Geschäft in Poli­tik und Öko­no­mie berei­te­te.5

Kai Sina: Susan Sontag und Thomas Mann
Kai Sina: Sus­an Son­tag und Tho­mas Mann (Wall­stein, 2017)

In sei­ner kri­ti­schen, mit dem Pulit­zer-Preis prä­mier­ten Bio­gra­fie Son­tag: Her Life rekur­riert Ben­ja­min Moser auf den Par­ve­nü-Topos in Son­tags Leben. In klein­bür­ger­li­chen Ver­hält­nis­sen in der US-ame­ri­ka­ni­schen Pro­vinz weit­ab der illus­tren New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len-Welt auf­ge­wach­sen, ent­warf sie ihre Bio­gra­fie auf dem lite­ra­ri­schen Reiß­brett unter dem Arbeits­ti­tel »Eine Frau will nach oben«. Zunächst befeu­er­te der ehr­gei­zi­ge Teen­ager sei­ne Auf­stiegs­am­bi­tio­nen mit der Lek­tü­re von Jack Lon­dons klas­si­schem Auf­stei­ger­ro­man Mar­tin Eden, wobei ihr jedoch schon bald Lon­dons alt­mo­di­scher Natu­ra­lis­mus ihrem »Highbrow«-Anspruch wider­sprach. Sie streb­te nach oben in den Olymp und such­te sich den exi­lier­ten Nobel­preis­trä­ger Tho­mas Mann als ihre Kon­fron­ta­ti­on mit der Hoch­kul­tur aus, wobei sich die Begeg­nung für den hyper­in­tel­li­gen­ten sech­zehn­jäh­ri­gen Teen­ager ernüch­ternd dar­stell­te: Bei dem Tref­fen erwies sich der älte­re Herr für den »high­brow-in-trai­ning« als Lang­wei­ler, und in ihrem Tage­buch notier­te Son­tag: »Die Kom­men­ta­re des Autors ver­ra­ten sein Buch [Der Zau­ber­berg] an ihre Bana­li­tät.«6 Spä­ter reflek­tier­te Son­tag ihre Into­le­ranz gegen­über dem »älte­ren Her­ren« kri­tisch: Sie fühl­te sich als Erwach­se­ne, die in einem Kör­per eines Kin­des ein­ge­sperrt war und von einem Eifer der Ernst­haf­tig­keit ange­trie­ben wur­de, wie sie in einer Erzäh­lung schrieb.7 In ihrem Ehr­geiz, als Intel­lek­tu­el­le zu reüs­sie­ren, agier­te Son­tag wie Podho­retz‘ weib­li­cher Gegen­part: Die Zie­le hie­ßen New York und Par­ti­san Review.

Cover Par­ti­san Review (Herbst 1964)

In sei­ner Bio­gra­fie über­nimmt Moser weit­ge­hend unkri­tisch die Mytho­lo­gie der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len, wie sie von Zeit­zeu­gen wie Irving Howe oder Nor­man Podho­retz und His­to­ri­kern wie James Atlas begrün­det wur­de.8 Die Geschich­te wird als his­to­ri­sche Sei­fen­oper-Mischung der Gro­ßen New Yor­ker »Fami­lie« mit den Freund­schaf­ten, Strei­tig­kei­ten und Zer­würf­nis­sen auf­be­rei­tet, wäh­rend eine kri­ti­sche Theo­rie der Intel­lek­tu­el­len und ihrer Pro­duk­ti­ons­mit­tel (die von »litt­le maga­zi­nes« der 1930er Jah­re zu staat­lich finan­zier­ten Publi­ka­ti­ons- und Pro­pa­gan­da­or­ga­nen grö­ße­ren Stils in Zei­ten des Kal­ten Krie­ges mutier­ten) voll­kom­men fehlt. Moser erzählt die Geschich­te der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len unter der tota­len Aus­blen­dung der poli­ti­schen und öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se, um die Figur der Intel­lek­tu­el­len, die er vor­der­grün­dig mit eini­gen kri­ti­schen Sot­ti­sen bedenkt, im Hin­ter­grund als von gesell­schaft­li­chen Fak­to­ren unab­hän­gi­gen Geist zu mys­ti­fi­zie­ren. In die­sem Sin­ne beschreibt er Sus­an Son­tag, die sich am Autorin­nen­bei­spiel der elo­quen­ten Han­nah Arendt ori­en­tier­te, zugleich aber über die blo­ße Exis­tenz der Essay­is­tin als Roman­au­torin wahr­ge­nom­men wer­den woll­te, die dem Künst­ler Tho­mas Mann zumin­dest eben­bür­tig wäre. Ein­wän­de, dass Son­tag zwar eine gro­ße Essay­is­tin, aber nur eine mit­tel­mä­ßi­ge Roman­au­torin gewe­sen sei, fegt Moser als »Pla­ti­tü­de« bei­sei­te.9

Cover Par­ti­san Review (Früh­jahr 1967)

Im Jah­re 1962 debü­tier­te Son­tag mit einer Rezen­si­on zu Isaac Bas­he­vis Sin­gers Roman The Slave [dt. Der Knecht] in der Par­ti­san Review, die – wie Moser schreibt – Sus­an Son­tags Ankunft auf dem Flagg­schiff der »Fami­lie« bedeu­te­te, und wenig spä­ter ver­öf­fent­lich­te sie ihren Roman The Bene­fac­tor (dt. Der Wohl­tä­ter) im Ver­lag Farrar, Straus and Giroux, in dem seit­her all ihre Wer­ke erschie­nen. Damit war ihr der Ein­stieg in den illus­tren New Yor­ker Zir­kel gelun­gen, und rasch stieg sie zu einer kul­tu­rel­len Zele­bri­tät auf, die mit bewuss­ten Tabu­brü­chen die intel­lek­tu­el­len Dis­kur­se der »Roa­ring Six­ties« präg­te und die tra­di­tio­nel­le Unter­schei­dung von »hoher« und »nied­ri­ger« Kunst in Fra­ge stell­te, die das Selbst­ver­ständ­nis der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len seit den 1930er Jah­re geprägt hat­te. »She took Man­hat­tan«10, kon­sta­tiert Dani­el Horo­witz in sei­ner Stu­die über Intel­lek­tu­el­le und Pop­kul­tur in den anglo­ame­ri­ka­ni­schen Gesell­schaf­ten nach dem Zwei­ten Welt­krieg. Mit ihrem Essay »Notes on ›Camp‹« (1964) lös­te sie einen Furor in der New Yor­ker Debat­ten­kul­tur über die Bezie­hung von Ästhe­ti­sie­rung, Tri­vi­al- und Pop­kul­tur, Kitsch und Avant­gar­de aus und spal­te­te das eige­ne Milieu in Anhän­ger und Geg­ner ihrer Inter­pre­ta­ti­on. Gesell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Fak­to­ren die­ser Phä­no­me­ne inter­es­sier­ten sie weni­ger als die ästhe­ti­schen Kom­po­nen­ten. Ähn­lich ver­fuhr sie in ihrer Dis­kus­si­on der »por­no­gra­fi­schen Fan­ta­sie«, die 1967 in der Par­ti­san Review erschien: Son­tag redu­zier­te Por­no­gra­fie auf den »lite­ra­ri­schen Dis­kurs«, wie er von Autor:innen wie Geor­ges Batail­le, Pau­li­ne Réa­ge oder Cathe­ri­ne Rob­be-Gril­let auf hohem Niveau geführt wur­de, wäh­rend sie den öko­no­mi­schen Kom­plex der Medi­en­in­dus­trie voll­kom­men aus­blen­de­te.11

Ben­ja­min Moser: Son­tag: Her Life (Allen Lane, 2019)

In ihrem Essay »Fasci­na­ting Fascism« über das Film­werk der Nazi-Künst­le­rin Leni Rie­fen­stahl kul­mi­nier­te der »apo­li­ti­sche« Ästhe­ti­zis­mus über alle kri­ti­schen Fakul­tä­ten der Intel­lek­tu­el­len Son­tag. Tri­umph des Wil­lens und Olym­pia sei­en »zwei­fels­oh­ne her­vor­ra­gen­de Fil­me«, dekre­tier­te sie, um in Paren­the­se sie zu den viel­leicht »zwei größ­ten Doku­men­tar­fil­men [sic!]« zu erhe­ben. Nicht ein­mal Dzi­ga Ver­tov habe einen Film gemacht, der so »effek­tiv und mit­rei­ßend« sei wie Tri­umph des Wil­lens und Olym­pia, schrieb sie in der New York Review of Books 197412 Dass Leni Rie­fen­stahl als Film-Unter­neh­me­rin die Liqui­die­rung sowohl von Juden als auch von Sin­ti und Roma bil­li­gend in Kauf nahm, inter­es­sier­te die Exper­tin für Ästhe­ti­zis­mus nicht. End­lo­se Auf­mär­sche immer­glei­cher For­ma­tio­nen in Uni­for­men schie­nen sie mehr zu fas­zi­nie­ren als die Schuld der Täter:innen, die in Son­der­film­trupps Mas­sa­ker an wehr­lo­sen Juden und Jüdin­nen in Polen doku­men­tier­ten.13

Befrie­dungs­ver­bre­chen: Über die Dienst­bar­keit der Intel­lek­tu­el­len (Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1980)

An die­ser Stel­le hät­te eine kri­ti­sche Theo­rie der Intel­lek­tu­el­len und der Medi­en ein­set­zen kön­nen, wie sie Anto­nio Gram­sci, Jean-Paul Sart­re, Max Hork­hei­mer, Theo­dor W. Ador­no und vie­le ihrer Nach­fol­ger zumin­dest in Ansät­zen for­mu­liert hat­ten. Unter dem Titel »Befrie­dungs­ver­bre­chen« hat­ten Mit­te der 1970er Jah­re Fran­co Basaglia und Fran­ca Basaglia-Onga­ro einen Band zur Kri­tik der »Dienst­bar­keit der Intel­lek­tu­el­len« publi­ziert, der sich mit dem »Funk­tio­nie­ren« von »Tech­ni­kern des prak­ti­schen Wis­sens« in den herr­schen­den Kanä­len aus­ein­an­der­setz­te.14 Die Fra­ge nach der gesell­schaft­li­chen Funk­ti­on des Intel­lek­tu­el­len (wie sie bei­spiels­wei­se Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings in ihrer her­aus­ra­gen­den Stu­die Wal­ter Ben­ja­mins fort­wäh­rend stel­len) sucht man bei Moser ver­geb­lich.15 Statt­des­sen herrscht ein anti­in­tel­lek­tu­el­les Res­sen­ti­ment gegen jede Form von »Theo­rie« vor, die in der Über­set­zung Mosers mit »Unles­bar­keit« ver­schränkt sei. »Theo­rie« iso­lie­re die »Geis­tes­wis­sen­schaf­ten« vom »nor­ma­len Publi­kum«, wel­ches das selt­sa­me Kau­der­welsch der Gelehr­ten und Exper­ten nicht ver­ste­he. Doch besteht – wie Max Hork­hei­mer im »Grün­dungs­text« der »Kri­ti­schen Theo­rie« 1937 for­mu­lier­te – das »Geschäft« des Theo­re­ti­kers dar­in, eine Ent­wick­lung zu beschleu­ni­gen, die zur Gesell­schaft ohne Unrecht füh­ren soll« 16. Die­ses kri­ti­sche Grund­ver­ständ­nis gehört jedoch nicht zum Geschäfts­mo­dell des wind­schnit­ti­gen Bio­gra­fen, zumal es für den jour­na­lis­ti­schen Wett­be­werb des Pulit­zer-Prei­ses eher abträg­lich ist. »Der Jour­na­lis­mus ist eine Höl­le«, wuss­te schon Balzac, und das »enge Bünd­nis zwi­schen Kri­tik und Buch­han­del« ver­wan­delt den Schrei­ben­den in einen »fei­len Schrei­ber­ling«, der die Uto­pie an den Höchst­bie­ten­den ver­hö­kert. »Leich­ter ver­sumpft er«, schrieb Ador­no über den schrei­ben­den Lum­pen im Betrieb, »als die ande­ren, bemerkt es nicht ein­mal recht, und das nutzt der Welt­lauf als straf­ver­schär­fen­den Umstand.«17

Sus­an Son­tag (1979 foto­gra­fiert von Lynn Gilbert)

Am Ende ste­hen poli­ti­sche Plat­ti­tü­den bei Moser zu Buche. In der Zeit des Neo­kon­ser­va­tis­mus voll­zog Son­tag 1982 bei einer Soli­da­ri­täts­ver­an­stal­tung in New York für die pol­ni­sche Gewerk­schaft Soli­dar­nosc den Bruch mit dem »radi­cal chic« der »Six­ties« mit dem Bekennt­nis »Kom­mu­nis­mus ist Faschis­mus – erfolg­rei­cher Faschis­mus […].«18 Ihr Bio­graf Moser repe­tiert die neo­kon­ser­va­ti­ven Mythen vom Ver­sa­gen und von der Demo­ra­li­sie­rung der »Lin­ken« seit den 1970er Jah­ren, als gäbe es kei­ne Unter­schie­de zwi­schen Kommunist:innen, Sozialist:innen, Anarchist:innen und sons­ti­gen Radi­ka­len (von Ökolog:innen und Basisdemokrat:innen ganz zu schwei­gen). »In der Poli­tik«, schluss­fol­gert Moser, habe Son­tags Leben gezeigt, wie insta­bil selbst die »größ­ten Wor­te« wie »Sozia­lis­mus«, »Kunst« und »Demo­kra­tie« sein könn­ten – wobei sich die Fra­ge anschließt, inwie­weit Wor­te insta­bil sein kön­nen.19 Aber dar­auf ant­wor­te­te schon Dani­el d’Arthez in Balz­acs Ver­lo­re­nen Illu­sio­nen: »Du wirst Jour­na­list wer­den!, wie die Hexe Mac­beth zuruft: Du wirst König wer­den!«20 Von wem die Spra­che ver­hunzt wird, spielt eine unter­ge­ord­ne­te Rolle.

© Jörg Auberg 2020

Bibliografische Angaben:

Ben­ja­min Moser.
Son­tag: Her Life.
Lon­don: Allen Lane, 2019.
832 Sei­ten, £ 30,00.
ISBN: 9780241003480.

Ben­ja­min Moser.
Son­tag: Die Biografie.
Über­setzt von Hai­ner Kober.
Mün­chen: Penguin/Random House, 2020.
928 Sei­ten, € 40,00.
ISBN: 9783328601593.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Bild Shadows
Archiv des Autors
Cover Sus­an Son­tag — Die frü­hen New Yor­ker Jah­re © Mohr Siebeck
Cover Sus­an Son­tag und Tho­mas Mann
© Wall­stein-Ver­lag
Cover Son­tag: Her Life
© Allen Lane
Cover Par­ti­san Review © Howard Got­lieb Archi­val Rese­arch Cen­ter (Bos­ton University)
Cover Befrie­dungs­ver­bre­chen © Euro­päi­sche Verlagsanstalt
Foto Sus­an Sontag © Lynn Gilbert

Nachweise

  1. Phil­ip Rahv, »The Dark Lady of Salem« (1941), in: Rahv, Essays on Lite­ra­tu­re and Poli­tics, 1932–1972, hg. Ara­bel J. Por­ter und Andrew J. Dvo­sin (Bos­ton: Houghton Miff­lin, 1978), S. 25, 32
  2. Sie­he bei­spiels­wei­se Eliza­beth Cowie, »Film noir and Women«, in: Shades of Noir, hg. Joan Cop­jec (Lon­don: Ver­so, 1993), S. 121–165, und das Kapi­tel »Women as Seen in the Film Noir« in Andrew Dickos, Street With No Name: A Histo­ry of the Clas­sic Ame­ri­can Film Noir (Lex­ing­ton, KY: Uni­ver­si­ty Press of Ken­tu­cky, 2013), S. 156–171
  3. Nor­man Podho­retz, Making It (New York: New York Review Books, 2017), S. 117. Zum Hin­ter­grund der »Dark Ladies of New York« sie­he Har­vey Teres, Renewing the Left: Poli­tics, Ima­gi­na­ti­on, and the New York Intel­lec­tu­als (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1996), S. 173–203
  4. Podho­retz, Making It, S. 117; Lio­nel Abel, The Intel­lec­tu­al Fol­lies: A Memoir of the Litera­ry Ven­ture in New York and Paris (New York: W. W. Nor­ton, 1984), S. 79. In sei­nem Buch Moral Agents, in dem Edward Men­del­son »wich­ti­ge« New Yor­ker Autoren des 20. Jahr­hun­derts wie Lio­nel Tril­ling, Alfred Kazin, Dwight Mac­do­nald, Saul Bel­low, Nor­man Mai­ler u. a. por­trä­tiert, kommt bezeich­nen­der­wei­se kei­ne Autorin als »mora­li­sche Agen­tin« vor. Sie­he Edward Men­del­son, Moral Agents: Eight Twen­tieth-Cen­tu­ry Ame­ri­can Wri­ters (New York: New York Review Books, 2015)
  5. Podho­retz, Making It, S. 118; zu Sus­an Son­tags frü­hen Jah­ren in New York sie­he Ste­phan Isern­ha­gen, Sus­an Son­tag: Die frü­hen New Yor­ker Jah­re (Tübin­gen: Mohr Sie­beck, 2016)
  6. Ben­ja­min Moser, Son­tag: Her Life (Lon­don: Allen Lane, 2019), S. 68; Kai Sina, Sus­an Son­tag und Tho­mas Mann (Göt­tin­gen: Wall­stein, 2016), S. 24; Tobi­as Boes, Tho­mas Mann’s War: Lite­ra­tu­re, Poli­tics, and the World Repu­blic of Let­ters (Itha­ca: Cor­nell Uni­ver­si­ty Press, 2019), S. 270–271
  7. Sus­an Son­tag, Debrie­fing: Collec­ted Sto­ries, hg. Ben­ja­min Tay­lor (New York: Farrar Straus Giroux, 2017), S. 29
  8. Irving Howe, »The New York Intel­lec­tu­als«, in: Howe, Decli­ne of the New (Lon­don: Vic­tor Gol­lan­cz, 1971), S. 211–265; Podho­retz, Making It; James Atlas, Bel­low: A Bio­gra­phy (New York: Modern Libra­ry, 2000); James Atlas, Del­mo­re Schwartz: The Life of an Ame­ri­can Poet (New York: Farrar Straus Giroux, 1977)
  9. Moser, Son­tag: Her Life, S. 197
  10. Dani­el Horo­witz, Con­suming Plea­su­res: Intel­lec­tu­als and Popu­lar Cul­tu­re in the Post­war World (Phil­adel­phia: Uni­ver­si­ty of Penn­syl­va­nia Press, 2012), S. 319
  11. Die­ser »Nobrow Essay« erschien spä­ter in einem Sam­mel­band über Por­no­gra­fie mit Bei­trä­gen von Alber­to Mora­via, Antho­ny Bur­gess, Paul Good­man, Geor­ge Stei­ner u. a. Sie­he Per­spec­ti­ves on Por­no­gra­phy, hg. Dou­glas A. Hug­hes (New York: St. Martin’s Press, 1970); http://www.artandpopularculture.com/The_Pornographic_Imagination. Zu neue­ren Ein­schät­zun­gen von Son­tags Por­no­gra­fie-Essay cf. Siri Hust­ve­dt, Eine Frau schaut auf Män­ner, die auf Frau­en schau­en: Essays über Kunst, Geschlecht und Geist, übers. Uli Aumül­ler und Gre­te Oswald (Ham­burg: Rowohlt, 2020), S. 115–143; John Phil­lips, For­bid­den Fic­tions: Por­no­gra­phy and Cen­sor­s­hip in Twen­tieth Cen­tu­ry French Lite­ra­tu­re (Lon­don: Plu­to Press, 1999), S. 4–5, 61–62; Car­mi­ne Sar­r­a­ci­no und Kevin M. Scott, The Porning of Ame­ri­ca: The Rise of Porn Cul­tu­re, What It Means, and Whe­re We Go From Here (Bos­ton: Beacon Press, 2008), S. 138
  12. Sus­an Son­tag, Under the Sign of Saturn (New York: Pen­gu­in, 2009), S. 95
  13. https://de.wikipedia.org/wiki/Leni_Riefenstahl
  14. Befrie­dungs­ver­bre­chen: Über die Dienst­bar­keit der Intel­lek­tu­el­len, hg. Fran­co Basaglia und Fran­ca Basaglia-Onga­ro, übers. Clau­dia Hon­eg­ger u. a. (Frankfurt/Main: Euro­päi­sche Ver­lags­an­stalt, 1980)
  15. Howard Eiland und Micha­el W. Jen­nings, Wal­ter Ben­ja­min: A Cri­ti­cal Life (Cam­bridge, MA: Belknap/Harvard Uni­ver­si­ty Press, 2014)
  16. Max Hork­hei­mer, »Tra­di­tio­nel­le und kri­ti­sche Theo­rie«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 4, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: S. Fischer, 1988), S. 195
  17. Hono­ré de Balzac, Ver­lo­re­ne Illu­sio­nen, übers. Udo Wolf (Ber­lin: Auf­bau-Ver­lag, 1966), S. 261, 412; Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 155, 157
  18. Moser, Son­tag: Her Life, S. 433. Zur Kri­tik von Son­tags öffent­li­chem Auf­tritt sie­he Alan M. Wald, The New York Intel­lec­tu­als: The Rise and Decli­ne of the Anti-Sta­li­nist Left from the 1930s to the 1980s (Cha­pel Hill: Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 2017), S. 344–347; Teres, Renewing the Left, S. 202
  19. Moser, Son­tag: Her Life, S. 704
  20. Balzac, Ver­lo­re­ne Illu­sio­nen, S. 377

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