Nancy Sinkoff: From Left to Right

N

Eine Graue Eminenz in New York

Über Nancy SinkoffS Versuch, Lucy Dawidowicz der Vergessenheit zu entreissen

 

von Jörg Auberg

 

New York Intellectuals - Book Covers
Bücher über Bücher­men­schen

In den ein­schlä­gi­gen His­to­rio­gra­fien über die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len1 taucht Lucy Dawi­do­wicz‘ Name nicht auf. Obwohl in den 1970er Jah­ren ihre Stu­die The War Against the Jews 1933–1945 zum Best­sel­ler wur­de und die »eth­ni­sche Wen­de« vie­ler New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len jüdi­scher Her­kunft beför­der­te, ist Dawi­do­wicz in der aktu­el­len Dis­kus­si­on um jüdi­sche Geschich­te und das Wie­der­auf­flam­men anti­se­mi­ti­scher Kam­pa­gnen im Gegen­satz zu Han­nah Arendt oder Raul Hil­berg kaum prä­sent. Im his­to­ri­schen Gedächt­nis ist sie heu­te vor allem als gna­den­lo­se Anti­kom­mu­nis­tis­tin, die wäh­rend der Kam­pa­gne um die mut­maß­li­chen Sowjet­spio­ne Juli­us und Ethel Rosen­berg Juden und Jüdin­nen davor warn­te, sich für die »jüdi­schen Spio­ne« ein­zu­set­zen, da sie sich für die »Gro­ße Lüge« des Kom­mu­nis­mus ein­span­nen lie­ßen.2

Nancy Sinkoff: From Left to Right (Wayne State University Press, 2020)
Nan­cy Sin­koff: From Left to Right (Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press, 2020)

In ihrer Bio­gra­fie From Left to Right: Lucy S. Dawi­do­wicz, the New York Intel­lec­tu­als, and the Poli­tics of Jewish Histo­ry ver­sucht die an der Rut­gers Uni­ver­si­ty leh­ren­de His­to­ri­ke­rin Nan­cy Sin­koff Dawi­do­wicz der Ver­ges­sen­heit zu ent­rei­ßen und ihre Lebens­ge­schich­te in den intel­lek­tu­ell-his­to­ri­schen Kon­text von den 1930er bis zu den 1980er Jah­ren zu set­zen. 1915 als Toch­ter ost­eu­ro­päi­scher jüdi­scher Emi­gran­ten in New York gebo­ren, ver­folg­te Lucy Schild­kret (wie Dawi­do­wicz vor ihrer Hei­rat hieß) zunächst einen für jene Zeit typi­schen Weg: Nach­dem sie 1932 am Hun­ter Col­le­ge auf­ge­nom­men wur­de, um eng­li­sche Lite­ra­tur zu stu­die­ren, wur­de sie Redak­teu­rin der stu­den­ti­schen Lite­ra­tur­zeit­schrift und schloss sich lin­ken Grup­pen wie der Young Com­mu­nist League und der Natio­nal Stu­dent League an. Doch schon kurz nach ihrem Col­le­ge-Abschluss ging sie mit einem For­schungs­sti­pen­di­um des Yid­dish Sci­en­ti­fic Insi­tu­te (YIVO) 1938 nach Wil­na – ent­ge­gen der Strö­mung der jüdi­schen Migra­ti­on im Zeit­al­ter des Faschis­mus und der vor­herr­schen­den anti­se­mi­ti­schen Ten­den­zen in Euro­pa. Sie wan­del­te sich – schreibt Sin­koff – »von einer New Yor­ker Immi­gran­ten­toch­ter in eine trans­na­tio­na­le ame­ri­ka­ni­sche Jüdin mit einer pol­ni­schen jüdi­schen See­le«3

Ihr Auf­ent­halt in Wil­na dau­er­te nicht lang, da sie kurz vor dem Beginn des Zwei­ten Welt­krie­ges Euro­pa wie­der in Rich­tung USA ver­ließ, doch präg­ten sie die Erfah­run­gen wäh­rend ihres Auf­ent­hal­tes nach­hal­tig. »Dawi­do­wicz wur­de stets von Euro­pa ver­folgt«, kon­sta­tiert Sin­koff. »Das Gespenst der anti­jü­di­schen Gewalt über­schat­te­te all ihre Tex­te über die Bür­ger­rech­te«4; alle poli­ti­schen Ereig­nis­se und Akteu­re in den USA – wie die Neue Lin­ke oder Black Power – nahm sie als Remakes der anti­se­mi­ti­schen Gewalt im von natio­na­lis­ti­schen und faschis­ti­schen Hoo­li­gans bevöl­ker­ten Euro­pa wahr. Zusam­men mit ihrem Mann, dem pol­ni­schen Juden Szy­mon Dawi­do­wicz, war sie der Ver­nich­tung durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten ent­ron­nen, und für die Auf­nah­me ihres Man­nes und ande­rer Juden aus den euro­päi­schen Risi­ko­ge­bie­ten war sie den USA bis zu ihrem Lebens­en­de dank­bar.

Alfred Kazin: <em>New York Jew</em> (Syracuse University Press, 1996)
Alfred Kazin: New York Jew  (Syra­cu­se Uni­ver­si­ty Press, 1996)

Nach dem Ende des Krie­ges arbei­te­te sie zunächst in Euro­pa, um jüdi­schen Über­le­ben­den zu hel­fen und Über­bleib­sel jüdi­scher Biblio­the­ken für die Nach­welt zu ret­ten. Ab 1948 erstell­te sie für das Ame­ri­can Jewish Com­mit­tee (AJC) Memo­ran­den auf Basis his­to­ri­scher Recher­chen und ver­fass­te Arti­kel für das AJC-Zen­tral­or­gan Com­men­ta­ry, in denen sie der all­ge­mei­nen anti­kom­mu­nis­ti­schen Linie im Kal­ten Krieg folg­te und die tota­li­tä­ren Sys­te­me des Natio­nal­so­zia­lis­mus und des Sta­li­nis­mus als zwil­ling­haf­te Aus­prä­gun­gen des glei­chen anti­se­mi­ti­schen Bösen beschrieb. Inner­halb des Milieus der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len blieb sie – im Gegen­satz zu Han­nah Arendt – trotz ihrer Ver­an­ke­rung im ein­fluss­rei­chen Com­men­ta­ry-Zir­kel stets eine Außen­sei­te­rin, die nie­mals als »Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge« akzep­tiert wur­de.5 Inner­halb der männ­lich domi­nier­ten New Yor­ker Grup­pie­run­gen ver­ström­te Arendt mit ihrer aler­ten Intel­lek­tua­li­tät und schar­fen Schlag­fer­tig­keit einen »dunk­len« Sex-Appeal, die zugleich mys­te­ri­ös und furcht­ein­flö­ßend auf die männ­li­che »Cli­que« wirk­te.6 Für jün­ge­re Intel­lek­tu­el­le und Künst­ler wie Alfred Kazin und Robert Lowell übte die »dunk­le«, »sucht­er­zeu­gen­de« Aura der Wei­ma­rer Intel­lek­tu­el­len eine beson­de­re Anzie­hungs­kraft aus7, die sie erst mit ihrem »Bericht über die Bana­li­tät des Bösen« ein­büß­te, den sie – außer­halb des »Fami­li­en­zir­kels« – im New Yor­ker publi­zier­te. In sei­nem Roman Her­zog schimpf­te Saul Bel­low über das »Dosen­sauer­kraut« von Intel­lek­tu­el­len, deren vor­geb­li­che Genia­li­tät in bil­li­gen Kon­ser­ven ver­rot­te­te (wie Alfred Kazin in sei­ner Auto­bio­gra­phie New York Jew mut­maß­te8

Wie Dia­na Tril­ling in dem Doku­men­tar­film Arguing the World kon­sta­tiert, war der Zir­kel der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len mas­ku­lin fixiert: Wenn ein Mann nicht auf eine sexu­el­le Erobe­rung aus war, woll­te er mit sei­nen Geschlechts­ge­nos­sen zusam­men sein und sich mit ihnen in eine Ecke ver­krie­chen, um zu reden.9 Dawi­do­wicz pass­te nicht ins Sche­ma der »dunk­len Dame der ame­ri­ka­ni­schen Lite­ra­tur«, für deren Rol­le der Com­men­ta­ry-Her­aus­ge­ber Nor­man Podho­retz, ein in nar­ziss­ti­schen Selbst­be­kennt­nis­sen schwel­gen­der Chro­nist in eige­ner Sache, suk­zes­si­ve Mary McCar­thy, Sus­an Son­tag und eini­ge weni­ge ande­re mit einem ver­schäm­ten Hin­weis auf »Per­ver­sio­nen und Orgi­en« in Beschlag nahm10 Dawi­do­wicz erschien in die­sem Milieu weni­ger als Gran­de Dame denn als »émi­nence gri­se«, die mit ihrer Stu­die The War Against the Jews 1933–1945 ent­schei­dend zur Wie­der­ent­de­ckung des Yid­dish­keit der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len und »eth­ni­schen Wen­de« in den 1970er Jah­ren bei­trug (wie sie etwa in Irving How­es Best­sel­ler The World of Our Fathers zum Aus­druck kam).11

Lucy Dawidowicz: The War Against the Jews 1933-1945
Lucy Dawi­do­wicz: The War Against the Jews 1933–1945

Damit nahm sie eine Gegen­po­si­ti­on zu Arendt ein. Wäh­rend Arendt das kos­mo­po­li­ti­sche Ide­al ver­kör­per­te, in dem eine jüdi­sche Iden­ti­tät und eine uni­ver­sa­le Kul­tur naht­los inein­an­der über­gin­gen, hat­te Dawi­do­wicz seit ihrem Auf­ent­halt in Wil­na eine par­ti­ku­la­ris­ti­sche ost­eu­ro­päi­sche jüdi­sche Iden­ti­tät inter­na­li­siert, die stets auf den Holo­caust fokus­siert war. Im Sin­ne des anti­kom­mu­nis­ti­schen Libe­ra­lis­mus des Kal­ten Krie­ges betrach­te­te sie Ideen und Ideo­lo­gien als die ent­schei­den­den Antriebs­kräf­te der Geschich­te, und so war für sie Hit­ler als cha­ris­ma­ti­scher poli­ti­scher Füh­rer die ent­schei­den­de Figur im his­to­ri­schen Pro­zess, ohne die kei­ne »End­lö­sung« statt­ge­fun­den hät­te. Als Reprä­sen­tan­tin der »inten­tio­na­lis­ti­schen« Schu­le stand sie dia­me­tral Autor*innen wie Han­nah Arendt und Raul Hil­berg ent­ge­gen, die aus einer »funk­tio­na­lis­ti­schen« Posi­ti­on argu­men­tier­ten und die Ursa­chen der Ver­nich­tung der Juden auf kon­kur­rie­ren­de Büro­kra­tien inner­halb der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staats­ma­schi­ne­rie zurück­führ­ten. Noch 1986 wähn­te sie sich in dem Glau­ben, dass ihre »inten­tio­na­lis­tis­ti­schen« Ansich­ten weit­ge­hend geteilt wür­den, doch hat sich aktu­ell eher die »funk­tio­na­lis­ti­sche« Sicht­wei­se durch­ge­setzt.12. Für Dawi­do­wicz hat­te die »End­lö­sung« ihren Ursprung in Hit­lers Kopf und stell­te ein inten­tio­na­len Aspekt des Nazis­mus schon in sei­nen Anfän­gen dar.13 In ihren Augen war es eine Umkeh­rung der Schuld, die »Juden­rä­te« als Mit­tä­ter zu dia­bo­li­sie­ren: Ihr Bestre­ben war es, alle Juden gegen die wirk­li­chen Täter (die Deut­schen) zu ver­tei­di­gen – sowohl die »Juden­rä­te« als auch die jüdi­schen Par­ti­sa­nen im Kampf gegen die »Voll­stre­cker« von Hit­lers Wil­len.

Diese »Ver­tei­di­gung aller Juden«14 führ­te in der poli­ti­schen Gegen­wart dazu, dass sie das Trau­ma der anti­jü­di­schen Gewalt auf alle aktu­el­len Ereig­nis­se pro­ji­zier­te. In ihrer Wahr­neh­mung waren die Neue Lin­ke und die Black-Power-Bewe­gung ledig­lich Wie­der­gän­ger der Narod­na­ya Volya, der rus­si­schen Popu­lis­ten und Sozia­lis­ten, die zuerst die Juden aus dem Geschäfts­le­ben trei­ben woll­ten und spä­ter aus dem Land. Schließ­lich kam die »End­lö­sung«.15 Zusam­men mit dem Com­men­ta­ry-Zir­kel rück­te die ehe­ma­li­ge Roo­se­velt-Demo­kra­tin als ent­täusch­te Libe­ra­le zuneh­mend nach rechts ins Lager der Neo­kon­ser­va­ti­ven, wel­che die Malai­se der USA in den 1970er Jah­ren den Aus­wir­kun­gen der Anti­kriegs­be­we­gung, der Gegen­kul­tur und des Femi­nis­mus zuschrie­ben. In der Beset­zung der Colum­bia-Uni­ver­si­tät durch radi­ka­le Stu­den­ten im Mai 1968 fühl­te sich Dawi­do­wicz an die »Mob-Gewalt« und den »Hoo­li­ga­nis­mus« in den Jah­ren 1938–39 in Wil­na erin­nert. In ihren Augen war der Anti­se­mi­tis­mus, den die Lin­ke offen­bar­te, schlim­mer als die Holo­caust-Leug­nung der Rech­ten, denn die Lin­ken wür­den die Schuld für den Holo­caust den Juden auf­bür­den.16

Cover New York Review of Books (März 1983)
Cover New York Review of Books (März 1983)

Den Grund allen Übels ver­or­te­te sie – wie die Majo­ri­tät der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len – in einem roman­ti­schen Uto­pis­mus, der letzt­lich das jüdi­sche Über­le­ben gefähr­de­te. Als Bei­spiel für den mör­de­ri­schen Aus­gang uto­pi­scher Ideo­lo­gien führ­te sie die bol­sche­wis­ti­sche Revo­lu­ti­on an (die für kon­kur­rie­ren­de Lin­ke wie Anar­chis­ten und Sozi­al­re­vo­lu­ti­on eher den Cha­rak­ter eines auto­ri­tä­ren Put­sches hat­te), deren uni­ver­sa­lis­ti­sche Trieb­kraft der jüdi­schen Tra­di­ti­on ihre Par­ti­ku­la­ri­tät abge­spro­chen habe und in der Ver­nich­tung ende­te.17 Für die ehe­ma­li­ge Kom­mu­nis­tin waren am Ende Demo­kra­tie und Sozia­lis­mus inhä­rent unver­ein­bar18, und sie reih­te sich hin­ter den neo­kon­ser­va­ti­ven Tross ein, der als »Com­mit­tee for a Free World« Pro­pa­gan­da für die »Rea­gan-Revo­lu­ti­on« betrieb. Mit die­sem wei­ten Rechts­schwenk been­de­te sie auch die Wert­schät­zung von libe­ra­len New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wie Alfred Kazin, der das neo-rech­te New­speak ehe­ma­li­ge Weggefährt*innen nicht ertra­gen konn­te.19

Cover New York Review of Books (August 1967)
Cover New York Review of Books (August 1967)

Sin­koff selbst lässt oft eine kri­ti­sche Distanz zu Dawi­do­wicz ver­mis­sen und über­nimmt zuwei­len kri­tik­los Ein­schät­zun­gen, die kei­nem wis­sen­schaft­li­chen Stan­dard stand­hal­ten: So bezeich­net sie bei­spiels­wei­se die New York Review of Books als »links­ge­rich­te­te intel­lek­tu­el­le Monats­zeit­schrift« und kol­por­tiert mit vagen Insi­nua­tio­nen eines vor­geb­li­chen Hangs zum Links­ra­di­ka­lis­mus die Ein­schät­zun­gen von New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wie Irving Howe oder Dani­el Bell, die als schar­fe Kri­ti­ker der Neu­en Lin­ken auf­tra­ten, nicht jedoch des »US-Enga­ge­ments« in Süd­ost­asi­en oder des all­täg­li­chen Ras­sis­mus in den USA. Sin­koff rekur­riert kri­tik­los auf in die Jah­re gekom­me­ne Stu­di­en über die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wie Ter­ry Cooneys The Rise of the New York Intel­lec­tu­als (1986), der den vor­geb­li­chen »Kos­mo­po­li­ta­nis­mus« die­ses Zir­kels her­vor­hebt, obgleich sich die­ser rea­li­ter auf einen euro­pä­isch-ame­ri­ka­ni­schen Zen­tris­mus beschränk­te. Wäh­rend Jean-Paul Sart­re über »schwar­ze und wei­ße Lite­ra­tur« nach 1945 schrieb, blie­ben die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len in den alten Grä­ben des »alten wei­ßen Män­ner« ste­cken und schwa­dro­nier­ten – wie Irving Howe – über »Black Boys and Nati­ve Sons«.20 Dar­über hin­aus ver­brei­tet sie frag­wür­di­ge, ahis­to­ri­sche Fak­ten (im neo-ame­ri­ka­ni­schen Jar­gon fake facts): So beschreibt sie Ronald Rea­gan als einen his­to­ri­schen Akteur, der »mit den jüdi­schen Neo­kon­ser­va­ti­ven« von der Lin­ken zur Rech­ten migriert sei, ohne die­se Behaup­tung in irgend­ei­ner Wei­se zu bele­gen: Tat­säch­lich denun­zier­te Rea­gan als Vor­sit­zen­der der Schau­spie­ler­ge­werk­schaft in Hol­ly­wood vor dem Unter­su­chungs­aus­schuss für »uname­ri­ka­ni­sche Umtrieb« eine Anzahl von Kolleg*innen, deren Inter­es­sen er als Gewerk­schaf­ter eigent­lich hät­te ver­tre­ten sol­len.21

Das größ­te Man­ko des Buches ist aber die Cha­rak­te­ri­sie­rung der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len als auch der »jüdi­schen Neo­kon­ser­va­ti­ven« als eine säku­la­re »Intel­li­gen­zi­ja«, die sie von Irving Howe über­nimmt.22 Die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len reprä­sen­tier­ten kei­nes­wegs das »Bewusst­sein einer Nati­on«, das als Cha­rak­te­ris­ti­kum einer »Intel­li­gen­zi­ja« gilt23, son­dern waren eine hete­ro­ge­ne Grup­pe, die sich nicht aus­schließ­lich über eine jüdi­sche Iden­ti­tät defi­nier­te, wie Sin­koff sug­ge­riert. Daher igno­riert sie Figu­ren, die nicht in das Sche­ma pas­sen (wie etwa Dwight Mac­do­nald, ein Grün­dungs­mit­glied der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len und ein ste­ti­ger Ver­tei­di­ger Han­nah Arendts auch in den 1960er Jah­ren). Wie S. A. Long­staff her­aus­stell­te, war gera­de die Mischung aus der zwei­ten Genera­ti­on jüdi­scher Immi­gran­ten und »alt­ein­ge­ses­se­nen« Ame­ri­ka­nern aus den geho­be­nen Mit­tel­schich­ten die Mix­tur, aus der sich das »Pro­dukt« der New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len in sei­ner Initia­ti­ons­pha­se speis­te.24 Indem Sin­koff die »New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len« auf das Kon­strukt einer vor­geb­lich homo­ge­nen eth­ni­schen Grup­pe ver­engt, ohne die öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Unter­schie­de der ein­zel­nen Indi­vi­du­en zu berück­sich­ti­gen, wird sie weder dem viel­schich­ti­gen Cha­rak­ter der intel­lek­tu­el­len For­ma­ti­on noch der Geschich­te, in dem sie wirk­te, gerecht.

© Jörg Auberg 2020

Bibliografische Angaben:

Nan­cy Sin­koff.
From Left to Right:
Lucy S. Dawi­do­wicz, the New York Intel­lec­tu­als, and the Poli­tics of Jewish Histo­ry.
Detroit, MI: Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press, 2020.
538 Sei­ten, 37 Abbil­dun­gen, 34,99 US-Dol­lar.
ISBN: 9780814345115.

Bild­quel­len (Copy­rights)
Foto Bücher über die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len © Jörg Auberg
Cover From Left to Right © Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press
Cover The War Against the Jews 1933–1945 © Pen­gu­in Books
Cover New York Review of Books © New York Review of Books
Cover New York Jew
© Syra­cu­se Uni­ver­si­ty Press

Nachweise

  1. Dazu gehö­ren: James Gil­bert, Wri­ters and Par­tis­ans: A Histo­ry of Litera­ry Radi­ca­lism in Ame­ri­ca (New York: Wiley, 1968); Alex­an­der Bloom, Pro­di­gal Sons: The New York Intel­lec­tu­als and Their World (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1986); Ter­ry Cooney, The Rise of the New York Intel­lec­tu­als: Par­ti­san Review and Its Cir­cle, 1934–1945 (Madi­son, WN: Uni­ver­si­ty of Wis­con­sin Press, 1986); Alan M. Wald, The New York: Intel­lec­tu­als: The Rise and Decli­ne of the Anti-Sta­li­nist Left from the 1930s to the 1980s (Cha­pel Hill, NC: Uni­ver­si­ty of North Caro­li­na Press, 1987); Hugh Wil­ford, The New York Intel­lec­tu­als: From Van­guard to Insti­tu­ti­on (Man­ches­ter: Man­ches­ter Uni­ver­si­ty Press, 1995); Har­vey Teres, Renewing the Left: Poli­tics, Ima­gi­na­ti­on, and the New York Intel­lec­tu­als (New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 1996)
  2. Paul Hane­brink, A Spec­ter Haun­ting Euro­pe: The Myth of Judeo-Bole­she­vism (Cam­bridge, MA: The Bel­knap Press of Har­vard Uni­ver­si­ty Press, 2018), S. 227
  3. Nan­cy Sin­koff, From Left to Right: Lucy S. Dawi­do­wicz, the New York Intel­lec­tu­als, and the Poli­tics of Jewish Histo­ry (Detroit, MI: Way­ne Sta­te Uni­ver­si­ty Press, 2020), S. 33
  4. Sin­koff, From Left to Right, S. 214
  5. Die New Yor­ker Intel­lek­tu­el­len wur­den oft als »Fami­lie« beschrie­ben: In sei­ner ers­ten Auto­bio­gra­phie Making It (1967) bezeich­ne­te Nor­man Podho­retz die New Yor­ker »lite­ra­ri­sche Welt« als jüdi­sche Fami­lie: cf. Nor­man Podho­retz, Making It (New York: New York Review Books, 2017), S. 87. Als ers­ter hat S. A. Long­staff eine Fami­li­en­ge­nea­lo­gie erstellt: cf. S. A. Long­staff, »The New York Fami­ly«, Queen’s Quar­ter­ly, 83:4 (Win­ter 1976):556–573. Sie wur­de spä­ter für wei­te­re »Mytho­lo­gien« wei­ter ver­wen­det und erwei­tert: cf. Joseph Dor­man, Arguing the World: The New York Intel­lec­tu­als in Their Own Words (New York: The Free Press, 2000)
  6. Har­vey Teres, Renewing the Left, S.177
  7. Alfred Kazin, New York Jew (1978; rpt. Syra­cu­se, NY: Syra­cu­se Uni­ver­si­ty Press, 1996), S. 202. Kazin bezeich­ne­te Lowell als einen von »Han­nahs Abhän­gi­gen«.
  8. Saul Bel­low, »Her­zog«, in: Bel­low, Novels 1956–1964 (New York: Libra­ry of Ame­ri­ca, 2007), S. 491; Kazin, New York Jew, S. 202
  9. Dor­man, Arguing the World, S. 81–82
  10. Podho­retz, Making It, S. 117. Die Aus­druck der »dunk­len Dame« geht zurück auf einen klas­si­schen Essay Phil­ip Rahvs aus dem Jah­re 1941: »The Dark Lady of Salem«, rpt. in: Rahv, Essays on Lite­ra­tu­re and Poli­tics, 1932–1972, hg. Ara­bel J. Por­ter und Andrew J. Dvo­sin (Bos­ton: Houghton Miff­lin, 1978), S. 24–42
  11. Sin­koff, From Left to Right, S. 196
  12. Sin­koff, From Left to Right, S. 5, 300. Einer direk­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit Arendt und Hil­berg wich Dawi­do­wicz aus: Sie fand nur in Fuß­no­ten statt. Cf. Dawi­do­wicz, The War Against the Jews 1933–1945 (Har­monds­worth: Peli­can Books, 1977), S. 514–515, 521–522; Sin­koff, From Left to Right, S. 169–188
  13. Dawi­do­wicz, The War Against the Jews 1933–1945, S. 192; Sin­koff, From Left to Right, S. 180
  14. Sin­koff, From Left to Right, S. 183
  15. Sin­koff, From Left to Right, S. 211
  16. Nathan Abrams, Nor­man Podho­retz and Com­men­ta­ry Maga­zin: The Rise and Fall of the Neo­cons (New York: Con­ti­nu­um, 2010), S. 180
  17. Sin­koff, From Left to Right, S. 231. Zur his­to­ri­schen Ein­ord­nung cf. Bren­dan McGeever, Anti­sem­tism and the Rus­si­an Revo­lu­ti­on (Cam­bridge: Cam­bridge Uni­ver­si­ty Press, 2019). In ihrer ein­di­men­sio­na­len anti­kom­mu­nis­ti­schen Sicht­wei­se negier­te Dawi­do­wicz die jüdi­sche Tra­di­ti­on in den radi­ka­len Bewe­gun­gen des 20. Jahr­hun­derts. Sie­he Paul Avrich, Anar­chist Por­traits (Prince­ton, NJ: Prince­ton Uni­ver­si­ty Press, 1988), S. 176–207, 214–226; und Enzo Tra­ver­so, Left-Wing Melan­cho­lia: Mar­xism, Histo­ry, and Memo­ry (New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2016)
  18. Sin­koff, From Left to Right, S. 247
  19. Alfred Kazin, »Saving My Soul at the Pla­za«, New York Review of Books, 30:5 (31. März 1983), https://www.nybooks.com/articles/1983/03/31/saving-my-soul-at-the-plaza/. Sie­he auch Richard M. Cook, Alfred Kazin: A Bio­gra­phy (New Haven: Yale Uni­ver­si­ty Press, 2007), S. 370–371
  20. Sin­koff, From Left to Right, S. 193; Jean-Paul Sart­re, »Schwar­ze und wei­ße Lite­ra­tur: Auf­sät­ze zur Lite­ra­tur 1945–1960«, übers. Trau­gott König et al., hg. Trau­gott König, in: Sart­re, Gesam­mel­te Wer­ke (Rein­bek: Rowohlt, 1986); Irving Howe, »Black Boys and Nati­ve Sons«, in: Howe, Decli­ne of the New (Lon­don: Gol­lan­cz, 1971), S. 167–189
  21. Sin­koff, From Left to Right, S. 227; Tho­mas Doh­erty, Show Tri­al: Hol­ly­wood, HUAC, and the Birth of the Black­list (New York: Colum­bia Uni­ver­si­ty Press, 2018), S. 165–169
  22. Sin­koff, From Left to Right, S. 8; Irving Howe, »The New York Intel­lec­tu­als«, in: Howe, Decli­ne of the New, S. 212
  23. Zur his­to­ri­schen Ein­ord­nung sie­he Mar­tin Malia, The Soviet Tra­ge­dy: A Histo­ry of Socia­lism in Rus­sia, 1917–1991 (New York: The Free Press, 1994), S. 61–64. Sin­koff über­nimmt voll­kom­men unkri­tisch How­es Prä­mis­sen, als wären sie in Stein gehau­en.
  24. S. A. Long­staff, »Ivy League Gen­ti­les and Inner-City Jews: Class and Eth­ni­ci­ty Around Par­ti­san Review in the Thir­ties and the For­ties«, Ame­ri­can Jewish Histo­ry, 80:3 (März 1991):325–343

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Jörg Auberg

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