Jay Howard Geller — Die Scholems

J

Die Brüder Scholem

Micha Brumlik über die Geschichte der Familie Scholem

 

von Micha Brumlik

Gershom Scholem im Jah­re 1925

Nach ihm ist in Ber­lin weder ein Platz noch eine Stra­ße benannt – anders bei sei­nem lebens­lan­gen Freund Wal­ter Ben­ja­min, der 1940 auf der Flucht vor den Nazis durch Frei­tod gestor­ben ist. Dabei war und ist Gershom Scholem der berühm­tes­te Erfor­scher der jüdi­schen Mys­tik; gebo­ren wur­de er 1897 in Ber­lin, um Jahr­zehn­te spä­ter, 1982, in Jeru­sa­lem zu sterben. 

Stol­per­stein für Wer­ner Scholem in der Klopstock­stra­ße 18 im Ber­li­ner Hansaviertel

Die­ser Sohn einer bür­ger­li­chen deutsch-jüdi­schen Fami­lie hat­te, was min­der bekannt ist, noch drei Brü­der: Erich, Rein­hold und Wer­ner. Der ihm an Nähe und Gegen­satz nächs­te Bru­der, Wer­ner, wur­de 1895 gebo­ren und 1940 als Kom­mu­nist im KZ Buchen­wald ermor­det, wäh­rend es den bei­den älte­ren Brü­dern, dem 1891 gebo­re­nen Rein­hold sowie dem 1893 gebo­re­nen Erich gera­de noch gelang, nach Aus­tra­li­en zu fliehen.

Die Geschich­te der Scholems ist indes weit mehr als eine – wenn auch dra­ma­ti­sche – Fami­li­en­ge­schich­te, viel­mehr ist sie nicht mehr und nicht weni­ger denn eine Sozi­al­ge­schich­te des deut­schen Juden­tums in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahrhunderts.

Tat­säch­lich beginnt die­se Geschich­te aber bereits im 19. Jahr­hun­dert, als im Zeit­al­ter der Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on und der preu­ßi­schen Refor­men der Staat Preu­ßen im Jah­re 1812 ein »Eman­zi­pa­ti­ons­edikt« erließ, wonach Juden (das heißt: jüdi­sche Män­ner) gleich­be­rech­tig­te Staats­bür­ger waren – wenn­gleich ihnen bis 1919 jede Beam­ten­lauf­bahn, erst in Preu­ßen, dann im Deut­schen Reich ver­wehrt blieb.

Der Urva­ter der Scholems jeden­falls, Mar­cus Scholem, zog 1812 aus Glo­gau nach Ber­lin – sein Sohn Sieg­fried grün­de­te eine Dru­cke­rei, die spä­ter von Rein­hold und Erich Scholem, den Uren­keln von Mar­cus, gelei­tet wurde.

Säkularität und Tradition

Die Geschich­te der vier Brü­der Scholem erweist sich als eine prä­zi­se Sozi­al- und Men­ta­li­täts­ge­schich­te des säku­la­ren deut­schen Juden­tums, eines Juden­tums, das zwar noch an dem einen oder ande­ren reli­giö­sen Ritus fest­hielt, aber ansons­ten danach streb­te, gleich­be­rech­tig­tes Mit­glied der deut­schen Gesell­schaft zu sein.

Indes: da das Juden­tum immer eine Reli­gi­on des Ler­nens und der Bil­dung war, den deut­schen Juden zudem jene Beam­ten­lauf­bahn ver­sperrt war, zeich­ne­te sich in Deutsch­land – nicht so in Polen und Russ­land – schnell eine Kon­zen­tra­ti­on auf aka­de­mi­sche, aber freie sowie geho­be­ne kauf­män­ni­sche Beru­fe ab.

Im Jahr 1933 zähl­te das Juden­tum in Deutsch­land etwa eine hal­be Mil­li­on Men­schen. In den Jah­ren des Ers­ten Welt­kriegs hat­ten etwa ein­hun­dert­tau­send jüdi­sche Män­ner im Heer des Kai­ser­rei­ches gedient, so auch Erich und Rein­hold Scholem, wäh­rend die bei­den jün­ge­ren Brü­der zwar gemus­tert, aber aus ver­schie­de­nen – meist gesund­heit­li­chen – Grün­den denn doch nicht ein­ge­zo­gen wurden.

Liberalismus und Jugendbewegung

Alle über­leb­ten den Krieg, sodass die bei­den älte­ren Brü­der, Rein­hold und Erich, in der Wei­ma­rer Repu­blik die Dru­cke­rei über­nah­men und poli­tisch dem natio­na­len – so Rein­hold – bezie­hungs­wei­se dem frei­sin­ni­gen Libe­ra­lis­mus – so Erich – anhin­gen, wäh­rend sich die bei­den jün­ge­ren, Wer­ner und Ger­hard, der Jugend­be­we­gung, dem Stu­di­um und der Poli­tik zuwandten.

Und zwar in durch­aus moder­ner, aber welt­an­schau­lich ent­ge­gen­ge­setz­ter Rich­tung: Wäh­rend Wer­ner jed­we­den jüdi­schen Par­ti­ku­la­ris­mus strikt ablehn­te und sich dem Sozia­lis­mus und Kom­mu­nis­mus zuwand­te, ver­tief­te sich Ger­hard, der sich bald dar­auf Gershom nen­nen soll­te, in die jüdi­sche Tra­di­ti­on und Geschich­te sowie in die hebräi­sche Spra­che und fass­te den Beschluss, sobald wie mög­lich ins dama­li­ge Paläs­ti­na auszuwandern.

Ger­hard – Gershom – Scholem war also Zio­nist, aller­dings: anders als die poli­ti­schen Zio­nis­ten in der Tra­di­ti­on Theo­dor Herzls war Gershom Anar­chist und trat bis an sein Lebens­en­de für einen Aus­gleich mit den Ara­bern Paläs­ti­nas ein.

Gershom Scholem (um 1935)

Seit 1915 mit Wal­ter Ben­ja­min befreun­det, 1917 der elter­li­chen Woh­nung ver­wie­sen, lern­te er in einer Pen­si­on in Ber­lin ost­jü­di­sche Intel­lek­tu­el­le wie den spä­te­ren Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­ger Agnon ken­nen – eine Zeit, in der sich sein Ent­schluss zu emi­grie­ren fes­tig­te. Gershom voll­zog die­sen Schritt im Sep­tem­ber 1923 und hei­ra­te­te noch im Dezem­ber des Jah­res sei­ne ers­te Frau, Escha.

Suche nach einem Ausgleich mit den Arabern

Von all­dem han­deln sei­ne 1977 auf Deutsch publi­zier­ten Jugend­er­in­ne­run­gen Von Ber­lin nach Jeru­sa­lem. Der Suche nach einem Aus­gleich mit den Ara­bern Paläs­ti­nas blieb er ein Leben lang treu: noch im Juni 1967, nach dem Sechs­ta­ge­krieg, sag­te er in einer Rede in Zürich:

»Das jüdi­sche Volk weiß aus sei­ner lan­gen Geschich­te, was es heißt, zu den Besieg­ten zu gehö­ren. Seit zwan­zig Jah­ren hat es in drei Krie­gen, die es nicht gesucht hat, zum ers­ten Mal erfah­ren, was es bedeu­tet, Sie­ger zu sein. Die lan­ge und die kur­ze his­to­ri­sche Erfah­rung, das Gedächt­nis aus dem Stand der Besieg­ten und das leben­di­ge mensch­li­che Gefühl des Sie­gens müs­sen in unse­rer Erfah­rung einen Aus­gleich fin­den. Frie­de für Isra­el ist zugleich auch Frie­de mit den Arabern.«

Wer­ner Scholem

Wer­ner hin­ge­gen, er war zwei Jah­re älter als Ger­hard, stand wie sei­ne älte­ren Brü­der seit 1914 im Kriegs­dienst, wur­de wegen Majes­täts­be­lei­di­gung ein­ge­sperrt, um nach dem Krieg – nach­dem er eine jun­ge, nicht jüdi­sche Pro­le­ta­rie­rin, Emmy Wie­chelt, gehei­ra­tet hat­te – zunächst Mit­glied der USPD und dann der KPD zu wer­den, aus der er 1926 wegen »Links­ab­wei­chung« aus­ge­schlos­sen wur­de. 1933 ver­haf­tet und mit Pro­zes­sen über­zo­gen, wur­de er schließ­lich im KZ Buchen­wald inhaf­tiert, wo er im Juli 1940 »auf der Flucht« von zwei Lager­scher­gen erschos­sen wurde.

Jay Gel­ler doku­men­tiert aus­führ­lich die Dis­kus­sio­nen über die bis heu­te nicht geklär­te Fra­ge, ob der Urhe­ber sei­nes Todes die SS war oder ob es nicht doch Mit­glie­der einer sta­li­nis­ti­schen Häft­lings­or­ga­ni­sa­ti­on waren, die die­sen Mord ver­an­lasst hat­ten. »Es bleibt«, so Gel­ler 2018, »bis auf den heu­ti­gen Tag unklar, war­um Wer­ner Scholem im Juli 1940 umge­bracht wurde.«

Die Schre­ckens­nach­richt ereil­te die Mut­ter der vier Brü­der sowie Erich und Rein­hold in Aus­tra­li­en, wohin zu flie­hen ihnen Anfang 1939 – nach den Novem­ber­po­gro­men – über Groß­bri­tan­ni­en und Kana­da end­lich gelang.

Ihr Leben ver­lief, hier blie­ben sie sich treu, in bür­ger­li­chen Bah­nen: So über­nahm Rein­hold, der ältes­te der Brü­der in Syd­ney, einen Betrieb für Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung, kam damit zu eini­gem Wohl­stand und unter­stütz­te die Mit­te-rechts ste­hen­de Libe­ral Par­ty, wäh­rend der etwas jün­ge­re Erich geschäft­lich erfolg­los blieb und 1965 plötz­lich ver­starb. Sein letz­ter Wil­le bestimm­te zum Erstau­nen aller sei­ner Ver­wand­ten und Hin­ter­blie­be­nen, dass er nach ortho­do­xem Ritus bestat­tet wer­den sollte.

Späte Hinwendung zur Orthodoxie

Doch war Erich nicht der ein­zi­ge der Fami­lie, der sich end­lich der Ortho­do­xie zuwand­te. Wer­ners Frau, Emmy Wie­chelt, die mit­hil­fe eines ihr befreun­de­ten SA-Man­nes 1934 über die Tsche­cho­slo­wa­kei nach Groß­bri­tan­ni­en floh, kehr­te 1949 in die Bun­des­re­pu­blik zurück, enga­gier­te sich in der Jüdi­schen Gemein­de Han­no­ver und kon­ver­tier­te auf ihre alten Tage zum Judentum.

Gel­ler schil­dert auch die Nach­kriegs­ge­schich­te der Fami­lie, ihre Urlau­be in der Schweiz, ihre Tagungs­rei­sen und Kor­re­spon­den­zen, kommt aber, auf das deut­sche Juden­tum im Gan­zen bezo­gen, zu einem ele­gi­schen Schluss:

Jay H. Gel­ler: Die Scholems — Die Geschich­te einer deutsch-jüdi­schen Fami­lie (Suhrkamp/Jüdischer Ver­lag, 2020)

»Die Geschich­te der Fami­lie Scholem in den 1930er-Jah­ren ist wie die der meis­ten deut­schen Juden eine Geschich­te der Ver­trei­bung und Ver­nich­tung. […] Für […] die meis­ten Juden, die 1933 in Deutsch­land leb­ten, führ­te die Flucht welt­weit in Län­der, die ihnen unwil­lig Schutz boten. Man­che war­te­ten auf die Nie­der­la­ge des Drit­ten Reichs und hoff­ten auf Heim­kehr, aber die meis­ten bau­ten sich im Exil […] eine neue Exis­tenz auf. So war es denn in New York, Los Ange­les, Tel Aviv, Jeru­sa­lem und Lon­don und Syd­ney, wo Res­te des his­to­ri­schen deut­schen Juden­tums wei­ter­leb­ten, wäh­rend das jüdi­sche Leben in Deutsch­land und das lan­ge deutsch-jüdi­sche Jahr­hun­dert ihr Ende fanden.«

 

 

 

Zuerst erschie­nen in: taz, 12.01.2021
(Repu­bli­ka­ti­on mit freund­li­cher Geneh­mi­gung von Micha Brumlik)
© Micha Brum­lik 2021

 

Bibliografische Angaben:

Jay Howard Geller.
Die Scholems:
Geschich­te einer deutsch-jüdi­schen Familie.
Über­setzt von Ruth Steen und Erhard Stölting.
Ber­lin: Jüdi­scher Ver­lag, 2020.
462 Sei­ten, 25 Euro.
ISBN: 978–3‑633–54305‑2.

 

Bild­quel­len (Copy­rights)
Foto Gershom Scholem 1925 Wiki­me­dia
Foto Stol­per­stein für Wer­ner Scholem Wiki­me­dia
Foto Gerschom Scholem 1935 Wiki­me­dia
Foto Wer­ner Scholem
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Cover Die Scholems
© Jüdi­scher Verlag

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