Texte und Zeichen

Moleskin Blues

M

Moleskin Blues

Kri­ti­ken
  • Leonardo Sciascia — Porte aperteLeo­nar­do Scia­scia — Por­te aper­te6. Novem­ber 2026Im Laby­rinth der Macht Leo­nar­do Scia­scia und der Wider­stand gegen den Faschis­mus  von Jörg Auberg Im Bewusst­sein der vor­herr­schen­den lite­ra­ri­schen Öffent­lich­keit ist Leo­nar­do Scia­scia (1921–1989) nahe­zu untrenn­bar mit Sizi­li­en und der Mafia ver­knüpft. Wie jüngst Caro­li­ne Moore­head in ihrer Scia­­scia-Mono­­­gra­­fie A Sici­li­an Man her­vor­hebt, galt Scia­scia als (wenn auch wider­wil­li­ger) »Mafi­o­lo­ge«, der von einer schmerz­haf­ten »Sizi­lia­ni­tät« geprägt gewe­sen sei.1 Die Iden­ti­fi­ka­ti­on Scia­sci­as mit dem Gen­re »Kri­mi« und der Regi­on »Sizi­li­en« dient pri­mär der Effek­ti­vi­tät der Ver­mitt­lung des Autors auf dem lite­ra­ri­schen Markt, wäh­rend sei­ne Bedeu­tung als poli­ti­scher Intel­lek­tu­el­ler zuneh­mend aus der Betrach­tung verschwand.2 Auf­klä­rung als seri­el­les Bran­ding Nahe­zu jeder Roman Scia­sci­as wird mit dem Eti­kett »sizi­lia­ni­scher Kri­mi­nal­ro­man« ver­se­hen, auch wenn dies – etwa im Fall des Romans Der Zusam­men­hang (der auch unter dem Titel »Tote Rich­ter reden nicht« erschien) – nur bedingt zutrifft. Die Ver­mark­tung der Bücher Scia­sci­as unter die­sem »Bran­ding« folg­te pri­mär »publi­kums­stra­te­gi­schen Grün­den« (wie Ulrich Schulz-Busch­haus über die Popu­la­ri­tät des Kri­mi­nal­ro­mans bei Autoren wie Umber­to Eco, Mario Var­gas Lllosa, Tho­mas Pyn­chon oder eben Scia­scia mut­maß­te 3) und erweckt beim Publi­kum ent­spre­chen­de Erwar­tun­gen. Bereits 1959 bemerk­te Theo­dor W. Ador­no, dass Bücher­ein­bän­de (heu­te »Cover« genannt) zu »Rekla­me für das Buch« gewor­den sei­en. »Jene Wür­de des in sich Gehal­te­nen Dau­ern­den, Her­me­ti­schen«, schrieb er im Duk­tus des Biblio­phi­len, »das der Leser in sich hin­ein­nimmt, gleich­sam über ihm den Deckel schließt wie den Buch­de­ckel über dem Text – das ist als unzeit­ge­mäß beseitigt.«4 Zum »Dik­tat des Konformismus«5 gehört seit je die Ver­höh­nung des Publi­kums, das mit der Pro­duk­ti­on des Immer­glei­chen (dem Gesetz der Serie) bei der Stan­ge gehal­ten wer­den soll – oder wie es ein Mar­ke­­ting-Direk­­tor aus­drück­te: Kon­su­men­ten sei­en wie »Kaker­la­ken – man besprüht sie und besprüht sie, und nach einer Wei­le wer­den sie immun«6 Im seri­el­len Bran­ding, gegen das Scia­scia sich nicht mehr zur Wehr set­zen konn­te, drückt sich eine Miss­ach­tung des Autors durch die Ver­wer­tungs­agen­tu­ren aus: Der Roman Der Zusam­men­hang war als Par­odie gedacht, die in einem Land spielt, »das nur in der Ein­bil­dung exis­tiert«, und in der es um »die Macht um der der Macht wil­len« geht.7 Den­noch ver­kauft es das Mar­ke­ting als »sizi­lia­ni­schen Kri­mal­ro­man«. Die Ord­nung der Din­ge Die Inten­ti­on Scia­sci­as war es, »etwas über das Wesen der Macht« aus­zu­sa­gen, »über die Macht, die immer undurch­sich­ti­ge­re For­men der Ver­flech­tun­gen annimmt, wie sie in gewis­ser Wei­se für die Mafia eigen­tüm­lich sind«8. »Mafia« war in den Roma­nen Scia­sci­as eine Syn­ek­doche der Herr­schaft von Rackets im Sys­tem der staat­li­chen und öko­no­mi­schen Orga­ni­sa­tio­nen inner­halb der Gesell­schaft, die über Macht und Spra­che die »Ord­nung der Din­ge« auf­recht erhält. Anders als bei Dashiell Ham­mett oder Ray­mond Chand­ler bedeu­tet die detek­ti­vi­sche Arbeit nicht Auf­klä­rung, son­dern Ver­lo­ren­ge­hen im »Laby­rinth der Macht«. In den gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren sind – mit Max Hork­hei­mer gespro­chen – alle kri­mi­nell, »wenn cri­men objek­ti­ve Schand­tat heißt«9. Wie Tho­mas Jones betont, haben Sizi­li­en und Ita­li­en kein Mono­pol auf Rackets: Die Dyna­mik der Kor­rup­ti­on, die Scia­scia in sei­nen Roma­nen dar­stel­le, sei­en in viel­fa­cher Hin­sicht in West­mins­ter oder Washing­ton die glei­che wie in Palermo.10 Caro­li­ne Moore­head: A Sici­li­an Man (Chat­to & Win­dus, 2026)In Caro­li­ne Moore­heads Bio­gra­fie (die über den »Auf­stieg der Mafia« und den »Kampf für Ita­li­ens See­le« fabu­liert, ohne die his­to­ri­schen Gege­ben­hei­ten ein­zu­be­zie­hen) ver­schwin­det Scia­sci­as enig­ma­ti­sche Kom­ple­xi­tät hin­ter der aka­de­mi­schen Bericht­erstat­tung, die an der Ober­flä­che ver­harrt. 11 Die Pro­ble­ma­tik liegt in der the­ma­ti­schen Ver­en­gung auf »die Mafia«, ohne die poli­ti­schen, öko­no­mi­schen, gesell­schaft­li­chen und his­to­ri­schen Struk­tu­ren zu durch­drin­gen. Rea­li­ter ist »Mafia« in Moore­heads Mono­gra­fie eher ein Zerr­bild denn ein »Inbild« der spät­bür­ger­li­chen Gesell­schaft Ita­li­ens. Der Mafio­so agiert, schrieb Theo­dor Wie­ser 1974 in einer Bestands­auf­nah­me der Mafia, »zwar in einer ille­gi­ti­men, auf Gewalt beru­hen­den Welt, ord­net sich aber den Nor­men einer Sub­kul­tur ein und übt dort unter dem schwa­chen Dach eines hand­lungs­un­fä­hi­gen Staa­tes selbst­herr­lich Macht und Justiz«.12  Offe­ne Türen Leo­nar­do Scia­scia: Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht (Frie­de­nau­er Pres­se, 2026)Eine Dis­kus­si­on von Faschis­mus, Todes­stra­fe und tota­li­tä­rem Staat, die Bestand­teil von Scia­sci­as Kurz­ro­man Por­te aper­te (1987) ist, fin­det bei Moore­head nicht statt: Das schma­le, aber sprach­lich und intel­lek­tu­ell höchst kon­zen­trier­te und anspruchs­vol­le Werk ist auf eine 20-zei­­li­­ge Zusam­men­fas­sung ein­ge­dampft, ohne die poli­ti­schen und his­to­ri­schen Hin­ter­grün­de in der Dar­stel­lung des Romans in Betracht zu zie­hen. Auf der Folie eines aus Rache- und Eifer­suchts­mo­ti­ven gespeis­ten Drei­fach­mor­des im Jah­re 1937, der von einem ent­las­se­nen und gehörn­ten Ange­stell­ten began­gen wur­de, ent­wi­ckelt Scia­scia eine kri­ti­sche Refle­xi­on über die Erwar­tun­gen und Mög­lich­kei­ten der Wider­stän­dig­keit in den Appa­ra­ten des tota­li­tä­ren Staa­tes. Da ein faschis­ti­scher Funk­tio­när ermor­det wur­de, soll die unter Mus­so­li­ni im Rah­men des »Codi­ce Roc­co« wie­der­ein­ge­führ­te Todes­stra­fe zur Anwen­dung kom­men, wäh­rend die bei­den ande­ren Mord­op­fer in dem Fall eine unter­ge­ord­ne­te Rol­le spie­len.  Der Roman – 1989 erst­mals von Peter O. Chot­je­witz ins Deut­sche unter dem Titel Offe­ne Türen über­tra­gen und nun in einer Neu­über­set­zung von Moni­ka Lus­tig als Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht erschie­nen – the­ma­ti­siert die Rede­wen­dung der »offe­nen Türen« als Meta­pher für Ord­nung, Sicher­heit und Ver­trau­en: Seit »der Faschis­mus am Ruder ist«, heißt es an einer Stel­le im Roman, »kann man bei offe­nen Türen schlafen«.13 Die Todes­stra­fe sor­ge, argu­men­tie­ren Funk­tio­nä­re des faschis­ti­schen Staa­tes, für das Höchst­maß an Sicher­heit für »sei­ne Bür­ger«. Leo­nar­do Scia­scia — Pho­to­graph © Fer­di­nan­do Sci­an­na — Magnum Pho­tos­Die Auto­ri­tät des Staa­tes wird im Roman vom Staats­an­walt ver­tre­ten, mit des­sen State­ment »Sie wis­sen ja, wie ich dar­über denke«14 die Geschich­te eröff­net wird. Sein Gegen­spie­ler ist der »klei­ne Rich­ter«, der zwar das Eti­kett »Anti­fa­schist« von sich weist, den­noch gegen den Faschis­mus oppo­niert, um sich sei­ne Wür­de im Den­ken und Han­deln zu bewah­ren. In sei­nen Augen war der Faschis­mus essen­zi­ell dadurch geprägt, »dass die Todes­stra­fe als ele­men­ta­rer Bestand­teil zu sei­ner Exis­tenz, sei­ner Sicher­heit, sei­ner Wehr­haf­tig­keit gehör­te und über allem schweb­te, was sich gegen ihn rich­ten könn­te und all­zeit bereit war, mit oder ohne Urteil jede Per­son zu tref­fen, die die­se Idee gleich­wie verunglimpfte«.15Obwohl es den Ruin sei­ner Kar­rie­re bedeu­te­te, kämpft der »klei­ne Rich­ter« für ein »Urteil, das nicht auf Todes­stra­fe lautete«16. In einer Vor­ah­nung erwar­tet der Rich­ter, dass es am Ende übel enden wer­de. Trotz allem bedeu­tet ihm die Ver­tei­di­gung des Prin­zips – gegen die faschis­ti­sche Herr­schaft und ihre vor­geb­li­che Sicher­heit ihrer staats­ei­ge­nen Unter­ta­nen durch das Instru­men­ta­ri­um der Todes­stra­fe – mehr als das Leben eines Man­nes, der zum Mör­der gewor­den war. Im Faschis­mus pen­del­te nicht nur ein Ein­zel­ner zwi­schen Ratio und Wahn­sinn, son­dern die gesam­te Gesell­schaft. Alle sind kri­mi­nell, weil sie sich mit der »Per­p­etu­ie­rung der Unter­drü­ckung« in der Welt ein­ver­stan­den erklä­ren. »Als Rea­list leben kann nur ein Ver­wor­fe­ner«, resü­mier­te Horkheimer.17 »Das Böse in der Geschich­te« (um noch ein­mal den spä­ten Hork­hei­mer zu zitie­ren) ist bei Scia­scia am Ende nicht auf­ge­löst, son­dern in die nar­ra­ti­ve Struk­tur inte­griert. Das Ende ist – in jedem Fall – übel.  © Jörg Auberg 2026 Biblio­gra­fi­sche Anga­ben: Leo­nar­do Scia­scia.Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Moni­ka Lus­tig.Mit Nach­wor­ten von Moni­ka Lus­tig und Tho­mas Stein­feld.Ber­lin: Frie­de­nau­er Pres­se, 2026172 Sei­ten, 22 Euro.ISBN: 978–3‑7518–8068‑8.Caro­li­ne Moore­head.A Sici­li­an Man:Leo­nar­do Scia­scia, the Rise of the Mafia and the Strugg­le for Italy’s Soul.Lon­don: Chat­to & Win­dus, 2026.320 Sei­ten, £ 25,00.ISBN: 978–1‑7847–4503‑5. Medi­en­quel­len Scia­­scia-Cover für »sizi­lia­ni­sche Kri­mi­nal­ro­ma­ne«© Klaus Wagen­bach Ver­lag Cover A Sici­li­an Man© Chat­to & Win­dus Cover Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht© Frie­de­nau­er Pres­se Foto Leo­nar­do Scia­scia© Fer­di­nan­do Scianna/Magnum Pho­tos via Chat­to & Win­dus Anmer­kun­gen Caro­li­ne Moore­head, A Sici­li­an Man: Leo­nar­do Scia­scia, the Rise of the Mafia and the Strugg­le for Italy’s Soul (Lon­don: Chat­to & Win­dus, 2026), S. 103; und Mai­ke Albath, Trau­er und Licht: Lam­pe­du­sa, Scia­scia, Camil­le­ri und die Lite­ra­tur Sizi­li­ens (Ber­lin: Beren­berg, 2019), S. 234 Cf. Regi­ne Igel, »Der Schrift­stel­ler Leo­nar­do Scia­scia – Auf­klä­ren über die Mafia«, WDR 3 Kul­tur­fea­ture, 3. Juli 2021, https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-kulturfeature/audio-der-schriftsteller-leonardo-sciascia—aufklaeren-ueber-die-mafia-100.html Ulrich Schulz-Busch­haus, »Kri­mi­nal­ro­man und Post-Avan­t­­gar­­de«, Mer­kur, 41, Nr. 4 (April 1987), S. 289Theo­dor W. Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1981), S. 344Ador­no, Noten zur Lite­ra­tur, S. 656 Nao­mi Klein, No Logo (Lon­don: Fourth Estate, 2010), S. 9Leo­nar­do Scia­scia, Tote auf Bestel­lung – Der Tag der Eule – Tote Rich­ter reden nicht: Mafia-Roma­­ne, übers. Hele­ne Moser et al. (Zürich: Ben­zi­ger, 1991), S. 431; im Fol­gen­den zitiert als: Mafia-Roma­­ne Scia­scia, Mafia-Roma­­ne, S. 431 Max Hork­hei­mer, »Noti­zen 1949–1969«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Bd. 6, hg. Alfred Schmidt (Frankfurt/Main: Fischer, 1991), S. 359 Tho­mas Jones, »How to Cho­se Your Fri­ends«, Lon­don Review of Books, 48, Nr. 16 (10. Sep­tem­ber 2026), S. 10 Cf. Phil­ip Coo­ke, »Mafia Man: The Life of one of Italy’s Grea­test Modern Wri­ters«, Times Lite­ra­ry Sup­ple­ment, Nr. 6401 (20. März 2026), https://www.the-tls.com/literature-by-region/european-literature/a‑sicilian-man-caroline-moorehead-book-review-philip-cooke Theo­dor Wie­ser, »Mafia — Zerr­bild oder Inbild Ita­li­ens? Die Meri­dio­na­li­sie­rung und ihre Fol­gen«, Mer­kur, 28, Nr. 6 (Juni 1974), S. 558  Leo­nar­do Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, übers. Moni­ka Lus­tig (Ber­lin: Frie­de­nau­er Pres­se, 2026), S. 23  Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 8  Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 68  Scia­scia, Das Gesetz schweigt, der Rich­ter spricht, S. 110  Hork­hei­mer, »Noti­zen 1949–1969«, S. 359  […]
  • Iwan Heilbut — ZugvögelIwan Heil­but — Zug­vö­gel14. Okto­ber 2026Der Ver­ges­se­ne Die Erret­tung von Iwan Heil­buts Exil­ro­man »Zug­vö­gel« von Jörg Auberg   Im Mar­ba­cher Lite­ra­tur­mu­se­um der Moder­ne ent­deck­te Hans Magnus Enzens­ber­ger 2016 »den ver­ges­se­nen deut­schen Dich­ter Iwan Heil­but«, der 1898 in Ham­burg gebo­ren wur­de und in der Wei­ma­rer Repu­blik mit weni­ger ambi­tio­nier­ten denn mone­ta­ri­sier­ba­ren Roma­nen reüssierte.18 Nach der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­über­nah­me wur­de er kurz­zei­tig inhaf­tiert und emi­grier­te nach einem Umweg über Prag nach Paris. Mit jour­na­lis­ti­schen Arbei­ten in der Pari­ser Exil­pres­se hielt er sich über Was­ser. 1937 erschien im Züri­cher Euro­­pa-Ver­­lag sein poli­ti­scher Essay Die öffent­li­chen Ver­leum­der: die »Pro­to­kol­le der Wei­sen von Zion« und ihre Anwen­dung in der heu­ti­gen Weltpolitik.19 Fal­scher Pass für Char­lot­te und Iwan Heil­but, NL Iwan Heil­but, Deut­sches Exil­ar­chiv 1933–1945 der DNB­Nach dem Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges wur­de Heil­but als »feind­li­cher Aus­län­der« mehr­fach inter­niert. »Wir wur­den aus Deutsch­land aus­ge­wie­sen, weil wir Juden waren«, schrieb Han­nah Are­ndt rück­bli­ckend 1943 in einem Arti­kel für das Meno­rah Jour­nal. »Aber kaum nach­dem wir die fran­zö­si­sche Gren­ze über­schrit­ten hat­ten, wur­den wir in boches umge­wan­delt.«20 Nach sei­ner Frei­las­sung im August 1940 schlug sich Heil­but mit sei­ner Frau Char­lot­te und sei­nem acht Mona­te alten Sohn nach Mar­seil­le durch, wo er wie vie­le ande­re Flücht­lin­ge auf die Unter­stüt­zung des von Vari­an Fry orga­ni­sier­ten Emer­gen­cy Res­cue Com­mit­tee (ERC) hof­fen konn­te, um schließ­lich über Lis­sa­bon eine Pas­sa­ge nach Ame­ri­ka zu fin­den. Der har­te Weg nach Ame­ri­ka In einem Brief an der Züri­cher Ver­le­ger Emil Oprecht schrieb der tsche­chi­sche Schrift­stel­ler Hans Nan­to­nek am 7. Okto­ber 1940 über eini­ge exi­lier­te Schrift­stel­ler wie Leon­hard Frank, die in Lis­sa­bon fest­sa­ßen und auf Visa für die USA war­te­ten: Leon­hard Frank war­tet hier immer noch auf sein ame­ri­ka­ni­sches Visum, fer­ner Iwan Heil­butt [sic], ich und noch eini­ge weni­ge, die ich noch fest­stel­len wer­de. […] Das ame­ri­ka­ni­sche Kon­su­lat in Lis­sa­bon macht immer grö­ße­re Schwie­rig­kei­ten, und das Kon­su­lat in Mar­seil­le über­weist die etwa gege­be­nen Visa nicht hier­her. […] Wir von der Fry-Lis­­te ste­hen in stän­di­ger Ver­bin­dung mit ihm selbst, mit dem hie­si­gen Komi­tee und mit der New Yor­ker Zen­tra­le […].21 Drei Mona­te spä­ter – am 28. Dezem­ber 1940 – gelang es der Fami­lie Heil­but, mit dem Schiff Ser­pa Pin­to Lis­sa­bon in Rich­tung USA zu ver­las­sen, die sie am 9. Janu­ar 1941 erreich­te. Zwar konn­te Iwan Heil­but dort sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Arbeit fort­füh­ren, doch war er gezwun­gen, einem Brot­be­ruf nach­zu­ge­hen, um sei­ner Fami­lie ein Aus­kom­men zu sichern. Ab 1945 erhielt er einen Lehr­auf­trag für deut­sche Lite­ra­tur am Hun­ter Col­lege in New York, ohne dass er in sei­ner neu­en ame­ri­ka­ni­schen Hei­mat Fuß fas­sen konn­te, sodass er fünf Jah­re spä­ter nach Euro­pa zurück­kehr­te. Dort zog er durch meh­re­re Städ­te in Deutsch­land und der Schweiz, hielt Vor­trä­ge und arbei­te­te für Rund­funk­an­stal­ten und Zeitungen.22 »Heil­but wur­de in der frem­den Hei­mat nie mehr hei­misch«, schrieb Enzens­ber­ger; »er blieb, wie es omi­nö­ser­wei­se heißt, ›ohne fes­ten Wohn­sitz‹. Am 15. April 1972 ist er, vier­und­sieb­zig­jäh­rig, in Bonn gestorben.«23 Spu­ren in New York Anna Seg­hers: The Seventh Cross (Litt­le, Brown, 1942)Wäh­rend sich sei­ne Spu­ren in Euro­pa ver­lo­ren, hat­te er in den USA zumin­dest vor­über­ge­hend einen blei­ben­den Ein­druck hin­ter­las­sen. Beim New Yor­ker Ver­lag Dou­ble­day erschien 1943 (in der Über­set­zung von James Aus­tin Gal­s­ton, der auch Anna Seg­hers’ Exil­ro­ma­ne Tran­sit und Das sieb­te Kreuz ins Eng­li­sche über­tra­gen hat­te) sein Roman Birds of Pas­sa­ge, der Heil­buts Exil-Erfah­rung in Frank­reich reflek­tiert. In einer Rezen­si­on in der New York Times – beti­telt als »Der Uner­wünsch­te« – beschrieb die Kri­ti­ke­rin Nona Bal­a­ki­an (1918–1991), selbst eine Immi­gran­tin aus dem ehe­ma­li­gen Osma­ni­schen Reich, den Flücht­lin­ge als einen neu­en Men­schen­ty­pus, der zum Sym­bol »die­ser tra­gi­schen Zei­ten« wur­de. Sie lob­te die Schön­heit und Inten­si­tät des Romans, hob aber auch sei­ne ver­stö­ren­de Kraft her­vor. Heil­butt beschrei­be die soge­nann­ten »feind­li­chen aus­län­der« in die­sen »ver­zwei­fel­ten Tagen des Juni 1940« als Krea­tu­ren, die nur auf Gerücht und Annah­me exis­tier­ten, obwohl sie – im Gegen­satz zu den »Reichs­deut­schen« im Inter­nie­rungs­la­ger – »Fran­zo­sen im Geis­te« waren.24 Iwan Heil­but: Zug­vö­gel (Cla­as­sen, 2026)In der ame­ri­ka­ni­schen Fas­sung, über die Heil­butt nicht glück­lich war, blie­ben vie­le Pas­sa­gen des ursprüng­li­chen Manu­skripts außen vor. Wie jedoch Peter Graf (der Heil­buts Roman­text edi­tier­te und unter dem Titel Zug­vö­gel her­aus­brach­te) unter­strich, waren am man­geln­den Erfolg weder Ver­lag noch Über­set­zer schuld. »Die Kür­zun­gen sind sehr bedau­er­lich, aber an der Über­set­zung ist wenig aus­zu­set­zen«, urteilt der Her­aus­ge­ber der voll­stän­di­gen Aus­ga­be. »Und als sich das Buch trotz der über­aus guten Pres­se weni­ger gut ver­kauft als von dem in finan­zi­el­ler Not ste­cken­den Ver­fas­ser erhofft, beklagt sich Iwan Heil­butt dar­über, dass schlech­tes Mar­ke­ting und eine schlech­te Dis­tri­bu­ti­on dafür ver­ant­wort­lich sind.«25 Wäh­rend Enzens­ber­ger bei sei­ner Ent­de­ckung des »ver­ges­se­nen Dich­ters« davon aus­ging, dass sei­ne Schrif­ten nie wie­der gedruckt wür­den (»Die Geschich­te der Lite­ra­tur ist ver­gess­lich, und damit mag es am Ende sogar sein Bewen­den haben. Die Mensch­heit kann und will sich nicht alles merken.«26), gehört Heil­buts wie­der­ent­deck­ter Roman zu den gro­ßen Wer­ken der Exil­li­te­ra­tur. Es ist Grafs Ver­dienst, dass er die­sen Roman – wie schon frü­he­re Wer­ke von »ver­ges­se­nen« Autoren wie Ulrich Alex­an­der Boschwitz oder Karl Alfred Loe­ser – ins lite­ra­ri­sche Gedächt­nis aus der Grab­stät­te des Archivs geholt hat. Die Denun­zia­ti­on der Exil­li­te­ra­tur Grafs bewun­de­rungs­wür­di­ge Aus­gra­bungs­ar­beit straft auch jene arro­gan­te Ver­höh­nung von Exil­li­te­ra­tur und Exil­for­schung Lügen, die in den 1980er-Jah­­ren bei Epi­go­nen der Kul­tur­in­dus­trie­kri­tik in der Tra­di­ti­on der »Frank­fur­ter Schu­le« en vogue war. »Der Rum­mel um Exil­li­te­ra­tur und Exil­for­schung ist eine Form der Ver­drän­gung«, ver­kün­de­te der Kra­wall­pu­bli­zist Wolf­gang Pohrt im Novem­ber 1984 auf einem Vor­trag in Ham­burg, »inso­fern er unter­stellt, daß man die wich­tigs­ten Wer­ke erst noch aus­gra­ben muß, wäh­rend sie tat­säch­lich längst aus­ge­gra­ben wor­den und schon wie­der in Ver­ges­sen­heit gera­ten sind.«27 Hämisch schwa­dro­nier­te Pohrt (den sein Her­aus­ge­ber und Nach­lass­ver­wal­ter Klaus Bit­ter­mann mit einem MEW-Look-Pas­­ti­che der Pohrt-Wer­k­aus­­ga­­ben zum »bril­lan­ten« und »weit­sich­ti­gen« Gesell­schafts­ana­ly­ti­ker adelt28), über die »mit­tel­mä­ßi­gen und zu Recht ver­ges­sen Autoren, die es natür­lich im Exil wie über­all gege­ben hat«29 Am Ende schlägt die Denun­zia­ti­on auf den Urhe­ber zurück, der nie über die deut­schen pro­vin­zi­el­len Land­schaf­ten an den Rän­dern von Stutt­gart, Lud­wigs­burg oder Lüne­burg hin­aus­ge­kom­men ist und dort ver­west.  © Jörg Auberg 2026 Biblio­gra­fi­sche Anga­ben: Ivan Heil­but.Birds of Pas­sa­ge.Über­setzt von James Aus­tin Gal­s­ton.New York: Dou­ble­day, Doran & Com­pa­ny, 1943.331 Sei­ten, US-$ 2.75.Iwan Heil­but.Zug­vö­gel.Roman.Edi­tiert und mit einem Nach­wort her­aus­ge­ge­ben von Peter Graf.Ber­lin: Cla­as­sen, 2026.656 Sei­ten, 29 Euro.ISBN: 978–3‑546–10159‑2. Medi­en­quel­len Pass für Char­lot­te und Iwan Heil­but© Deut­sches Exilarchiv/DNB Cover The Seventh CrossInter­net Archi­ve Cover Zug­vö­gel© Cla­as­sen Anmer­kun­gen­Hans Magnus Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung, 23. Mai 2016, S. 39, https://web.archive.org/web/20160823215533/http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/marbacher-fundstuecke-heilbut-nie-gehoert-1327544.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 Ein­seh­bar in der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek, Frankfurt/Main; cf. https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/VLESD7N2FOMYWWNNS2FCW33S45HQWA5G Han­nah Are­ndt, The Jewish Wri­tin­gs, hg. Jero­me Kohn und Ron H. Feld­man (New York: Scho­cken Books, 2007), S. 270; zum Hin­ter­grund cf. Saman­tha Rose Hill, Cri­ti­cal Lives: Han­nah Are­ndt (Lon­don: Reak­ti­on Books, 2021), S. 70–81 Chris­toph Ema­nu­el Dejung, Emil Oprecht: Ver­le­ger der Exil­au­to­ren (Mün­chen: Euro­pa Ver­lag, 2023, ePub-Ver­­­si­on), S. 225  Syl­via Asmus, »Wie­der­ent­deckt: Iwan Heil­buts ›Zug­vö­gel‹«, Blog der Deut­schen Natio­nal­bi­blio­thek, 22. August 2026, https://blog.dnb.de/wiederentdeckt-iwan-heilbuts-zugvoegel/ Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, FAZ, 23.05.2016 Nona Bal­a­ki­an, »The Unwan­ted«, New York Times, 17. Okto­ber 1943, S. 61 Peter Graf, »›Leben, Beben, Schwan­ken‹ – Nach­wort des Her­aus­ge­bers«, in: Iwan Heil­but, Zug­vö­gel (Ber­lin: Cla­as­sen, 2026), S. 648 Enzens­ber­ger, »Heil­but? Nie gehört!«, FAZ, 23.05.2016 Wolf­gang Pohrt, Gewalt und Poli­tik: Aus­ge­wähl­te Reden & Schrif­ten, hg. Klaus Bit­ter­mann (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 2010), S. 186 Klaus Bit­ter­mann, »Der intel­lek­tu­el­le Unru­he­stif­ter«, in: Pohrt, Gewalt und Poli­tik, S. 438 Pohrt, Gewalt und Poli­tik, S. 187  […]
  • Pierre Adrian: Hotel RomaPierre Adri­an: Hotel Roma31. August 2026Im Ver­ges­sen ein­ge­schneit Pierre Adri­an auf den Spu­ren Cesa­re Pave­ses von Jörg Auberg Am 18. August 1950 schrieb Cesa­re Pave­se einen letz­ten Ein­trag in sein Tage­buch, das post­hum unter dem Titel Das Hand­werk des Lebens ver­öf­fent­licht wur­de: »All das ist ekel­haft. Nicht Wor­te. Eine Ges­te. Ich wer­de nicht mehr schreiben.«26 Eine Woche spä­ter voll­zog Pave­se auch als Mensch das Ende, als er sich in einem Turi­ner Durch­gangs­ho­tel namens Roma gegen­über dem Bahn­hof mit Schlaf­ta­blet­ten das Leben nahm.  Pierre Adri­an: Hotel Roma (Coll­ec­tion Folio, 2024)»Der Selbst­mord des Schrift­stel­lers ging dem des Man­nes um neun Tage vor­aus«, kom­men­tiert der fran­zö­si­sche Schrift­stel­ler Pierre Adri­an in sei­nem Roman Hotel Roma, in dem er Pave­ses Spu­ren nachspürt.30 Es war kei­ne Ver­zweif­lungs­tat, son­dern die Kon­se­quenz eines lang­jäh­ri­gen Pro­zes­ses, den Pave­se in sei­nem Tage­buch akri­bisch doku­men­tier­te. Schon im April 1936 schrieb er: »Mein Prin­zip ist der Selbst­mord, nie voll­zo­gen, den ich nie voll­zie­hen wer­de, der aber mei­ner Emp­find­sam­keit schmeichelt.«31 Andert­halb Jah­re spä­ter notier­te er: »Nichts ist nie­der­träch­ti­ger als der Zustand mora­li­schen Ver­falls, zu dem der Gedan­ke, die Gewohn­heit des Gedan­kens an Selbst­mord führt. Ver­ant­wort­lich­keit, Bewusst­sein, Kraft, alles treibt ziel­los auf jenem toten Meer, geht unter und taucht gele­gent­lich wie­der auf, jedem Antrieb zum Spott.«32 Adri­an ver­gleicht Pave­se mit den Har­pu­nie­ren aus Her­man Mel­vil­les Roman Moby Dick (den Pave­se ins Ita­lie­ni­sche über­setz­te): Gleich ihnen, die mit dem Tod ver­kehr­ten, »leb­te Pave­se mit dem Gedan­ken an Selbstmord«.33 Stig Dager­man: Trost (Fischer, 2025)Ähn­lich wie der schwe­di­sche Autor Stig Dager­man, der 1954 31-jäh­­rig sei­nem Leben mit Aus­puff­ga­sen in der Gara­ge ein Ende berei­te­te, war für Pave­se der Selbst­mord »der ein­zi­ge Beweis für die Frei­heit des Menschen«34. Wie bei Pave­se konn­te auch der Erfolg im Lite­ra­tur­be­trieb ihn nicht aus der depres­si­ven Welt befrei­en. »Mit bit­te­rer Freu­de will ich sehen«, schrieb Dager­man in einem kur­zen Text, »wie mei­ne Häu­ser zu Rui­nen ver­fal­len und ich selbst im Ver­ges­sen ein­ge­schneit werde.«35 Zwar ist Pave­se heu­te nicht ver­ges­sen, doch hat er in der Lite­ra­tur der Gegen­wart einen gerin­ge­ren Stel­len­wert als bei­spiels­wei­se Pier Pao­lo Paso­li­ni, über den sich Adri­an Pave­se näher­te. »Anders als Paso­li­ni, der sich ganz auf die Welt ein­ließ, kör­per­lich, rück­sichts­los«, schreibt Adri­an, »hielt Pave­se sich her­aus.« Er »enga­gier­te sich nicht ein­mal im Widerstand«36 Rea­li­ter enga­gier­ten sich nur weni­ge ita­lie­ni­sche Intel­lek­tu­el­le im Wider­stand gegen den Faschis­mus, und Paso­li­ni selbst war in sei­nen jun­gen Jah­ren Teil der faschis­ti­schen Jugendkultur.37  Pierre Adri­an: Hotel Roma (Rot­punkt­ver­lag, 2026)In sei­nem Roman hef­tet sich Adri­an an die Spu­ren Pave­ses, wobei er nicht der Ver­su­chung erliegt, das Leben des Autors in eine ima­gi­nä­re Fik­ti­on zu über­füh­ren. Viel­mehr nähert er sich der Per­son Pave­se in nüch­ter­nen Refle­xio­nen, die in ihrer zurück­ge­nom­me­nen Dar­stel­lung aus Distanz und Nähe an die Annä­he­run­gen des Schwei­zer Fil­me­ma­chers Richard Din­do (1944–2025) an Max Frischs Montauk-Rei­­se erin­nern. Wie Din­do folgt Adri­an sei­nem Prot­ago­nis­ten an die »tat­säch­li­chen Schau­plät­ze« der Lebens­rei­se Pave­ses (Pie­mont, Turin, Rom und Kalabrien).38 Mit Recht bezeich­net die Schrift­stel­le­rin Suzan­ne Azmayesh Adri­ans Roman als Jour­nal des Umher­strei­fens am Meer oder in den Hügeln: »Fast wie in einem Rei­se­ta­ge­buch lädt uns Pierre Adri­an in die­sem wun­der­schö­nen Buch ein, an sei­ner Sei­te umher­zu­strei­fen, ›als wür­den wir eine Erzäh­lung von Pave­se nach­spie­len‹, am Meer oder in den Hügeln, von einem Zug zum nächs­ten, von einer Anek­do­te zu einer Erin­ne­rung, um zu ver­su­chen, die Dämo­nen die­ses zyni­schen und melan­cho­li­schen Schrift­stel­lers zu ver­ste­hen, der uns para­do­xer­wei­se auch leh­ren kann, zu leben.«39 »In mei­nen Drei­ßi­gern wur­de Cesa­re Pave­se mein Schrift­stel­ler«, schreibt Adri­an, »wahr­schein­lich weil ich kei­nen Vor­den­ker mehr such­te, son­dern nur einen Freund, der mir Gesell­schaft leis­tet. Ich akzep­tier­te jetzt die Welt und hat­te auf­ge­ge­ben, sie zu verändern.«40 In Adri­ans Wahr­neh­mung ist Pave­se als Mensch und Schrift­stel­ler pri­mär von Ein­sam­keit, Ver­zweif­lung, Resi­gna­ti­on und »zyni­scher Hell­sich­tig­keit« geprägt41, wäh­rend er die Ent­frem­dung und die Schwie­rig­kei­ten des Enga­ge­ments ver­nach­läs­sigt. »Pave­se war unen­ga­giert; sei­ne Gleich­gül­tig­keit ent­sprach dem unbe­deu­ten­den Lärm der Welt.«42, schreibt Adri­an, wobei sich die Fra­ge stellt, ob ein Schrift­stel­ler über­haupt »unen­ga­giert« sein kann. Selbst der her­me­ti­sche Dich­ter Sté­pha­ne Mall­ar­mé war für Jean-Paul Sart­re »so total wie mög­lich« enga­giert – »gesell­schaft­lich eben­so wie poetisch«.43 Pave­se war kein »Mann der Akti­on«, wie Gio­se Rima­nel­li in sei­ner Mono­gra­fie Cesa­re Pavese’s Long Jour­ney schrieb. Ihm gelang es nicht, sei­ne Sehn­sucht nach mensch­li­cher Brü­der­lich­keit in eine akti­ve poli­ti­sche Teil­nah­me umzu­wan­deln. »Er bezahl­te die Stra­fe der poli­ti­schen Ver­ban­nung eher auf­grund sei­ner Kon­tak­te denn wegen ande­rer Gründe.«44 Die frü­he Erzäh­lung »Land der Ver­ban­nung« aus dem Jah­re 1936 (die eini­ge Zeit spä­ter in den zwei Jah­re spä­ter ent­stan­de­nen Kurz­ro­man Il car­ce­re ein­floss) lässt Pave­se mit den Wor­ten des ver­bann­ten Ich-Erzäh­­lers begin­nen:  Son­der­ba­re Umstän­de mei­ner Tätig­keit hat­ten mich aus­ge­rech­net tief nach Unter­ita­li­en ver­schla­gen; ich fühl­te mich dort sehr ein­sam und sah die­ses schmut­zi­ge klei­ne Dorf als eine Art Stra­fe an, wie sie jeden von uns min­des­tens ein­mal im Leben erwar­tet –, oder auch als ganz abge­le­ge­nen Ort, wo ich mich sam­meln und merk­wür­di­ge Erfah­run­gen machen. Und eine eine Stra­fe waren sie, all die Mona­te, die ich dort ver­brach­te, wäh­rend mich der Ort, was fremd­ar­ti­ge Erfah­run­gen anlangt, nicht wenig enttäuschte.45 Auch in dem spä­te­ren Roman Die Ver­ban­nung (Il car­ce­re) herr­schen Ein­sam­keit, Trost­lo­sig­keit und Iso­la­ti­on bei dem Prot­ago­nis­ten Ste­fa­no vor. Als er am Ende des Exils (das für Pave­se ein gan­zes Leben dau­er­te) am Bahn­hof auf den ein­fah­ren­den Zug war­tet, scheint das »blei­che Meer« im Lee­ren sich auf­zu­bäu­men. »Als der Zug ein­fuhr«, heißt es am Schluss, »kam es Ste­fa­no so vor, als wir­bel­ten die Gesich­ter und die Namen derer, die nicht da waren, wie dür­re Blät­ter um ihn her.«46 In sei­nen Erzäh­lun­gen und Roma­nen nahm Pave­se mit sei­nem stoi­schen Ertra­gen der Ein­sam­keit und Ver­zweif­lung vie­les von Michel­an­ge­lo Anto­nio­nis Bild­spra­che in Fil­men wie Le ami­che (der auf Pave­ses Roman Die ein­sa­men Frau­en basier­te) oder Il gri­do vor­weg. Tref­fend ana­ly­siert Adri­an die ästhe­ti­sche Ver­wandt­schaft zwi­schen den bei­den Künst­lern. »Pave­se zyni­sche Hell­sich­tig­keit, sei­ne Resi­gna­ti­on zeich­nen auch die männ­li­chen Figu­ren Anto­nio­nis aus«, kon­sta­tiert er. »Die­se Män­ner ste­hen da, mit lee­rem Blick, trost­los, die Hän­de in den Taschen.«47 Cesa­re Pave­se: Das Hand­werk des Lebens (Rot­punkt­ver­lag, 2024)Am Ende schei­ter­te Pave­se an den Anfor­de­run­gen des erwar­te­ten Enga­ge­ments. »Die Intel­lek­tu­el­len, die sich in der Fra­ge der Frei­heit von der KPI distan­zie­ren, soll­ten sich fra­gen, was sie mit die­ser Frei­heit anfan­gen wol­len, um die sie so besorgt sind«48, notier­te er im April 1945 in sei­nem Tage­buch. Zwei Jah­re spä­ter ver­dun­kel­te sich der Hori­zont wei­ter: »In der Zeit der Klan­des­t­in­i­tät war alles Hoff­nung; jetzt ist alles Aus­sicht auf Desaster.«49 Am Ende fin­den sich kaum bemer­kens­wer­te Spu­ren Pave­ses in einem Turi­ner Buch­la­den, den Adri­an bei sei­ner Recher­che auf­sucht. »Eines Tages frag­te ich den Buch­händ­ler nach den Wer­ken von Pave­se«, erzählt Adri­an, »und­war mir sicher, ein gut gefüll­tes Regal, eine klei­ne Kapel­le, ein Mau­so­le­um zu ent­de­cken. Der Mann erhob sich, umrun­de­te einen Tisch mit Bild­bän­den, mur­mel­te ›Pave­se, Pave­se…‹. Dann such­te er die Drei in sei­ner Buch­hand­lung ver­streu­ten grau­en, tris­ten Mon­d­a­do­ri-Bän­­de zusam­men. Mehr kön­nen er mir nicht anbie­ten, sonst habe er nichts.«50 Glück­li­cher­wei­se kön­nen zeit­ge­nös­si­sche deutsch­spra­chi­ge Leser*innen auf die gro­ßen Wer­ke Pave­ses zurück­grei­fen, die zumeist von Maja Pflug kon­ge­ni­al ins Deut­sche über­tra­gen wur­den. © Jörg Auberg 2026 Für die Über­set­zung aus dem Fran­zö­si­schen wur­de die Soft­ware DeepL ver­wen­det.  Biblio­gra­fi­sche Angaben:Pierre Adri­an.Hotel Roma.Roman.Über­setzt von Andrea Spin­gler.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2026.216 Sei­ten, 25 Euro.ISBN: 978–3‑03973–084.Stig Dager­man.Trost.Über­setzt von Paul Berf.Frankfurt/Main: Fischer, 2025.64 Sei­ten, 12 Euro.ISBN: 978–3‑596–71161‑1.Weiterführende Literatur:Cesa­re Pave­se.Das Hand­werk des Lebens:Tage­buch 1935–1950.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2024.480 Sei­ten, 32 Euro.ISBN: 978–3‑03973–019‑3.Cesa­re Pave­se.Der schö­ne Som­mer.Drei Roma­ne.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Nach­wort von Nata­lia Ginz­burg.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2021.488 Sei­ten, 32 Euro.ISBN: 978–3‑85869–903‑9.Cesa­re Pave­se.Das Haus auf dem Hügel.Roman.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Nach­wort von Lothar Mül­ler.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2018.216 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑85869–782.Cesa­re Pave­se.Der Mond und die Feu­er.Roman.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Nach­wort von Pao­la Tra­ver­so.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2018.216 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑85869–715‑8.Cesa­re Pave­se.Der Genos­se.Roman.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2019.224 Sei­ten, 26 Euro.ISBN: 978–3‑85869–841‑4.Cesa­re Pave­se.Klar und ver­las­sen gehen die Mor­gen dahin.Sämt­li­che Gedich­te.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Dag­mar Leu­pold.Zürich: Atlan­tis Ver­lag, 2024.240 Sei­ten, 24 Euro.ISBN: 978–3‑7152–5042‑7.Cesa­re Pave­se und Bian­ca Garu­fi.Gro­ßes Feu­er.Roman.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Maja Pflug.Zürich: Atlan­tis Ver­lag, 2022.128 Sei­ten, 20 Euro.ISBN: 978–3‑7152–5014‑4.Cesa­re Pave­se.Der Strand.Roman.Aus dem Ita­lie­ni­schen von Hel­mut Moy­sich.Nach­wort von Hanns-Josef Ort­heil.Mainz: Dieterich’sche Ver­lags­buch­hand­lung, 2021.128 Sei­ten, 18 Euro.ISBN: 978–3‑87162–109‑3.  Medi­en­quel­len Cover Hotel Roma© Gal­li­mard Cover Trost© Fischer Cover Hotel Roma© Rot­punkt­ver­lag Publi­ci­­ty-Spot Hotel Roma© Gal­li­mard Cover Das Hand­werk des Lebens© Rot­punkt­ver­lag AnmerkungenCesa­re Pave­se, Das Hand­werk des Lebens: Tage­buch 1935–1950, übers. Maja Pflug (Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2024), S. 469 Pierre Adri­an, Hotel Roma, übers. Andrea Spin­gler (Zürich: Rot­punkt­ver­lag, 2026), S. 21 Pave­se, Das Hand­werk des Lebens, S. 40 Pave­se, Das Hand­werk des Lebens, S. 65 Adri­an, Hotel Roma, S. 19  Stig Dager­man, Trost, übers. Paul Berf (Frankfurt/Main: Fischer, 2025), S. 20  Dager­man, Trost, S. 19 Adri­an, Hotel Roma, S. 17 Cf. Simo­na Bon­da­vel­li, Fic­tions of Youth: Pier Pao­lo Paso­li­ni, Ado­le­sence, Fascism (Toron­to: Uni­ver­si­ty of Toron­to Press, 2015), S. 36–43 Cf. Richard Din­do, Max Frisch: Jour­nal I‑III (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), Book­let, S. 5  Suzan­ne Azmayesh, »Pierre Adri­an ou la liber­té du roman­cier«, La règ­le du jeu, 3. Dezem­ber 2024, https://laregledujeu.org/2024/12/03/41194/pierre-adrian-ou-la-liberte-du-romancier/ Adri­an, Hotel Roma, S. 18 Adri­an, Hotel Roma, S. 69, 108 Adri­an, Hotel Roma, S. 17 Jean-Paul Sart­re, Was kann Lite­ra­tur? Inter­views, Reden, Tex­te, 1960–1976, hg. Trau­gott König, übers. Trau­gott König et al. (Rein­bek: Rowohlt, 1986), S. 12 Gio­se Rima­nel­li, Cesa­re Pavese’s Long Jour­ney: A Cri­­ti­­cal-Ana­­ly­­ti­­cal Stu­dy, hg. Mark Pie­tral­un­ga (New York: Bord­ig­he­ra Press, 2019), S. 128 Cesa­re Pave­se, Die Nacht von San Roc­co: Erzäh­lun­gen, übers. Char­lot­te Birn­baum (Hil­des­heim: Cla­as­sen extra, 1992), S.7 Cesa­re Pave­se, Die Ver­ban­nung, übers. Ari­an­na Giachi (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1963), S. 153Adri­an, Hotel Roma, S. 108 Pave­se, Das Hand­werk des Lebens, S. 371 Pave­se, Das Hand­werk des Lebens, S. 385 Adri­an, Hotel Roma, S. 50  […]

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Neueste Beiträge

Leonardo Sciascia — Porte aperte

Leonardo Sciascia: Das Gesetz schweigt, der Richter spricht (Friedenauer Presse, 2026)

Im Bewusstsein der vorherrschenden literarischen Öffentlichkeit ist Leonardo Sciascia (1921-1989) nahezu untrennbar mit Sizilien und der Mafia verknüpft. Wie jüngst Caroline Moorehead in ihrer Sciascia-Monografie A Sicilian Man hervorhebt, galt Sciascia als (wenn auch widerwilliger) »Mafiologe«, der von einer schmerzhaften »Sizilianität« geprägt gewesen sei. Die Identifikation Sciascias mit dem...

Iwan Heilbut — Zugvögel

Cover von „Zugvögel“ von Iwan Heilbut: Auf dem Cover ist eine sepiafarbene Szene am Wasser zu sehen, mit zwei Personen auf einem Steg und einem Brückenbogen im Hintergrund.

Der Vergessene Die Errettung von Iwan Heilbuts Exilroman »Zugvögel« von Jörg Auberg   Im Mar­ba­cher Lite­ra­tur­mu­se­um der Moder­ne ent­deck­te Hans Magnus Enzens­ber­ger 2016 »den ver­ges­se­nen deut­schen Dich­ter Iwan Heil­but«, der 1898 in Ham­burg gebo­ren wur­de und in der Wei­ma­rer Repu­blik mit weni­ger ambi­tio­nier­ten denn mone­ta­ri­sier­ba­ren Roma­nen reüssierte.1...

Pierre Adrian: Hotel Roma

Pierre Adrian: Hotel Roma (Rotpunktverlag, 2026)

Am 18. August 1950 schrieb Cesare Pavese einen letzten Eintrag in sein Tagebuch, das posthum unter dem Titel Handwerk des Lebens veröffentlicht wurde: »All das ist ekelhaft. Nicht Worte. Eine Geste. Ich werde nicht mehr schreiben.« Eine Woche später vollzog Pavese auch als Mensch das Ende, als er sich in einem Turiner Durchgangshotel namens Roma gegenüber dem Bahnhof mit Schlaftabletten das Leben...

Steffen Kopetzky — Die Harzreise

Steffen Kopetzky: Die Harzreise: Eine Deutschlanderkundung (Rowohlt Berlin, 2026)

Unterwegs in der Zone Steffen Kopetzky auf den Spuren von Heinrich Heine im Harz  von Jörg Auberg In Tho­mas Pyn­chons Roman Gravity’s Rain­bow (1973) – der von Kritiker*innen gern als »exem­pla­ri­scher post­mo­der­ner Text« und als Ulys­ses des spä­ten 20. Jahr­hun­derts klas­si­fi­ziert wird42 – taucht der Ober­harz bei einem Über­flug von See­sen nach Gos­lar Rich­tung...

Funken der Hoffnung

Titelbild »Funken der Hoffnung«

Ein kritischer Überblick über neue Buchveröffentlichung zur Rolle der Literatur im Kampf gegen den Faschismus im Spanischen Bürgerkrieg und während der deutschen Okkupation von Paris 1940

Dwight Macdonald — Atrocities of the Mind

Der Fluch der Gewalt Dwight Macdonalds politische Essays von Jörg Auberg Zeit sei­nes Lebens wur­de der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­le Dwight Mac­do­nald (1906–1982) hin­sicht­lich sei­ner poli­ti­schen Ein­schät­zun­gen und intel­lek­tu­el­len Fähig­kei­ten äußerst kon­tro­vers beur­teilt. Er sei, ließ bei­spiels­wei­se Leo Trotz­ki kurz vor sei­nem Tod einen revo­lu­tio­nä­ren Genos­sen in den...

Andrej Platonow — Der Staatsbewohner

Andrej Platonow: Der Staatsbewohner (Suhrkamp, 2025)

Die Verdunklung der Sonne Andrej Platonow und die Verlorenen Utopien von Jörg Auberg  Drei Jah­re vor sei­nem Tod begrüß­te Alex­an­der Blok (1880–1921), einer der her­aus­ra­gen­den Dich­ter der rus­si­schen Moder­ne, die Okto­ber­re­vo­lu­ti­on 1918 enthu­si­as­tisch. Nach sei­nen Wor­ten war deren Ziel, »alles neu zu machen«, »alles anders zu machen«, »unser fal­sches, dre­cki­ges...

Yves Allégret: Une si jolie petite plage

»Ein atmosphärisch sehr dichter, von Resignation und Trostlosigkeit geprägter Film in der Tradition des ›poetischen Realismus‹. Er beschränkt sich freilich mehr auf das Zelebrieren von Stimmungen und blendet dabei eine Beschreibung der sozialen Hintergründe rigoros aus.«

Benjamin Myers: Jesus Christ Kinski

Benjamin Meyers: Jesus Christ Kinski (Bloomsbury, 2025)

DIE DEMONTAGE EINES DEKLAMATORS BENJAMIN MYERS’ ROMAN ÜBER DAS SCHEITERN KLAUS KINSKIS von Jörg Auberg Im popu­lä­ren Gedächt­nis ist Klaus Kin­ski vor allem als ego­ma­ni­sches »Enfant ter­ri­ble« prä­sent, das in min­des­tens sech­zehn Edgar-Wal­lace-Fil­men – umge­ben von abge­half­ter­ten Diven der »Gott­be­gna­de­ten-Lis­te« des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Reichs­pro­pa­gan­da...

Thomas-Mann-Jahr 2025 — Eine Retrospektive

Aufenthalt in Nidden - am Schreibtisch (Juli 1930)

»Das hält aus bis zum letzten Seufzer« Ein Rückblick auf das Thomas-Mann-Jahr 2025 von Jörg Auberg In memo­ri­amHan­jo Kes­t­ing(1943–2025) Tho­mas Mann: Mario und der Zau­be­rer (Kunst­haus Lübeck, 2004) Als »Ame­ri­ka« sich für Tho­mas Mann von der »Lösung« zum »Pro­blem« wan­del­te, dis­ku­tier­ten er und sei­ne Toch­ter Eri­ka mit dem lin­ken Fil­me­ma­cher Abra­ham Polon­sky über ein...

Frankfurter Buchmesse 2025

Es geht (vielleicht doch) um das Buch Nachträgliche Miszellen zur Frankfurter Buchmesse 2025 In alten Über­lie­fe­run­gen erschei­nen die frü­he­ren Zei­ten der Frank­fur­ter Buch­mes­se oft gla­mou­rös, dra­ma­tisch und aben­teu­er­lich, als wäre die Jagd nach Lizen­zen und Buch­ver­trä­gen aus über­dreh­ten Screw­ball-Komö­di­en abge­kup­fert. In sei­nen Remi­nis­zen­zen an den...

Das Elend der Fernsehkritik

Das Elend der Fernsehkritik Über das Stampfen der Fernsehmaschine von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel über die destruk­tiv-vam­pi­ri­schen Mög­lich­kei­ten des Fern­se­hens aus dem Jah­re 1970 kon­sta­tier­ten die Film­kri­ti­ke­rin­nen Frie­da Gra­fe und Enno Pata­l­as: »Wir haben bekannt­lich das bes­te Fern­se­hen der Welt – und des­halb auch das schlech­tes­te Kino.«1...

Zur Aktualität der Kritischen Theorie

Flaschenposten im Schlamm Zur Aktualität der Kritischen Theorie von Jörg Auberg Bevor sich in den spä­ten 1950er-Jah­ren die syn­ony­men Begrif­fe der »Frank­fur­ter Schu­le« und »Kri­ti­schen Theo­rie« im öffent­li­chen Bewusst­sein durch­setz­ten, war oft die Rede von der »Hork­hei­mer-Grup­pe«. In einer Rezen­si­on der ein­fluss­rei­chen Antho­lo­gie Mass Cul­tu­re aus dem Jah­re 1957 schrieb...

Der Fall Silone

Silone Poster

Der Fall Silone Ignazio Silones Rolle im Kampf gegen den Faschismus   von Jörg Auberg Heiliger, Revolutionär, Verräter In der pul­sie­ren­den Zeit des Kal­ten Krie­ges galt Igna­zio Silo­ne (1900–1978) bei anti­sta­li­nis­ti­schen Lin­ken in der west­li­chen Hemi­sphä­re als »säku­la­rer Hei­li­ger«, als der »gelieb­tes­te Volks­held der ita­lie­ni­schen Lin­ken«, des­sen Ruhm und...

Georg Seeßlen — Trump und Co.

Georg Seeßlen: Trump und Co (Bertz + Fischer, 2025)

Der »Horror-Clown« des Faschismus Georg Seeßlen analysiert die Bandenherrschaft Donald Trumps von Jörg Auberg »Ame­ri­ka inter­es­sier­te mich, es ist das inter­es­san­tes­te Land«, sag­te der fran­zö­si­sche Film­re­gis­seur Lou­is Mal­le in einem Inter­view mit der Film­jour­na­lis­tin Chris­ta Maer­ker. »So ging es jeden­falls mir immer. Es gibt vie­le mons­trö­se Sachen hier...

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man

Ronnie A. Grinberg: Write Like a Man (Princeton University Press, 2024)

Männerwelt des Geistes Ronnie Grinberg untersucht die Maskulinität der Intellektuellen von Jörg Auberg Im zwei­ten Teil von Her­mann Brochs Roman­tri­lo­gie Die Schlaf­wand­ler träu­men die deut­schen Arbei­ter und Ange­stell­ten von »Ame­ri­ka« als einem uto­pi­schen Ort, wo man »hoch­kom­men« kön­ne, ohne sich »wie hier umsonst zu schin­den«, und zitier­ten Goe­the: »Ame­ri­ka, du hast es...

Die »Filmkritik«: Eine Zeitschrift und die Medien

Die Maschinerie der Verblendung Aufstieg und Niedergang der Zeitschrift »Filmkritik« von Jörg Auberg In einem pro­gram­ma­ti­schen Arti­kel zur gesell­schaft­li­chen Rol­le des Film­kri­ti­kers kon­sta­tier­te Sieg­fried Kra­cau­er weni­ge Mona­te vor der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten, der »Film­kri­ti­ker von Rang« sei »nur als Gesell­schafts­kri­ti­ker denk­bar«. Die Mis­si­on...

Thomas Sparr: Zauberberge

Thomas Sparr: Zauberberge (Berenberg, 2024)

Der demokratische Tod Thomas Manns »Jahrhundertroman« Der Zauberberg von Jörg Auberg »Der Faschis­mus ist grei­sen­haft und böse, in jeg­li­cher Gestalt.« Hans May­er1 Rückblicke auf den Zauberberg IIm Herbst 1924 erschie­nen die bei­den Bän­de des Romans Der Zau­ber­berg, die – mit den Wor­ten Tho­mas Manns in einer Ein­füh­rung des Wer­kes für Stu­den­ten an der Prince­ton Uni­ver­si­ty im...

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro

Leonardo Sciascia: Die Affaire Moro (Edition Converso, 2023)

Die Geschichte Aldo Moros in seiner letzten Lebensphase reflektiert Leonardo Sciascia durch literarische Prismen (wie Pier Paolo Pasolini, Luigi Pirandello, Jorge Luis Borges und Edgar Allan Poe) und gewinnt auf diese Weise Einsichten, die ihn in seiner Unerbittlichkeit und Unbeirrbarkeit gegen die herrschende Meinung nahezu aller politischen Richtungen bestärken.

Paul Auster: Bloodbath Nation

Paul Auster, Bloodbath Nation (Rowohlt, 2024)

Paul Austers Vermächtnis Ein nahezu klassischer Essay über Waffengewalt von Jörg Auberg Im Juli 1945, als der Zwei­te Welt­krieg noch im vol­len Gan­ge war, kon­sta­tier­te der ita­lie­ni­sche Emi­grant Nic­coló Tuc­ci in der New Yor­ker pazi­fis­ti­schen Zeit­schrift Poli­tics: »Das Pro­blem ist nicht, wie man den Feind los­wird, son­dern eher, wie man den letz­ten Sie­ger los­wird. Denn was ist...

Texte und Zeichen

Blogstatistik

Um auf dem Laufenden zu bleiben …

Jörg Auberg - Writer, critic, editor, publisher