Ian Kershaw: Höllensturz

I

Blick in den Höl­len­schlund
[sh_margin margin=“30” ][/sh_margin] Ian Kershaw erzählt in sei­nem meis­ter­li­chen Buch Höl­len­sturz die Geschich­te der euro­päi­schen Selbst­zer­stö­rung in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts

[sh_margin margin=“30” ][/sh_margin]

Von Jörg Auberg

[sh_margin margin=“30” ][/sh_margin]

 

Die ehemalige Hanse- und Garnisonsstadt Wesel am Rhein wurde im Frühjahr 1945 zu 97 Prozent zerstört.
Die ehe­ma­li­ge Han­se- und Gar­ni­sons­stadt Wesel am Rhein wur­de im Früh­jahr 1945 zu 97 Pro­zent zer­stört.

In der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts beweg­ten sich nahe­zu alle Län­der auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent in zahl­rei­chen krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen am Ran­de der Selbst­aus­lö­schung. »Jeder euro­päi­sche Krieg war ein Krieg, der von Euro­pa ver­lo­ren wur­de«, kom­men­tier­te im Dezem­ber 1944 Cyril Con­nol­ly in der eng­li­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift Hori­zon.1 Am Ende der Ver­nich­tung blie­ben alle als Ver­lie­rer in den ver­brann­ten Ter­ri­to­ri­en Euro­pas zurück. Die Geschich­te des drei­ßig­jäh­ri­gen »Bür­ger­krie­ges«2 in Euro­pa vom Beginn des Ers­ten Welt­krie­ges bis zum Jah­re 1949, als mit der Grün­dung des Euro­pa­rats der Ver­such einer poli­ti­schen Neu­ge­stal­tung unter­nom­men wur­de, beschreibt Ian Kershaw in sei­nem Buch Höl­len­sturz.

»Man stirbt für sei­ne Idea­le, weil es sich nicht lohnt, für sie zu leben. Oder: es ist als Idea­list leich­ter zu ster­ben als zu leben.«  – Robert Musil

Für Kershaw ist der Ers­te Welt­krieg die »Urka­ta­stro­phe des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts«3 (wie Geor­ge Kennan sie mar­kant beti­tel­te), der die Mons­tren des völ­ki­schen Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus, Ras­sis­mus und Auto­ri­ta­ris­mus ent­stie­gen und die den Boden für die noch grö­ße­re Kata­stro­phe des Zwei­ten Welt­krie­ges berei­te­te. In den Augen Kershaws tau­mel­ten die euro­päi­schen Mäch­te Deutsch­land, Öster­reich Frank­reich, Eng­land und Russ­land kei­nes­wegs »schlaf­wand­le­risch« in das »gro­ße Mas­sa­ker«, son­dern nah­men in ihrem macht­po­li­ti­schen Kal­kül den Krieg klar in Kauf, unter­schätz­ten aber die Hef­tig­keit und Lang­wie­rig­keit der mili­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Auf­grund des tech­ni­schen Fort­schritts in der mili­tä­ri­schen Tech­no­lo­gie hoff­ten die Macht­ha­ber und ihre Gene­rä­le vor allem in Deutsch­land auf einen kur­zen und regio­nal beschränk­ten Kon­flikt und besa­ßen kei­ne Vor­stel­lung, wel­chen kata­stro­pha­len Flä­chen- und Wel­ten­brand sie mit ihren Aktio­nen anrich­te­ten. Für Robert Musil ließ sich die­ser Krieg auf eine ein­fa­che For­mel brin­gen: »Man stirbt für sei­ne Idea­le, weil es sich nicht lohnt, für sie zu leben. Oder: es ist als Idea­list leich­ter zu ster­ben als zu leben.«4

 

Ian Kershaw: To Hell and Back (Allen Lane, 2015)
Ian Kershaw: To Hell and Back (Allen Lane, 2015)

Am Ende brach­te die­ser Krieg nicht allein Zer­stö­rung und mil­lio­nen­fa­chen Tod, son­dern bahn­te auch den Weg für faschis­ti­sche Bewe­gun­gen und Regime in ganz Euro­pa und den Auf­stieg einer auto­ri­tä­ren kom­mu­nis­ti­schen Dik­ta­tur in Russ­land, die in den kom­men­den Jahr­zehn­ten um die glo­ba­le Hege­mo­nie stritt. Aus einer pan­ora­ma­ti­schen euro­päi­schen Per­spek­ti­ve stellt Kershaw die poli­ti­schen Ent­wick­lun­gen nicht nur von Staa­ten wie Eng­land, Frank­reich, Russ­land und Ita­li­en dar, son­dern ver­liert auch jene in Län­dern der Peri­phe­rie wie Polen, Ungarn, der Tsche­cho­slo­wa­kei und der Ukrai­ne nicht aus den Augen. Das Euro­pa der Nach­kriegs­zeit stell­te sich als ein zer­klüf­te­tes Ter­rain dar, in dem in man­chen Län­dern die Demo­kra­tie den Anfein­dun­gen und Über­grif­fen auto­ri­tär-faschis­ti­scher Grup­pen und Bewe­gun­gen wider­stand, wäh­rend anders­wo die extre­me Rech­te leich­tes Spiel hat­te und das »Ande­re« oder das »Frem­de« aus ihren Land­schaf­ten in Pogro­men oder eth­ni­schen Säu­be­run­gen tilg­ten. In den 1930er Jah­ren tri­um­phier­te die Herr­schaft des Auto­ri­ta­ris­mus, in dem ein­zig das Recht des Stär­ke­ren galt.  

Beein­dru­ckend ist an Kershaws Buch nicht allein die Mas­se der Lite­ra­tur, die Kershaw ver­ar­bei­tet, son­dern auch sei­ne her­aus­ra­gen­de Fähig­keit, all die Fak­ten und Ereig­nis­se der Jahr­zehn­te zu einer empa­thi­schen, von einer kon­sis­ten­ten Span­nungs­dich­te gepräg­ten Dar­stel­lung zu ver­knüp­fen, wobei er auf einen wuchern­den Fuß­no­ten­ap­pa­rat ver­zich­tet und mit Zita­ten spar­sam und sorg­fäl­tig umgeht. Dabei kommt er dem von Theo­dor W. Ador­no pos­tu­lier­ten Ide­al eines »anstän­dig gear­bei­te­ten Tex­tes« sehr nahe: »Anstän­dig gear­bei­te­te Tex­te sind wie Spinn­we­ben: dicht, kon­zen­trisch, trans­pa­rent, wohl­ge­fügt und befes­tigt.«5

 

Ian Kershawe: Höllensturz (Deutsche Verlags-Anstalt, 2016)
Ian Kershaw: Höl­len­sturz (Deut­sche Ver­lags-Anstalt, 2016)

Aber trotz aller Bril­lanz hat auch Höl­len­sturz sei­ne Schwä­chen. So ver­nach­läs­sigt Kershaw zum einen das Pro­blem des Kolo­nia­lis­mus, das in die­ser Geschich­te des euro­päi­schen „Bür­ger­krie­ges“ kaum vor­kommt, aber bis heu­te die poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren in Euro­pa beein­flusst. Zum ande­ren ver­hin­dert der wei­te Blick auf das euro­päi­sche Pan­ora­ma zuwei­len eine schär­fe­re Ana­ly­se der öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Ver­hält­nis­se. Ein Bei­spiel hier­für ist Kershaws Beschrei­bung der Macht­über­nah­me der Natio­nal­so­zia­lis­ten 1933 (im eng­li­schen Ori­gi­nal »Nazi take­over« genannt, wäh­rend sie in der deut­schen Über­set­zung mal mit »Macht­über­nah­me« und mal mit dem eine Usur­pa­ti­on insi­nu­ie­ren­den Begriff der »Macht­er­grei­fung« bezeich­net wird). »Als der Wür­ge­griff der Kri­se immer enger wur­de«, schreibt er, »zer­brach das Gesell­schafts­ge­fü­ge, und die ideo­lo­gi­sche Kluft ver­tief­te sich zum Abgrund.«6 In sei­ner Inter­pre­ta­ti­on brach sich in einer deut­schen »Gefüh­lig­keit« eine Sehn­sucht nach natio­na­ler Ret­tung Bahn, die in die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Macht­über­nah­me mün­de­te.

 

Dabei erweckt Kershaw den Ein­druck, als wären die »trau­ma­ti­sier­ten Deut­schen«7 ledig­lich Opfer über- oder unmensch­li­cher Kräf­te, nicht aber ver­ant­wort­lich für das geschicht­li­che Gesche­hen. Zwar kri­ti­siert er spä­ter die Grund­ten­denz der Deut­schen, sich stets als Opfer zu sti­li­sie­ren, wäh­rend sie die Schuld ande­ren auf­bür­de­ten, doch wird der Erzäh­ler an sol­chen Stel­len selbst Opfer sei­ner huma­nen Empa­thie. Bereits in einer Rezen­si­on von Kershaws Buch The End: Hitler’s Ger­ma­ny, 1944–45 (2011) in der Zeit­schrift The New Sta­tes­man hat­te der im Jah­re 2015 ver­stor­be­ne His­to­ri­ker David Ces­ara­ni (Autor der monu­men­ta­len Stu­die Final Solu­ti­on: The Fate of the Jews 1933–49) moniert, dass Kershaw das Aus­maß unter­schät­ze, in dem die »gewöhn­li­chen Deut­schen« sich in die stets grö­ße­re täg­li­che Unmensch­lich­keit im »Drit­ten Reich« ein­ge­lebt hat­ten.8

Trotz die­ser Ein­wän­de ist Höl­len­sturz ein Meis­ter­werk der Geschichts­schrei­bung – gera­de in Zei­ten, da die »bösen Geis­ter« in neu­en Kos­tü­men auf die euro­päi­sche Büh­ne zurück­ge­kehrt sind. In sei­nem empa­thi­schen Huma­nis­mus erin­nert Kershaw an Cyril Con­nol­ly, der kurz vor Weih­nach­ten 1944 von einem »Euro­pa ohne Päs­se« schwärm­te, von einer kul­tu­rel­len Ein­heit, wo alle frei wären, dort­hin zu gehen, wohin sie woll­ten, sagen, was sie woll­ten, tun, was sie woll­ten und bezah­len, wie sie woll­ten. Con­nol­ly träum­te von einer »euro­päi­schen Föde­ra­ti­on«, die den »öko­no­mi­schen Natio­na­lis­mus« gegen einen »inter­na­tio­na­len Regio­na­lis­mus« ein­tausch­te und einen drit­ten Welt­krieg ver­hin­der­te.9 Kershaws Buch ist eine mah­nen­de Erin­ne­rung dar­an, wohin der destruk­ti­ve Cha­rak­ter eines eng­stir­ni­gen Natio­na­lis­mus füh­ren kann.

 

Ian Kershaw.
Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949.
Aus dem Eng­li­schen von Klaus Bin­der, Bernd Lei­ne­we­ber und Brit­ta Schrö­der.
Deut­sche Ver­lags-Anstalt, Mün­chen 2016.
768 Sei­ten, 34,99 EUR.
ISBN: 978–3‑421–04722‑9

 

 

[sh_margin margin=“30” ][/sh_margin]

Eine kür­ze­re Fas­sung erschien in literaturkritik.de, Nr. 1 (Janu­ar 2017)
© Jörg Auberg 2016
 

[sh_margin margin=“30” ][/sh_margin] [otw_shortcode_content_box title=“Bildquellen” title_style=“otw-regular-title” content_pattern=“otw-pattern‑2” icon_type=“general found­icon-glo­be”] Foto Innen­stadt von Wesel 1945 — Wiki­Me­dia Com­mons
Cover To Hell and Back — Allen Lane 2015
Cover Höl­len­sturz — Deut­sche Ver­lags-Anstalt 2016
[/otw_shortcode_content_box]

 [sh_margin margin=“30” ][/sh_margin]

Nachweise

  1. Cyril Con­nol­ly, »Com­ment«, Hori­zon, Dezem­ber 1944, S. 368, zit. in: Ian Buru­ma, Year Zero: A Histo­ry of 1945 (Lon­don: Atlan­tic Books, 2014), S. 254
  2. Cf. Enzo Tra­ver­so, Im Bann der Gewalt: Der euro­päi­sche Bür­ger­krieg, 1914–1945, übers. Micha­el Bay­er (Mün­chen: Sied­ler, 2008)
  3. Cf. https://de.wikipedia.org/wiki/Urkatastrophe_des_20._Jahrhunderts
  4. Robert Musil: »Das Ende des Krie­ges«, in: Gesam­mel­te Wer­ke, Bd. 8 (Rein­bek: Rowohlt, 1978), S. 1342
  5. Theo­dor W. Ador­no, Mini­ma Mora­lia: Refle­xio­nen aus dem beschä­dig­ten Leben (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1987), S. 108
  6. Ian Kershaw, Höl­len­sturz: Euro­pa 1914 bis 1949, übers. Klaus Bin­der et al (Mün­chen: DVA, 2016), S. 293
  7. Kershaw, Höl­len­sturz, S. 547
  8. David Ces­ara­ni, »The End: Hitler’s Ger­ma­ny, 1944–45«, New Stateman, 5. Sep­tem­ber 2011, http://www.newstatesman.com/books/2011/09/germany-1944-hitler-germans«
  9. Cyril Con­nol­ly, »Com­ment«, Hori­zon, Dezem­ber 1944, S. 368, zit. in: Ian Buru­ma, Year Zero, S. 254

Kommentar hinzufügen

vierzehn − neun =

Moleskin Blues Error: GRAVE

Jörg Auberg

Get in touch

Quickly communicate covalent niche markets for maintainable sources. Collaboratively harness resource sucking experiences whereas cost effective meta-services.