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Aufs Schlimmste zu

Rückfall in die Barbarei

Zygmunt Baumann, Oliver Nachtwey, Volker Weiß, Jan-Werner Müller und Claus Leggewie beleuchten verschiedene Aspekte der autoritären und populistischen Tendenzen in Europa.

 

von Jörg Auberg

 

Braun kehrt zurück

 

Mischa Auer in Arkadin (Orson Welles, 1955)

Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955)

Aus den Kloa­ken der Zeit keh­ren die kopf­lo­sen mod­ri­gen Kadet­ten der exter­mi­nis­ti­schen Destruk­ti­on in die Gegen­wart zurück. Da ihnen in der Ver­gan­gen­heit die tota­le Zer­stö­rung nicht gelang, star­ten die unto­ten Wie­der­gän­ger einen neu­er­li­chen Ver­such, die Welt ins ver­we­sen­de Mias­ma des natio­na­lis­ti­schen und völ­ki­schen Grau­ens zu zer­ren. Zur Höl­le wird die Geschich­te, schrieb Ador­no in sei­nen »Auf­zeich­nun­gen zu Kaf­ka«, »weil das Ret­ten­de ver­säumt ward«, und die­se Höl­le hat­te das »spä­te Bür­ger­tum« selbst eröff­net.1

Stets neh­men sich die schein­bar Zukurz­ge­kom­me­nen in ihrer gesell­schaft­li­chen Ohn­macht als Opfer ver­schwö­re­ri­scher, dämo­ni­scher Kräf­te wahr, die jedoch aus­schließ­lich auf einer pathi­schen Pro­jek­ti­on beru­hen. An den rea­len Ver­hält­nis­sen sind immer »die ande­ren« schuld – nie sie selbst. Als Urhe­ber des Unbills, den sie erle­ben (aber nicht erfah­ren), suchen sie Sün­den­bö­cke unter­schied­li­cher Her­kunft und Cou­leur aus, die zum Ziel­punkt ihres kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus und schließ­lich ihrer Para­noia wer­den. Im von Res­sen­ti­ments auf­ge­la­de­nen Zerr­bild eines amor­phen Fein­des lebt die umfas­sen­de Herr­schaft fort, das die »Wut­bür­ger« anzu­grei­fen vor­ge­ben. Zu einer kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on, die auch eine Ein­sicht in die eige­ne Ver­stri­ckung in die rea­len Ver­hält­nis­se ein­schlös­se, sind sie zu kei­nem Zeit­punkt fähig. Statt­des­sen tri­um­phiert das (im Wort­sinn) »schlag­fer­ti­ge« Kol­lek­tiv der all­sei­ti­gen Bescheid- und Bes­ser­wis­ser mit sei­ner brül­len­den Spra­che der Ein­ge­sperr­ten, denen geschicht­li­che Erfah­rung fremd ist.2

 

Die Angst vor den Anderen

 

Der Auf­schwung der reak­tio­nä­ren Ten­den­zen in Euro­pa hat­te sei­ne Ursa­che unter ande­rem in der mas­sen­haf­ten Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus »geschei­ter­ten Staa­ten« im ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Raum in Fol­ge der ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der Macht­po­li­tik und des Ter­ro­ris­mus nach den Ereig­nis­sen des 11. Sep­tem­ber 2001. Die Auf­stän­de gegen auto­kra­ti­sche Macht­ha­ber in die­sen Staa­ten führ­ten nicht wie erhofft zu einer demo­kra­ti­schen Neu­ord­nung, son­dern hat­ten uner­bitt­li­che Krie­ge zwi­schen den ver­fein­de­ten Rackets in den jewei­li­gen Regio­nen zur Fol­ge, unter denen vor allem die Zivil­be­völ­ke­run­gen zu lei­den hat­ten.

 

Zygmunt Baumann - Die Angst vor den anderen (Suhrkamp, 2016)

Zyg­munt Bau­mann — Die Angst vor den ande­ren (Suhr­kamp, 2016)

In Euro­pa gal­ten die Flücht­lin­ge, die ihre blo­ße Exis­tenz über das Mit­tel­meer ret­ten konn­ten, als »Boten des Unglücks«, wie Zyg­munt Bau­mann in sei­nem letz­ten Buch Die Angst vor den ande­ren in Anleh­nung an Ber­tolt Brecht schrieb. Die Mas­se der Flücht­lin­ge rief bei den Euro­pä­ern in ihrer Mehr­heit eine dif­fu­se Angst her­vor, da sie sich von den Neu­an­kömm­lin­gen in der Sicher­heit ihrer Exis­tenz bedroht fühl­ten. In Zei­ten glo­ba­ler Pro­zes­se flüch­te­te sich die Majo­ri­tät der Euro­pä­er in rea­li­täts­fer­ne und reak­tio­nä­re Patent­lö­sun­gen wie Abschot­tung oder Abschie­bung: Die Vor­tei­le eines glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus woll­ten sie genie­ßen, wäh­rend die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen ande­re auf ihren Schul­tern tra­gen soll­ten. Gegen das »Gespenst des star­ken Man­nes (oder der star­ken Frau)«3 und ihrer Gefolg­schaf­ten insis­tiert Bau­mann auf das auf­klä­re­ri­sche euro­päi­sche Erbe und ruft Imma­nu­el Kants Arti­kel des »Welt­bür­ger­rechts« in Erin­ne­rung. Nie­mand habe mehr Recht als der ande­re, an einem Ort der Erde zu sein. Es sei kein Gast-, son­dern ein Besuchs­recht, ein Akt der Hos­pi­ta­li­tät.

»Unbe­wohn­ba­re Tei­le die­ser Ober­flä­che, das Meer und die Sand­wüs­ten, tren­nen die­se Gemein­schaft, doch so, daß das Schiff, oder das Kamel (das Schiff der Wüs­te) es mög­lich machen, über die­se her­ren­lo­sen Gegen­den sich ein­an­der zu nähern, und das Recht der Ober­flä­che, wel­ches der Men­schen­gat­tung gemein­schaft­lich zukommt, zu einem mög­li­chen Ver­kehr zu benut­zen.«4

Wäh­rend sich die »wach­sen­de Zahl mora­lisch blin­der und tum­ber Internau­ten«5 mit ihren win­zi­gen Digi­tal­schif­fen in Form von Smart­pho­ne und Tablet in den digi­ta­len Unter­grund »vira­ler« Gesell­schaf­ten zurück­zieht, staut sich an der äuße­ren Rea­li­tät der Ober­flä­che der Hass aufs Frem­de auf. Aus­ge­schlos­sen ist dabei jedoch nicht, dass auch die »Frem­den« den Hass aus ihrer »Hei­mat« impor­tie­ren.

 

Vor dem Untergang

 

Die Ankunft der »Frem­den«, die über das Mit­tel­meer ins Inne­re Euro­pas kamen, emp­fan­den die ohne­hin dem poli­ti­schen Pro­jekt Euro­pas der Ver­gan­gen­heit ent­frem­de­ten Ange­hö­ri­gen der »Mit­tel­schich­ten« und des Pre­ka­ri­ats als Bedro­hung der eige­nen Exis­tenz. Ähn­lich wie im 19. Jahr­hun­dert, als sich die »Alt­ein­ge­ses­se­nen« in den USA gegen die Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus Irland und Deutsch­land mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en auf die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen reagier­ten und sich im nati­vis­ti­schen Bund der »Know Not­hings« orga­ni­sier­ten, for­mier­ten sich im Zuge der »Flücht­lings­kri­se« in Euro­pa reak­tio­nä­re Orga­ni­sa­tio­nen, die sich aus einer »neu­ro­ti­schen Ver­fol­gungs­angst« (wie Franz Neu­mann das Phä­no­men 1954 in einem Vor­trag an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin nann­te) an auto­ri­tä­re Tra­di­tio­nen der Ver­gan­gen­heit hef­te­ten. »Die­se cäsa­ris­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on ist stets regres­siv – sowohl his­to­risch als auch psy­cho­lo­gisch«6, kon­sta­tier­te Neu­mann.

 

Emil Jannings in Der letzte Mann (Friedrich Wilhelm Murnau, 1924)

Emil Jan­nings in Der letz­te Mann (Fried­rich Wil­helm Murnau, 1924)

Wie schon in F. W. Murn­aus klas­si­schem Abstiegs­dra­ma Der letz­te Mann (1924), in dem der uni­for­mier­te Hotel­por­tier mit­leid­los zum Toi­let­ten­wär­ter degra­diert wird, voll­zieht sich der Ver­lust des sozia­len Sta­tus ohne Begrei­fen, wel­che gesell­schaft­li­chen oder öko­no­mi­schen Pro­zes­se für die­sen Abstieg ver­ant­wort­lich sind. Statt­des­sen führt die »poli­ti­sche Ent­frem­dung« ent­we­der zur ent­wer­te­ten Selbst­auf­ga­be und voll­kom­me­nen Lethar­gie oder zur »Auf­lö­sung« in regres­si­ven »Mas­sen­be­we­gun­gen«, deren Ziel in der apo­ka­lyp­ti­schen Exter­mi­na­ti­on des »Frem­den« und des »Ande­ren« liegt. In neo­fa­schis­ti­schen Samm­lungs­be­we­gun­gen wie Pegi­da in Dres­den und deren zahl­rei­chen Able­gern in ande­ren deut­schen Städ­ten arti­ku­lie­ren sich Rackets aus den Resi­du­en bar­ba­ri­scher Volks­stäm­me, die ihren Res­sen­ti­ments gegen die Moder­ne mit ihren Kon­zep­tio­nen der Urba­ni­tät, der Frei­heit und der Auto­no­mie frei­en Lauf las­sen.

Je weni­ger die Pegi­da-Mar­schie­rer von den zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten des Abend­lan­des begrei­fen, umso laut­star­ker beschwö­ren sie auf ihren Kund­ge­bun­gen des­sen Unter­gang. Dif­fus rekur­rie­ren sie auf den prä­na­zis­ti­schen Best­sel­ler Der Unter­gang des Abend­lan­des (1922), in dem Oswald Speng­ler, aus den dunk­len Ter­ri­to­ri­en des Ost­har­zes rund um Blan­ken­burg kom­mend, über die Bedro­hung des »kul­tur­fä­hi­gen Men­schen­tums« schwa­dro­nier­te und vor dem Her­ab­sin­ken zum »Typus des Fel­la­chen« warn­te. »Nur das pri­mi­ti­ve Blut bleibt zuletzt übrig«, schwan­te ihm, »aber sei­ner star­ken und zukunft­rei­chen Ele­men­te beraubt.«7 Eine Ana­ly­se rea­ler Ver­hält­nis­se fin­det bei Speng­ler nicht statt: Statt­des­sen ergeht er sich im dunk­len Rau­nen über den zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­fall. »In der gigan­ti­schen und destruk­ti­ven Wahr­sa­ge­rei tri­um­phiert der Klein­bür­ger«8, urteil­te Ador­no über die »Geschichts­phi­lo­so­phie« Speng­lers.

»Das Deutsch­land von 1930 bis 1933 war das Land der Ent­frem­dung und Angst

– Franz Neu­mann9

Das Gegen­mit­tel gegen die »fake phi­lo­so­phy« ist jedoch nicht ein nai­ver Rekurs auf die euro­päi­sche Kul­tur oder ein »Auf­stand der Anstän­di­gen« (in dem sich die hypo­kri­ti­schen Nutz­nie­ßer der schlech­ten Ver­hält­nis­se selbst Abso­lu­ti­on ertei­len), son­dern die kri­ti­sche Refle­xi­on der Kul­tur, in die sich auch die Bar­ba­rei ein­ge­gra­ben hat.

»Gegen den Unter­gang des Abend­lan­des steht nicht die auf­er­stan­de­ne Kul­tur son­dern die Uto­pie, die im Bil­de der unter­ge­hen­den wort­los fra­gend geschlos­sen liegt.«

– Theo­dor W. Ador­no10

 

Die Abstiegsgesellschaft

 

Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft (Suhrkamp, 2016)

Oli­ver Nacht­w­ey - Die Abstiegs­ge­sell­schaft (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Buch Die Abstiegs­ge­sell­schaft ana­ly­siert der Sozio­lo­ge Oli­ver Nacht­w­ey die nega­ti­ven gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der sozia­len Moder­ni­sie­rung in den letz­ten vier­zig Jah­ren. »Die Moder­ne wird häu­fig gleich­ge­setzt mit Demo­kra­tie«, ruft Nacht­w­ey gän­gi­ge Wahr­neh­mungs­mus­ter vor allem von Ange­hö­ri­gen einer auf­stiegs­ori­en­tier­ten Mit­tel­schicht in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft in Erin­ne­rung, »sie steht für Ver­nunft und Auf­klä­rung, für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Frei­heit, Auto­no­mie und Men­schen­rech­ten.«11 Rea­li­ter habe sich in der alten Bun­des­re­pu­blik jedoch nicht die Klas­sen­ge­sell­schaft auf­ge­löst; viel­mehr wirk­ten deren Struk­tu­ren unter­ir­disch fort. Der Moder­ni­sie­rung sei das Moment der Regres­si­on ein­ge­gra­ben, insis­tiert Nacht­w­ey in der Tra­di­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie.

»Der Fluch des unauf­halt­sa­men Fort­schritts ist die unauf­halt­sa­me Regres­si­on.«

– Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no12

Im Zuge der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats seit den 1970er Jah­ren wur­de immer mehr Las­ten der sozia­len Absi­che­rung der Bür­ger und Bür­ge­rin­nen von staat­li­chen Wohl­fahrts­in­sti­tu­tio­nen auf die Schul­tern der Indi­vi­du­en gelegt. So liegt es in der »Eigen­ver­ant­wor­tung« des Ein­zel­nen, das Kapi­tal für sei­ne Alters­vor­sor­ge zu hor­ten. In der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wird jeder Bür­ger in die Kom­pli­zen­schaft mit dem herr­schen­den Sys­tem der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung gezwun­gen, die Nacht­w­ey als der Erbe der »Künst­ler­kri­tik« der Revol­te von 1968 sieht. Deren von einem antieta­tis­ti­schen Impe­tus bestimm­ten Akzen­tu­ie­rung von Auto­no­mie, Selbst­be­stim­mung und Eigen­ver­ant­wor­tung habe letzt­lich zu einem Rück­zug staat­li­cher Orga­ne aus der sozia­len Ver­ant­wor­tung bei­ge­tra­gen. Die­se »Künst­ler­kri­tik« (wie Nacht­w­ey die »liber­tä­re« Staats­kri­tik aus dem »Geist von 1968« nennt) leis­te­te der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats Vor­schub, in deren Ver­lauf die »sozia­len Bür­ger­rech­te« redu­ziert wur­den, wäh­rend sich ein »auto­ri­tär grun­dier­ter Libe­ra­lis­mus« durch­setz­te.13

 

Bernadien Sternheim - Roltrap

Ber­na­di­en Stern­heim — Rol­trap

5iese Ent­wick­lung ver­sucht Nacht­w­ey im Bild der »Roll­trep­pe nach unten« zu fas­sen. Im stets wach­sen­den Kon­for­mi­täts­druck sehen sich vie­le Arbei­ter­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer gezwun­gen, über strom­li­ni­en­för­mi­ge Anpas­sung an die »Agi­li­tät« schein­bar effi­zi­en­ter Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, Mehr- und Leih­ar­beit, Mobi­li­tät und stän­di­ge Ver­füg­bar­keit den eige­nen Abstieg zu ver­hin­dern, obgleich sie in den Strom einer »imm4bilen Abwärts­mo­bi­li­tät« bereits gefan­gen sind.

»In der Abstiegs­ge­sell­schaft sehen sich vie­le Men­schen dau­er­haft auf einer nach unten fah­ren­den Roll­trep­pe. Sie müs­sen nach oben lau­fen, um ihre Posi­ti­on über­haupt hal­ten zu kön­nen.«14

Im Pro­zess des eige­nen Abstiegs rich­tet sich die Wut der Abge­stie­ge­nen nicht gegen die Ver­ant­wort­li­chen des Sys­tems, son­dern gegen jene, die ins Land strö­men und den Alt­ein­ge­ses­se­nen Woh­nung, Arbeit und Brot strei­tig machen. Die Gewalt der Abge­stie­ge­nen rich­tet sich gegen noch Schwä­che­re und fin­det sei­ne Kana­li­sa­ti­on in auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen, die letzt­lich auch bei jenen Reso­nanz fin­den, die sich als »links« ver­ste­hen, ohne dies inhalt­lich fül­len zu kön­nen. Als Ziel für den Aus­weg aus der Sack­gas­se emp­fiehlt Nacht­w­ey eine »soli­da­ri­sche Moder­ne«, wobei die­ser Ter­mi­nus eine lee­re Flos­kel bleibt. Ohne­hin wabern durch Nacht­w­eys vom »Soc­Speak«15 durch­tränk­ten Text Begrif­fe wie »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« oder »Kri­se der lin­ken Ima­gi­na­ti­on«, die letzt­lich nur Par­ti­kel eines bedeu­tungs­schwan­ge­ren Jar­gons sind, ohne dass sie hilf­reich für eine kri­ti­sche Bestands­auf­nah­me der aktu­el­len Zustän­de wären.16

Nacht­w­eys Begriff der »Abstiegs­ge­sell­schaft« redu­ziert sich auf eine »deutsch-natio­na­le« Per­spek­ti­ve, als hät­te in den ver­gan­ge­nen fünf­zig Jah­ren kei­ne Migra­ti­on statt­ge­fun­den. In der Erzäh­lung des Autors sind die »Arbeit­neh­mer« vor­nehm­lich deut­scher Pro­ve­ni­enz stets schon Opfer – der jeweils herr­schen­den Ver­hält­nis­se, der »Eli­ten«, der »Revol­teu­re« von einst, des Neo­li­be­ra­lis­mus. In die »Kom­pli­zi­tät« mit den vor­wal­ten­den Herr­schafts­struk­tu­ren schei­nen sie schuld­los her­ein­ge­zo­gen wor­den zu sein, und eben­so schuld­los lau­fen sie den »Rat­ten­fän­gern« der auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen in die Fal­le. Inwie­fern die­se Akteu­re, die immer nur ande­re als Sün­den­bö­cke für ihre miss­li­che Lage ver­ant­wort­lich machen, als Prot­ago­nis­ten für die Eta­blie­rung einer »soli­da­ri­schen Moder­ne« intel­lek­tu­ell und poli­tisch fähig sein sol­len, bleibt ein Rät­sel. Rea­li­ter sind sie nicht Opfer, son­dern Mit­tä­ter. Schon bei der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wäre es mög­lich gewe­sen, wie Her­man Mel­vil­les Bart­le­by mit – wie Lewis Mum­ford es nann­te – »pas­si­vem Wider­stand« zu reagie­ren: »I would pre­fer not to«.17 Statt­des­sen ver­such­ten sie, mit der »Inter­es­sen­an­pas­sung« in der fal­schen Ein­rich­tung der Gesell­schaft den größt­mög­li­chen Anteil der Beu­te für sich ein­zu­strei­chen. Erst als die­se Stra­te­gie sich als desas­trös erwies, begann der gro­ße Kat­zen­jam­mer. Dass ein gro­ßer Teil des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Milieus (bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet) bei der letz­ten Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len zu Orga­ni­sa­tio­nen auto­ri­tä­rer, anti­de­mo­kra­ti­scher Strö­mun­gen über­lief, geht nicht auf das Kon­to der herr­schen­den Polit-Zir­kel, son­dern ist der feh­len­den Ver­an­ke­rung demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945 anzu­las­ten.18

 

Die autoritäre Revolte

 

Volker Weiß - Die autoritäre Revolte (Klett-Cotta, 2017)

Vol­ker Weiß — Die auto­ri­tä­re Revol­te (Klett-Cot­ta, 2017)

Die »Nach­hal­tig­keit« auto­ri­tä­rer Mus­ter aus dem Fun­dus der deut­schen Geschich­te beschreibt der His­to­ri­ker Vol­ker Weiß ein­drück­lich in sei­ner prä­gnan­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die Die auto­ri­tä­re Revol­te. Dar­in rekon­stru­iert er kennt­nis- und detail­reich die Geschich­te der »Neu­en Rech­ten« im Schat­ten der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« des Ideo­lo­gen Armin Moh­ler und des »natio­na­len Flü­gels« der »68er«, der von Reprä­sen­tan­ten wie Gün­ter Masch­ke und Frank Böckel­mann, die über ihre rech­ten Zir­kel und Zeit­schrif­ten wie Jun­ge Frei­heit, Sezes­si­on und Tumult hin­aus ihre rech­ten Strah­len in das libe­ral-bür­ger­li­che Spek­trum sen­den, das immer schon für sol­che Signa­le emp­fäng­lich war.19 Akri­bisch arbei­tet Weiß die »Arbeits­for­men« rech­ter Intel­lek­tu­el­ler wie Moh­ler her­aus, die zwar sich nicht scheu­ten, an den Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten an allen Fron­ten im Zwei­ten Welt­krieg teil­zu­neh­men, nach 1945 jedoch sich stets nur als »Opfer« feh­ler­haf­ter Ent­wick­lun­gen sti­li­sier­ten. Abseits des rech­ten Rau­nens und Mur­melns bedien­ten sich Moh­ler und sei­ne Vagan­ten an Anto­nio Gram­scis Theo­ri­en der »ideo­lo­gi­schen Hege­mo­nie«, die in den 1970er Jah­ren zum »Basis­pa­ket« der lin­ken Kul­tur- und Medi­en­theo­rie gehör­ten.20

In einer »feind­li­chen Über­nah­me«, die an das »Détour­ne­ment« der Situa­tio­nis­ten erin­ner­te21, ent­lehn­ten rechts­ex­tre­me Intel­lek­tu­el­le wie Moh­ler (der als »kon­ser­va­ti­ver« Ein­flüs­te­rer Franz-Josef Strauß als deut­schen de Gaul­le an das poli­ti­sche Wahl­volk ver­kau­fen woll­te) und sei­ne neo­fa­schis­ti­schen Nach­fol­ger wie Götz Kubit­schek oder Björn Höcke lin­ke Schlag­wor­te, ohne ihre inhalt­li­che Grun­die­rung zu über­neh­men. Zu den Ver­diens­ten von Weiß’ Buch gehört unter ande­rem, dass er die Spu­ren aus dem »lin­ken« ins rech­te Milieu ver­folgt, etwa von der »links­ra­di­ka­len« Grup­pe »Sub­er­si­ve Akti­on«, die 1962 in Mün­chen von Die­ter Kun­zel­mann in Anleh­nung an die »Situa­tio­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le« gegrün­det wur­de und zu der unter ande­rem Bernd Rabehl und Frank Böckel­mann gehör­ten, die Jahr­zehn­te spä­ter zu den rechts­na­tio­na­len Stich­wort­ge­bern im intel­lek­tu­el­len Gewand mutier­ten. In rechts­ex­tre­men For­ma­tio­nen wie der »Kon­ser­va­tiv-Sub­ver­si­ven Akti­on« des rechts­in­tel­lek­tu­ell dra­pier­ten neo­fa­schis­ti­schen Akti­vis­ten Götz Kubit­schek, der schein­bar lin­ke Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da­for­men im Sin­ne einer anti­west­li­chen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ideo­lo­gie adap­tiert und für einen neu­rech­ten Kampf gegen das bestehen­de demo­kra­ti­sche Sys­tem nutzt.

Dar­über hin­aus rekur­rie­ren Kubit­schek und ande­re »Rechts­in­tel­lek­tu­el­le« auf die dif­fu­sen Res­sen­ti­ments der »alt­deut­schen« Mehr­heits­be­völ­ke­rung, die sich von »Frem­den« umla­gert und bedroht füh­len, wobei das »Frem­de« einer­seits auf den »ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus« und ande­rer­seits auf die »Migran­ten« aus den süd­li­chen Regio­nen pro­ji­ziert wird. Zum einen ver­weh­ren den »wah­ren Deut­schen« die Pro­fi­teu­re der ame­ri­ka­nisch domi­nier­ten Kul­tur­in­dus­trie das Aus­le­ben ihrer deut­schen Iden­ti­tät; zum ande­ren füh­len sie sich von »Ali­ens« mus­li­mi­scher Her­kunft heim­ge­sucht, die ihnen das Leben per­ma­nent schwer machen. Die Lösung für die von sozia­lem Abstieg und dem Ver­lust einer natio­na­len Iden­ti­tät besteht nicht – wie von den »popu­lis­ti­schen« Speer­spit­zen der »Wut­bür­ger« behaup­tet – in der Resur­rek­ti­on einer »direk­ten Demo­kra­tie«, son­dern in einer auto­ri­tä­ren Herr­schafts­form, in der es kla­re Unter­schei­dun­gen zwi­schen Füh­rer, Mas­se und Intel­lek­tu­el­len gibt, wie sie der von der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie zum ita­lie­ni­schen Faschis­mus gewech­sel­te Sozio­lo­ge Robert Michels beschrieb. Wäh­rend im demo­kra­ti­schen Sys­tem jede Unzu­läng­lich­keit des ein­zel­nen Funk­tio­närs auf die Rech­nung gestellt wird, über­tra­ge im »cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer­tum« die Mas­se »in bewuß­ter Bewun­de­rung und Ver­eh­rung und fast in Form eines selbst­ver­ständ­li­chen, frei­wil­li­gen Opfers ihren Wil­len auf den Füh­rer«22, der sich dank die­ser irra­tio­na­len Akkla­ma­ti­on der »Mas­se« von jeg­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit ent­ho­ben füh­len kann.

In sei­ner fun­dier­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die rekon­stru­iert Weiß nicht allein die Geschich­te der »neu­en Rech­ten« in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945, son­dern übt auch Kri­tik an den Schwä­chen der lin­ken Aus­ein­an­der­set­zung mit den auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren der »deut­schen Tra­di­tio­na­lis­ten« auf der einen und der Migran­ten auf der ande­ren Sei­te, die eben­falls ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­des Gewicht an Vor­ur­tei­len – bei­spiels­wei­se gegen­über Juden, Frau­en und Homo­se­xu­el­len – in ihrem Gepäck mit sich tra­gen. Ein­dring­lich insis­tiert Weiß auf einer »tat­säch­li­chen Auf­klä­rung«, die sich selbst einer per­ma­nen­ten Kri­tik unter­zie­he, denn es sei »kein Natur­ge­setz, dass die Sei­te der Eman­zi­pa­ti­on gewinnt«.23

 

Rechtspopulismus oder Neofaschismus?

In der öffent­li­chen Dis­kus­si­on wer­den die Ten­den­zen des Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus, wie sie sich seit den 1980er Jah­ren immer wie­der in unter­schied­li­chen For­ma­tio­nen in Euro­pa arti­ku­lier­ten, mit dem Begriff »Popu­lis­mus« sub­su­miert, der zum einen kaum inhalt­lich grun­diert ist, zum ande­ren die poli­ti­sche Rea­li­tät ver­schlei­ert. Mit Recht insis­tiert John Fos­ter Bel­l­a­my, der Her­aus­ge­ber der tra­di­ti­ons­rei­chen lin­ken Zeit­schrift Mon­th­ly Review, dass der Ter­mi­nus »Rechts­po­pu­lis­mus« einen Euphe­mis­mus dar­stellt, der sich auf Bewe­gun­gen der »faschis­ti­schen Gat­tung« bezie­he, die mit ihren xeno­pho­bi­schen und ultra­na­tio­na­lis­ti­schen Pro­gram­men Anklang vor allem bei Bür­gern aus dem Milieu der unte­ren Mit­tel­schicht (die frü­her unter der Bezeich­nung »Klein­bür­ger« fir­mier­ten) und einer rela­tiv pri­vi­le­gier­ten Arbei­ter­schicht fin­den.24

 

Jan-Werner Müller - Was ist Populismus? (Suhrkamp, 2016)

Jan-Wer­ner Mül­ler — Was ist Popu­lis­mus? (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Essay Was ist Popu­lis­mus? ver­sucht sich der an der Prince­ton Uni­ver­si­ty leh­ren­de Poli­to­lo­ge Jan-Wer­ner Mül­ler an einer dif­fe­ren­zier­ten Begriffs­be­stim­mung, wobei er die unter­schied­li­chen Wer­tig­kei­ten zwi­schen Euro­pa und den USA betont. Wäh­rend in Nord­ame­ri­ka der popu­lis­ti­sche Impe­tus his­to­risch einer lin­ken Eli­ten­kri­tik von den Sozia­lis­ten bis zur Neu­en Lin­ken in den 1960er Jah­ren ver­pflich­tet war25, ist der Begriff in Euro­pa zumeist reak­tio­när und anti­de­mo­kra­tisch kon­no­tiert. Auch wenn Mül­ler das kri­ti­sche Poten­zi­al des Popu­lis­mus, wie es in frü­he­ren Zei­ten in den USA jen­seits des Faschis­mus sich arti­ku­lier­te, nicht in Abre­de stellt, herrscht doch auch in sei­nem Essay die gän­gi­ge Pro­jek­ti­on des Popu­lis­mus als anti­de­mo­kra­ti­sche Spreng­kraft vor, wie sie im libe­ra­len und neo­kon­ser­va­ti­ven Dis­kurs des Kal­ten Krie­ges von His­to­ri­kern und Poli­to­lo­gen wie Richard Hof­stadter, Dani­el Bell und ande­ren nach­hal­tig ver­tre­ten wur­de. Popu­lis­mus sei nicht allein anti­e­li­tär, argu­men­tiert Mül­ler, son­dern auch anti­plu­ra­lis­tisch, indem er gegen die »Eli­ten­herr­schaft« einen »Allein­ver­tre­tungs­an­spruch« des »wah­ren Vol­kes« in Stel­lung brin­ge, das sich im »Modus des per­ma­nen­ten Bela­ge­rungs­zu­stan­des« befin­de.26

»Der auto­ri­tä­re Staat ist die kapi­ta­lis­tisch ver­zerr­te Kari­ka­tur des Sozia­lis­mus.«

– Hans-Jür­gen Krahl27

In sei­nem Essay stellt Mül­ler durch­aus inter­es­san­te Fra­gen: Wie soll­te der Umgang mit Popu­lis­ten in einer Demo­kra­tie sein? Die Ant­wort kann nicht ein »auto­ri­tä­rer Staat« mit der Ein­schrän­kung der Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit sein. Zum ande­ren ist Mül­lers Popu­lis­mus-Begriff selbst sehr ein­ge­schränkt und ver­ein­fa­chend, da er poli­ti­sche Betei­li­gung jen­seits des libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Reprä­sen­ta­ti­ons­mo­dells als ille­gi­tim und unde­mo­kra­tisch betrach­tet. »Popu­lis­mus ist eine spe­zi­fi­sche, der moder­nen reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie inhä­ren­te Gefahr«, stellt er kate­go­risch fest.28 Mit die­ser Prä­mis­se wäre auch eine Abkehr von der Atom­in­dus­trie nicht mög­lich gewe­sen. Außer­halb der Insti­tu­tio­nen der »reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie« will Mül­ler kei­ne »legi­ti­men« Äuße­run­gen zulas­sen, wobei im abge­zir­kel­ten aka­de­mi­schen Ter­rain der Prince­ton Uni­ver­si­ty kei­ne poli­ti­schen sozia­len oder öko­lo­gi­schen Pro­ble­me ins Gehe­ge kom­men.29 Zu Recht kri­ti­siert Dani­el Stein­metz-Jenk­ins in der Zeit­schrift Dis­sent, dass Mül­lers Popu­lis­mus­ver­ständ­nis auf einer Theo­rie des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus fußt, die für einen nicht mehr exis­ten­ten Feind ent­wor­fen wur­de. War­um soll­ten sich abge­ho­be­ne Eli­ten um abge­häng­te Klein­bür­ger und Arbei­ter sche­ren? Und war­um soll­ten sich die »Abge­häng­ten« und »Aus­ge­schlos­se­nen« einem Sys­tem per »demo­kra­ti­scher« Akkla­ma­ti­on unter­ord­nen, das von der »Par­tei von Davos« beherrscht wird, wie Stein­metz-Jenk­ins die neo­li­be­ra­le Herr­schaft des Finanz­ka­pi­tals umschreibt? In »Zei­ten wie die­sen« sei Mül­lers Bestands­auf­nah­me zu opti­mis­tisch: »Die Demo­kra­tie zer­fällt, und die popu­lis­ti­schen ›Män­ner fürs Gro­be‹ sind auf dem Vor­marsch: Die Geschich­te ist zurück.«30 Und die Geschich­te führt nicht auto­ma­tisch in eine bes­se­re Zukunft.

 

Europa macht die Schotten dicht

 

Claus Leggewie - Anti-Europäer (Suhrkamp, 2016)

Claus Leg­ge­wie — Anti-Euro­pä­er (Suhr­kamp, 2016)

Diesen Vor­marsch skiz­ziert Claus Leg­ge­wie in sei­nem Buch Anti-Euro­pä­er in den Por­träts drei­er für ihn exem­pla­ri­schen Figu­ren, die einen »tota­li­tä­ren« Kampf gegen das »demo­kra­ti­sche« Euro­pa füh­ren. Prot­ago­nist der »Iden­ti­tä­ren« ist der nor­we­gi­sche Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Men­schen aus Hass auf den Islam und »Kul­tur­mar­xis­mus« töte­te. Der »Eura­sier« Alex­an­der Dugin rekur­riert auf das alte sla­wi­sche »Anti­west­ler­tum« und bewegt sich im Umkreis der auto­ri­tä­ren »Puti­nis­ten«, wäh­rend Abu Mus­ab al-Suri als phi­lo­so­phisch ver­bräm­ter Stich­wort­ge­ber der »Dschi­ha­dis­ten« agiert. Leg­ge­wie möch­te eine »Kri­tik der exter­mi­nis­ti­schen Unver­nunft«31 und »ein Stück Geg­ner­for­schung« lie­fern, Spu­ren der Tra­di­tio­nen der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« und des »völ­kisch-auto­ri­tä­ren Natio­na­lis­mus« in neu­en For­ma­tio­nen der »Iden­ti­tä­ren«, »Rechts­po­pu­lis­ten« und »Isla­mis­ten« offen­le­gen, doch ver­hed­dert er sich oft in Abschwei­fun­gen, die sich von Ernst Jün­ger und Adolf Hit­ler bis zu den Reprä­sen­tan­ten des Auto­ri­ta­ris­mus wie Jaros­law Kac­zyn­ski und Recep Tay­y­ip Erdo­gan erstre­cken, wäh­rend er gegen­über Euro­pa eine voll­kom­me­ne unkri­ti­sche Hal­tung ein­nimmt. Stän­dig hebt er die Libe­ra­li­tät, Welt­of­fen­heit und Tole­ranz Euro­pas her­vor, ohne jemals den euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus der Ver­gan­gen­heit in Rech­nung zu stel­len.32

Zudem argu­men­tiert Leg­ge­wie kaum poli­tisch, son­dern gei­ßelt eine poli­ti­sche Figur wie Donald Trump aus der Posi­ti­on eines bür­ger­li­chen Hoch­schul­pro­fes­sors nase­rümp­fend als »ver­krach­te Exis­tenz«33, ohne die gesell­schafts­po­li­ti­schen Fak­to­ren zu ana­ly­sie­ren, die Trumps Auf­stieg seit den 1980er Jah­ren begüns­tig­ten. Wie Mül­ler hat auch Leg­ge­wie den ideo­lo­gi­schen Raum des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus des »Kal­ten Krie­ges« nicht ver­las­sen. Über Kapi­ta­lis­mus und Faschis­mus fin­den sich in Leg­ge­wies »Geg­ner­for­schung« kei­ne Ansät­ze. Statt­des­sen wabert durch das Buch eine unkri­ti­sche »Euro­pa-Ido­la­trie«34 (wie Lothar Bai­er die­ses Phä­no­men bereits in den 1980er Jah­ren bezeich­ne­te), in der zum wie­der­hol­ten Mal das »fal­sche Bewusst­sein« sei­ne aka­de­mi­schen Urstän­de fei­ert. Die Erzäh­lun­gen über Angst, Nie­der­gang und Unter­wer­fung müs­se Euro­pa »Nar­ra­ti­ve der Hoff­nung und der Zivil­cou­ra­ge ent­ge­gen­set­zen«, schließt Leg­ge­wie wie ein alt­ba­cke­ner Pro­fes­sor aus der Zeit, als man den Muff unter den Tala­ren mehr als deut­lich wahr­nahm. Zwar mahnt Leg­ge­wie »Zivil­cou­ra­ge« an35, ver­mag jedoch nicht die gerings­te Kri­tik im Sin­ne der Huma­ni­tät vor­zu­brin­gen, da »Euro­pa die Schot­ten dicht macht«36 (wie Lothar Bai­er die euro­päi­sche Abschot­tung gegen Migran­ten beschrieb). So setzt sich die Ver­lo­gen­heit der »libe­ra­len, welt­of­fe­nen und tole­ran­ten Euro­pä­er«, als deren Sprach­rohr Leg­ge­wie fun­giert, wei­ter fort.

Über dem »Reich des Kon­for­mis­mus« weht nicht lus­tig der »bun­te Wim­pel des Zwei­fels«37, wie Lothar Bai­er in den spä­ten 1980er Jah­ren schrieb, als vie­le Men­schen aus »Mit­tel­eu­ro­pa« den vagen Ver­spre­chen einer uni­ver­sa­len Demo­kra­tie zu fol­gen schie­nen. Mitt­ler­wei­le möch­te die Majo­ri­tät der Mit­tel­eu­ro­pä­er die Frei­zü­gig­keit des NATO-Euro­pas für sich rekla­mie­ren, wäh­rend die Abschot­tung gegen den Süden mili­tä­risch voll­zo­gen wer­den soll. Bevor die ost­eu­ro­päi­schen Gren­zen in den Jah­ren 1989/90 fie­len, hat­te der alge­ri­sche Schrift­stel­ler Rachid Boud­je­dra noch an sei­ne euro­päi­schen Kol­le­gen appel­liert, dass dem »euro­päi­schen Traum« zunächst ein »euro­päi­sches Scham­ge­fühl« vor­an­ge­hen müss­te.38 An sol­che kri­ti­schen Ein­sich­ten, die Spu­ren der Dia­lek­tik von Herr­schaft und Oppo­si­ti­on ent­hal­ten, möch­te jedoch drei­ßig Jah­re spä­ter nie­mand mehr erin­nert wer­den. »Was wird die Euro­pa-Ido­la­trie von Intel­lek­tu­el­len nüt­zen, falls sich […] auf­tre­ten­de sozia­le Span­nun­gen natio­na­lis­tisch ent­la­den?«, frag­te Bai­er.39 Das Resul­tat ist gegen­wär­tig zu begut­ach­ten.

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Zyg­munt Bau­man.
Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che.
Über­setzt von Micha­el Bisch­off.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
125 Sei­ten, 12 Euro.

Oli­ver Nacht­w­ey.
Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
264 Sei­ten, 18 Euro.

Vol­ker Weiß.
Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des.
Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017.
304 Sei­ten, 20 Euro.

Jan-Wer­ner Mül­ler.
Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
160 Sei­ten, 15 Euro.

Claus Leg­ge­wie.
Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
175 Sei­ten, 15 Euro.

© Jörg Auberg 2017

Szen

Bildquellen


Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955) — Archiv des Autors

Cover: Zyg­munt Bau­mann: Die Angst vor den ande­ren — Suhr­kamp

Cover: Oli­ver Nacht­w­ey: Die Abstiegs­ge­sell­schaft — Suhr­kamp

Cover: Vol­ker Weiß: Die auto­ri­tä­re Revol­te — Klett-Cot­ta

Cover: Jan-Wer­ner Mül­ler: Was ist Popu­lis­mus? — Suhr­kamp

Cover: Claus Leg­ge­wie: Anti-Euro­pä­er — Suhr­kamp

Sze­nen­fo­to: Der letz­te MannKino.de

Ber­na­di­en Stern­heim: Roll­trapWiki­me­dia Com­mons

 

 

Nachweise

  1. Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 273
  2. Theo­dor W. Ador­no, Sozio­lo­gi­sche Schrif­ten I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1979), S. 114–116
  3. Zyg­munt Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che, übers. Micha­el Bisch­off (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 49
  4. Imma­nu­el Kant, Zum ewi­gen Frie­den (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), S. 30
  5. Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren, S. 106–107
  6. Franz Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te: Essays in Poli­ti­cal and Legal Theo­ry (Glen­coe: The Free Press, 1957), S. 293
  7. Oswald Speng­ler, Der Unter­gang des Abend­lan­des: Umris­se einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te (Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch­buch Ver­lag, 1972), S. 681
  8. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 64
  9. Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te, S. 287
  10. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 71
  11. Oli­ver Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 71
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 59
  13. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 82–108. Die »liber­tä­re« Inter­pre­ta­ti­on des »Geis­tes von 1968« fin­det sich bei­spiels­wei­se in Tho­mas Schmid, »Die Wirk­lich­keit eines Traums: Ver­such über die Gren­zen des auto­po­ie­ti­schen Ver­mö­gens mei­ner Gene­ra­ti­on«, in: Die Früch­te der Revol­te: Über die Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Kul­tur durch die Stu­den­ten­be­we­gung (Ber­lin: Wagen­bach, 1988), S. 7–33. Zur Kri­tik cf. Jörg Auberg, »Die Illu­si­on fährt mit der Stra­ßen­bahn: Intel­lek­tu­el­le Meta­mor­pho­sen«, Die Akti­on, Nr. 58–59 (Novem­ber 1989), S. 907–909
  14. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 165
  15. Der Begriff »Soc­Speak« wur­de erst­mals vom Lite­ra­tur­kri­ti­ker Mal­colm Cow­ley 1956 ver­wen­det und beschreibt den Jar­gon der Gesell­schafts­tech­ni­ker, die offi­zi­ell als Sozio­lo­gen bezeich­net wer­den. Cf. C. Wright Mills, The Socio­lo­gi­cal Ima­gi­na­ti­on (1959; rpt. New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2000), S. 217
  16. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 232–233
  17. Lewis Mum­ford, Her­man Mel­vil­le: A Stu­dy of His Life and Visi­on (1929; rpt. New York: Har­court Brace, 1962), S. 163; Her­man Mel­vil­le, Bil­ly Budd, Bart­le­by, and Other Sto­ries, hg, Peter Coviel­lo (New York: Pen­gu­in, 2016), S. 26
  18. Im Esse­ner Nor­den hol­te die AfD 20 Pro­zent der Wahler­stim­men, https://www.derwesten.de/staedte/essen/afd-holt-ueber-20-prozent-der-stimmen-im-essener-norden-id210573525.html. Zur grund­sätz­li­chen Pro­ble­ma­tik cf. Frank Bajohr und Die­ter Pohl, Mas­sen­mord und schlech­tes Gewis­sen: Die deut­sche Bevöl­ke­rung, die NS-Füh­rung und der Holo­caust (Frankfurt/Main: Fischer, 2008); Ste­phan Hebel, »Mer­kel: Die Geburts­hel­fe­rin der AfD«, Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik, 62:8 (August 2017):81–88
  19. So wur­de bei­spiels­wei­se Frank Böckel­mann in der Frank­fur­ter Inter­net-Kul­tur­zeit­schrift Faust Kul­tur als der gro­ße »Ent­lar­ver« von Phan­tas­men von Pri­vat­heit und Macht hofiert: http://faustkultur.de/index.php?article_id=1893&clang=0
  20. Cf. Anto­nio Gram­sci, »Die Her­aus­bil­dung des Intel­lek­tu­el­len«, in: Gram­sci, Mar­xis­mus und Kul­tur, hg. und übers. Sabi­ne Kebir (Ham­burg: VSA-Ver­lag, 1983), S. 56–72; Todd Git­lin, The Who­le World is Watching: Mass Media in the Making and Unma­king of the New Left (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1980), S. 9–10, 252–258. In der Ver­gan­gen­heit ist Gram­sci immer wie­der von Rechts­ex­tre­men von Alain de Benoist bis zu Ste­ve Ban­non miss­braucht wor­den: cf. Ste­fa­nie Pre­zio­so, »Anto­nio Gram­sci: From War to Revo­lu­ti­on«, New Poli­tics, XVI:3, Nr. 63 (Som­mer 2017), http://newpol.org/content/antonio-gramsci-war-revolution
  21. Cf. McKen­zie Wark, The Beach Bene­ath the Street: The Ever­y­day Life and Glo­rious Times of the Situa­tio­nist Inter­na­tio­nal (Lon­don: Ver­so, 2011), S. 37–38
  22. Robert Michels, Mas­se, Füh­rer, Intel­lek­tu­el­le: Poli­tisch-sozio­lo­gi­sche Auf­sät­ze, 1906–1933 (Frankfurt/Main: Cam­pus, 1987), S. 183
  23. Vol­ker Weiß, Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des (Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017), S. 265
  24. John Bel­l­a­my Fos­ter, »This is not Popu­lism«, Mon­th­ly Review, 69:2 (Juni 2017), S. 1
  25. Cf. Micha­el Kazin, Ame­ri­can Drea­mers: How the Left Chan­ged a Nati­on (New York: Alfred A. Knopf, 2011). In sei­ner Geschich­te der US-ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten­be­we­gung SDS (New York: Ran­dom Hou­se, 1973) beton­te Kirk­pa­trick Sale den Ein­fluss der popu­lis­ti­schen Narod­niks.
  26. Jan-Wer­ner Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 69
  27. Hans-Jür­gen Krahl, »Zur Geschichts­phi­lo­so­phie des auto­ri­tä­ren Staa­tes« (1968), in: Krahl, Kon­sti­tu­ti­on und Klas­sen­kampf: Zur his­to­ri­schen Dia­lek­tik von bür­ger­li­cher Eman­zi­pa­ti­on und pro­le­ta­ri­scher Revo­lu­ti­on, hg. Det­lev Claus­sen et al. (Frankfurt/Main: Ver­lag Neue Kri­tik, 1971), S. 224
  28. Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus?, S. 28
  29. Cf. Timo­thy W. Luke, »Sear­ching for Alter­na­ti­ve Moder­nities: Popu­lism and Eco­lo­gy«, in: Luke, Capi­ta­lism, Demo­cra­cy, and Eco­lo­gy: Depar­ting From Marx (Urba­na: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 1999), S. 217–249
  30. Dani­el Stein­metz-Jenk­ins, »The Logic of Popu­lism«, Dis­sent, 64:2, Nr. 267 (Früh­jahr 2017), Kind­le-Aus­ga­be
  31. Claus Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co. (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 141
  32. Cf. Wolf­gang Rein­hard, Die Unter­wer­fung der Welt: Glo­bal­ge­schich­te der euro­päi­schen Expan­si­on 1415–2015 (Mün­chen: C. H. Beck, 2016)
  33. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 144
  34. Lothar Bai­er, Zei­chen und Wun­der: Kri­ti­ken und Essays (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 1988), S. 187
  35. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 149
  36. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 179
  37. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 187
  38. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 186
  39. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 188

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Aufs Schlimmste zu

Rückfall in die Barbarei

Zygmunt Baumann, Oliver Nachtwey, Volker Weiß, Jan-Werner Müller und Claus Leggewie beleuchten verschiedene Aspekte der autoritären und populistischen Tendenzen in Europa.

 

von Jörg Auberg

 

Braun kehrt zurück

 

Mischa Auer in Arkadin (Orson Welles, 1955)

Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955)

Aus den Kloa­ken der Zeit keh­ren die kopf­lo­sen mod­ri­gen Kadet­ten der exter­mi­nis­ti­schen Destruk­ti­on in die Gegen­wart zurück. Da ihnen in der Ver­gan­gen­heit die tota­le Zer­stö­rung nicht gelang, star­ten die unto­ten Wie­der­gän­ger einen neu­er­li­chen Ver­such, die Welt ins ver­we­sen­de Mias­ma des natio­na­lis­ti­schen und völ­ki­schen Grau­ens zu zer­ren. Zur Höl­le wird die Geschich­te, schrieb Ador­no in sei­nen »Auf­zeich­nun­gen zu Kaf­ka«, »weil das Ret­ten­de ver­säumt ward«, und die­se Höl­le hat­te das »spä­te Bür­ger­tum« selbst eröff­net.1

Stets neh­men sich die schein­bar Zukurz­ge­kom­me­nen in ihrer gesell­schaft­li­chen Ohn­macht als Opfer ver­schwö­re­ri­scher, dämo­ni­scher Kräf­te wahr, die jedoch aus­schließ­lich auf einer pathi­schen Pro­jek­ti­on beru­hen. An den rea­len Ver­hält­nis­sen sind immer »die ande­ren« schuld – nie sie selbst. Als Urhe­ber des Unbills, den sie erle­ben (aber nicht erfah­ren), suchen sie Sün­den­bö­cke unter­schied­li­cher Her­kunft und Cou­leur aus, die zum Ziel­punkt ihres kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus und schließ­lich ihrer Para­noia wer­den. Im von Res­sen­ti­ments auf­ge­la­de­nen Zerr­bild eines amor­phen Fein­des lebt die umfas­sen­de Herr­schaft fort, das die »Wut­bür­ger« anzu­grei­fen vor­ge­ben. Zu einer kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on, die auch eine Ein­sicht in die eige­ne Ver­stri­ckung in die rea­len Ver­hält­nis­se ein­schlös­se, sind sie zu kei­nem Zeit­punkt fähig. Statt­des­sen tri­um­phiert das (im Wort­sinn) »schlag­fer­ti­ge« Kol­lek­tiv der all­sei­ti­gen Bescheid- und Bes­ser­wis­ser mit sei­ner brül­len­den Spra­che der Ein­ge­sperr­ten, denen geschicht­li­che Erfah­rung fremd ist.2

 

Die Angst vor den Anderen

 

Der Auf­schwung der reak­tio­nä­ren Ten­den­zen in Euro­pa hat­te sei­ne Ursa­che unter ande­rem in der mas­sen­haf­ten Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus »geschei­ter­ten Staa­ten« im ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Raum in Fol­ge der ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der Macht­po­li­tik und des Ter­ro­ris­mus nach den Ereig­nis­sen des 11. Sep­tem­ber 2001. Die Auf­stän­de gegen auto­kra­ti­sche Macht­ha­ber in die­sen Staa­ten führ­ten nicht wie erhofft zu einer demo­kra­ti­schen Neu­ord­nung, son­dern hat­ten uner­bitt­li­che Krie­ge zwi­schen den ver­fein­de­ten Rackets in den jewei­li­gen Regio­nen zur Fol­ge, unter denen vor allem die Zivil­be­völ­ke­run­gen zu lei­den hat­ten.

 

Zygmunt Baumann - Die Angst vor den anderen (Suhrkamp, 2016)

Zyg­munt Bau­mann — Die Angst vor den ande­ren (Suhr­kamp, 2016)

In Euro­pa gal­ten die Flücht­lin­ge, die ihre blo­ße Exis­tenz über das Mit­tel­meer ret­ten konn­ten, als »Boten des Unglücks«, wie Zyg­munt Bau­mann in sei­nem letz­ten Buch Die Angst vor den ande­ren in Anleh­nung an Ber­tolt Brecht schrieb. Die Mas­se der Flücht­lin­ge rief bei den Euro­pä­ern in ihrer Mehr­heit eine dif­fu­se Angst her­vor, da sie sich von den Neu­an­kömm­lin­gen in der Sicher­heit ihrer Exis­tenz bedroht fühl­ten. In Zei­ten glo­ba­ler Pro­zes­se flüch­te­te sich die Majo­ri­tät der Euro­pä­er in rea­li­täts­fer­ne und reak­tio­nä­re Patent­lö­sun­gen wie Abschot­tung oder Abschie­bung: Die Vor­tei­le eines glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus woll­ten sie genie­ßen, wäh­rend die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen ande­re auf ihren Schul­tern tra­gen soll­ten. Gegen das »Gespenst des star­ken Man­nes (oder der star­ken Frau)«3 und ihrer Gefolg­schaf­ten insis­tiert Bau­mann auf das auf­klä­re­ri­sche euro­päi­sche Erbe und ruft Imma­nu­el Kants Arti­kel des »Welt­bür­ger­rechts« in Erin­ne­rung. Nie­mand habe mehr Recht als der ande­re, an einem Ort der Erde zu sein. Es sei kein Gast-, son­dern ein Besuchs­recht, ein Akt der Hos­pi­ta­li­tät.

»Unbe­wohn­ba­re Tei­le die­ser Ober­flä­che, das Meer und die Sand­wüs­ten, tren­nen die­se Gemein­schaft, doch so, daß das Schiff, oder das Kamel (das Schiff der Wüs­te) es mög­lich machen, über die­se her­ren­lo­sen Gegen­den sich ein­an­der zu nähern, und das Recht der Ober­flä­che, wel­ches der Men­schen­gat­tung gemein­schaft­lich zukommt, zu einem mög­li­chen Ver­kehr zu benut­zen.«4

Wäh­rend sich die »wach­sen­de Zahl mora­lisch blin­der und tum­ber Internau­ten«5 mit ihren win­zi­gen Digi­tal­schif­fen in Form von Smart­pho­ne und Tablet in den digi­ta­len Unter­grund »vira­ler« Gesell­schaf­ten zurück­zieht, staut sich an der äuße­ren Rea­li­tät der Ober­flä­che der Hass aufs Frem­de auf. Aus­ge­schlos­sen ist dabei jedoch nicht, dass auch die »Frem­den« den Hass aus ihrer »Hei­mat« impor­tie­ren.

 

Vor dem Untergang

 

Die Ankunft der »Frem­den«, die über das Mit­tel­meer ins Inne­re Euro­pas kamen, emp­fan­den die ohne­hin dem poli­ti­schen Pro­jekt Euro­pas der Ver­gan­gen­heit ent­frem­de­ten Ange­hö­ri­gen der »Mit­tel­schich­ten« und des Pre­ka­ri­ats als Bedro­hung der eige­nen Exis­tenz. Ähn­lich wie im 19. Jahr­hun­dert, als sich die »Alt­ein­ge­ses­se­nen« in den USA gegen die Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus Irland und Deutsch­land mit Ver­schwö­rungs­theo­ri­en auf die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen reagier­ten und sich im nati­vis­ti­schen Bund der »Know Not­hings« orga­ni­sier­ten, for­mier­ten sich im Zuge der »Flücht­lings­kri­se« in Euro­pa reak­tio­nä­re Orga­ni­sa­tio­nen, die sich aus einer »neu­ro­ti­schen Ver­fol­gungs­angst« (wie Franz Neu­mann das Phä­no­men 1954 in einem Vor­trag an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin nann­te) an auto­ri­tä­re Tra­di­tio­nen der Ver­gan­gen­heit hef­te­ten. »Die­se cäsa­ris­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on ist stets regres­siv – sowohl his­to­risch als auch psy­cho­lo­gisch«6, kon­sta­tier­te Neu­mann.

 

Emil Jannings in Der letzte Mann (Friedrich Wilhelm Murnau, 1924)

Emil Jan­nings in Der letz­te Mann (Fried­rich Wil­helm Murnau, 1924)

Wie schon in F. W. Murn­aus klas­si­schem Abstiegs­dra­ma Der letz­te Mann (1924), in dem der uni­for­mier­te Hotel­por­tier mit­leid­los zum Toi­let­ten­wär­ter degra­diert wird, voll­zieht sich der Ver­lust des sozia­len Sta­tus ohne Begrei­fen, wel­che gesell­schaft­li­chen oder öko­no­mi­schen Pro­zes­se für die­sen Abstieg ver­ant­wort­lich sind. Statt­des­sen führt die »poli­ti­sche Ent­frem­dung« ent­we­der zur ent­wer­te­ten Selbst­auf­ga­be und voll­kom­me­nen Lethar­gie oder zur »Auf­lö­sung« in regres­si­ven »Mas­sen­be­we­gun­gen«, deren Ziel in der apo­ka­lyp­ti­schen Exter­mi­na­ti­on des »Frem­den« und des »Ande­ren« liegt. In neo­fa­schis­ti­schen Samm­lungs­be­we­gun­gen wie Pegi­da in Dres­den und deren zahl­rei­chen Able­gern in ande­ren deut­schen Städ­ten arti­ku­lie­ren sich Rackets aus den Resi­du­en bar­ba­ri­scher Volks­stäm­me, die ihren Res­sen­ti­ments gegen die Moder­ne mit ihren Kon­zep­tio­nen der Urba­ni­tät, der Frei­heit und der Auto­no­mie frei­en Lauf las­sen.

Je weni­ger die Pegi­da-Mar­schie­rer von den zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten des Abend­lan­des begrei­fen, umso laut­star­ker beschwö­ren sie auf ihren Kund­ge­bun­gen des­sen Unter­gang. Dif­fus rekur­rie­ren sie auf den prä­na­zis­ti­schen Best­sel­ler Der Unter­gang des Abend­lan­des (1922), in dem Oswald Speng­ler, aus den dunk­len Ter­ri­to­ri­en des Ost­har­zes rund um Blan­ken­burg kom­mend, über die Bedro­hung des »kul­tur­fä­hi­gen Men­schen­tums« schwa­dro­nier­te und vor dem Her­ab­sin­ken zum »Typus des Fel­la­chen« warn­te. »Nur das pri­mi­ti­ve Blut bleibt zuletzt übrig«, schwan­te ihm, »aber sei­ner star­ken und zukunft­rei­chen Ele­men­te beraubt.«7 Eine Ana­ly­se rea­ler Ver­hält­nis­se fin­det bei Speng­ler nicht statt: Statt­des­sen ergeht er sich im dunk­len Rau­nen über den zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­fall. »In der gigan­ti­schen und destruk­ti­ven Wahr­sa­ge­rei tri­um­phiert der Klein­bür­ger«8, urteil­te Ador­no über die »Geschichts­phi­lo­so­phie« Speng­lers.

»Das Deutsch­land von 1930 bis 1933 war das Land der Ent­frem­dung und Angst

– Franz Neu­mann9

Das Gegen­mit­tel gegen die »fake phi­lo­so­phy« ist jedoch nicht ein nai­ver Rekurs auf die euro­päi­sche Kul­tur oder ein »Auf­stand der Anstän­di­gen« (in dem sich die hypo­kri­ti­schen Nutz­nie­ßer der schlech­ten Ver­hält­nis­se selbst Abso­lu­ti­on ertei­len), son­dern die kri­ti­sche Refle­xi­on der Kul­tur, in die sich auch die Bar­ba­rei ein­ge­gra­ben hat.

»Gegen den Unter­gang des Abend­lan­des steht nicht die auf­er­stan­de­ne Kul­tur son­dern die Uto­pie, die im Bil­de der unter­ge­hen­den wort­los fra­gend geschlos­sen liegt.«

– Theo­dor W. Ador­no10

 

Die Abstiegsgesellschaft

 

Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft (Suhrkamp, 2016)

Oli­ver Nacht­w­ey - Die Abstiegs­ge­sell­schaft (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Buch Die Abstiegs­ge­sell­schaft ana­ly­siert der Sozio­lo­ge Oli­ver Nacht­w­ey die nega­ti­ven gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der sozia­len Moder­ni­sie­rung in den letz­ten vier­zig Jah­ren. »Die Moder­ne wird häu­fig gleich­ge­setzt mit Demo­kra­tie«, ruft Nacht­w­ey gän­gi­ge Wahr­neh­mungs­mus­ter vor allem von Ange­hö­ri­gen einer auf­stiegs­ori­en­tier­ten Mit­tel­schicht in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft in Erin­ne­rung, »sie steht für Ver­nunft und Auf­klä­rung, für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Frei­heit, Auto­no­mie und Men­schen­rech­ten.«11 Rea­li­ter habe sich in der alten Bun­des­re­pu­blik jedoch nicht die Klas­sen­ge­sell­schaft auf­ge­löst; viel­mehr wirk­ten deren Struk­tu­ren unter­ir­disch fort. Der Moder­ni­sie­rung sei das Moment der Regres­si­on ein­ge­gra­ben, insis­tiert Nacht­w­ey in der Tra­di­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie.

»Der Fluch des unauf­halt­sa­men Fort­schritts ist die unauf­halt­sa­me Regres­si­on.«

– Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no12

Im Zuge der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats seit den 1970er Jah­ren wur­de immer mehr Las­ten der sozia­len Absi­che­rung der Bür­ger und Bür­ge­rin­nen von staat­li­chen Wohl­fahrts­in­sti­tu­tio­nen auf die Schul­tern der Indi­vi­du­en gelegt. So liegt es in der »Eigen­ver­ant­wor­tung« des Ein­zel­nen, das Kapi­tal für sei­ne Alters­vor­sor­ge zu hor­ten. In der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wird jeder Bür­ger in die Kom­pli­zen­schaft mit dem herr­schen­den Sys­tem der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung gezwun­gen, die Nacht­w­ey als der Erbe der »Künst­ler­kri­tik« der Revol­te von 1968 sieht. Deren von einem antieta­tis­ti­schen Impe­tus bestimm­ten Akzen­tu­ie­rung von Auto­no­mie, Selbst­be­stim­mung und Eigen­ver­ant­wor­tung habe letzt­lich zu einem Rück­zug staat­li­cher Orga­ne aus der sozia­len Ver­ant­wor­tung bei­ge­tra­gen. Die­se »Künst­ler­kri­tik« (wie Nacht­w­ey die »liber­tä­re« Staats­kri­tik aus dem »Geist von 1968« nennt) leis­te­te der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats Vor­schub, in deren Ver­lauf die »sozia­len Bür­ger­rech­te« redu­ziert wur­den, wäh­rend sich ein »auto­ri­tär grun­dier­ter Libe­ra­lis­mus« durch­setz­te.13

 

Bernadien Sternheim - Roltrap

Ber­na­di­en Stern­heim — Rol­trap

5iese Ent­wick­lung ver­sucht Nacht­w­ey im Bild der »Roll­trep­pe nach unten« zu fas­sen. Im stets wach­sen­den Kon­for­mi­täts­druck sehen sich vie­le Arbei­ter­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer gezwun­gen, über strom­li­ni­en­för­mi­ge Anpas­sung an die »Agi­li­tät« schein­bar effi­zi­en­ter Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, Mehr- und Leih­ar­beit, Mobi­li­tät und stän­di­ge Ver­füg­bar­keit den eige­nen Abstieg zu ver­hin­dern, obgleich sie in den Strom einer »imm4bilen Abwärts­mo­bi­li­tät« bereits gefan­gen sind.

»In der Abstiegs­ge­sell­schaft sehen sich vie­le Men­schen dau­er­haft auf einer nach unten fah­ren­den Roll­trep­pe. Sie müs­sen nach oben lau­fen, um ihre Posi­ti­on über­haupt hal­ten zu kön­nen.«14

Im Pro­zess des eige­nen Abstiegs rich­tet sich die Wut der Abge­stie­ge­nen nicht gegen die Ver­ant­wort­li­chen des Sys­tems, son­dern gegen jene, die ins Land strö­men und den Alt­ein­ge­ses­se­nen Woh­nung, Arbeit und Brot strei­tig machen. Die Gewalt der Abge­stie­ge­nen rich­tet sich gegen noch Schwä­che­re und fin­det sei­ne Kana­li­sa­ti­on in auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen, die letzt­lich auch bei jenen Reso­nanz fin­den, die sich als »links« ver­ste­hen, ohne dies inhalt­lich fül­len zu kön­nen. Als Ziel für den Aus­weg aus der Sack­gas­se emp­fiehlt Nacht­w­ey eine »soli­da­ri­sche Moder­ne«, wobei die­ser Ter­mi­nus eine lee­re Flos­kel bleibt. Ohne­hin wabern durch Nacht­w­eys vom »Soc­Speak«15 durch­tränk­ten Text Begrif­fe wie »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« oder »Kri­se der lin­ken Ima­gi­na­ti­on«, die letzt­lich nur Par­ti­kel eines bedeu­tungs­schwan­ge­ren Jar­gons sind, ohne dass sie hilf­reich für eine kri­ti­sche Bestands­auf­nah­me der aktu­el­len Zustän­de wären.16

Nacht­w­eys Begriff der »Abstiegs­ge­sell­schaft« redu­ziert sich auf eine »deutsch-natio­na­le« Per­spek­ti­ve, als hät­te in den ver­gan­ge­nen fünf­zig Jah­ren kei­ne Migra­ti­on statt­ge­fun­den. In der Erzäh­lung des Autors sind die »Arbeit­neh­mer« vor­nehm­lich deut­scher Pro­ve­ni­enz stets schon Opfer – der jeweils herr­schen­den Ver­hält­nis­se, der »Eli­ten«, der »Revol­teu­re« von einst, des Neo­li­be­ra­lis­mus. In die »Kom­pli­zi­tät« mit den vor­wal­ten­den Herr­schafts­struk­tu­ren schei­nen sie schuld­los her­ein­ge­zo­gen wor­den zu sein, und eben­so schuld­los lau­fen sie den »Rat­ten­fän­gern« der auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen in die Fal­le. Inwie­fern die­se Akteu­re, die immer nur ande­re als Sün­den­bö­cke für ihre miss­li­che Lage ver­ant­wort­lich machen, als Prot­ago­nis­ten für die Eta­blie­rung einer »soli­da­ri­schen Moder­ne« intel­lek­tu­ell und poli­tisch fähig sein sol­len, bleibt ein Rät­sel. Rea­li­ter sind sie nicht Opfer, son­dern Mit­tä­ter. Schon bei der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wäre es mög­lich gewe­sen, wie Her­man Mel­vil­les Bart­le­by mit – wie Lewis Mum­ford es nann­te – »pas­si­vem Wider­stand« zu reagie­ren: »I would pre­fer not to«.17 Statt­des­sen ver­such­ten sie, mit der »Inter­es­sen­an­pas­sung« in der fal­schen Ein­rich­tung der Gesell­schaft den größt­mög­li­chen Anteil der Beu­te für sich ein­zu­strei­chen. Erst als die­se Stra­te­gie sich als desas­trös erwies, begann der gro­ße Kat­zen­jam­mer. Dass ein gro­ßer Teil des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Milieus (bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet) bei der letz­ten Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len zu Orga­ni­sa­tio­nen auto­ri­tä­rer, anti­de­mo­kra­ti­scher Strö­mun­gen über­lief, geht nicht auf das Kon­to der herr­schen­den Polit-Zir­kel, son­dern ist der feh­len­den Ver­an­ke­rung demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945 anzu­las­ten.18

 

Die autoritäre Revolte

 

Volker Weiß - Die autoritäre Revolte (Klett-Cotta, 2017)

Vol­ker Weiß — Die auto­ri­tä­re Revol­te (Klett-Cot­ta, 2017)

Die »Nach­hal­tig­keit« auto­ri­tä­rer Mus­ter aus dem Fun­dus der deut­schen Geschich­te beschreibt der His­to­ri­ker Vol­ker Weiß ein­drück­lich in sei­ner prä­gnan­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die Die auto­ri­tä­re Revol­te. Dar­in rekon­stru­iert er kennt­nis- und detail­reich die Geschich­te der »Neu­en Rech­ten« im Schat­ten der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« des Ideo­lo­gen Armin Moh­ler und des »natio­na­len Flü­gels« der »68er«, der von Reprä­sen­tan­ten wie Gün­ter Masch­ke und Frank Böckel­mann, die über ihre rech­ten Zir­kel und Zeit­schrif­ten wie Jun­ge Frei­heit, Sezes­si­on und Tumult hin­aus ihre rech­ten Strah­len in das libe­ral-bür­ger­li­che Spek­trum sen­den, das immer schon für sol­che Signa­le emp­fäng­lich war.19 Akri­bisch arbei­tet Weiß die »Arbeits­for­men« rech­ter Intel­lek­tu­el­ler wie Moh­ler her­aus, die zwar sich nicht scheu­ten, an den Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten an allen Fron­ten im Zwei­ten Welt­krieg teil­zu­neh­men, nach 1945 jedoch sich stets nur als »Opfer« feh­ler­haf­ter Ent­wick­lun­gen sti­li­sier­ten. Abseits des rech­ten Rau­nens und Mur­melns bedien­ten sich Moh­ler und sei­ne Vagan­ten an Anto­nio Gram­scis Theo­ri­en der »ideo­lo­gi­schen Hege­mo­nie«, die in den 1970er Jah­ren zum »Basis­pa­ket« der lin­ken Kul­tur- und Medi­en­theo­rie gehör­ten.20

In einer »feind­li­chen Über­nah­me«, die an das »Détour­ne­ment« der Situa­tio­nis­ten erin­ner­te21, ent­lehn­ten rechts­ex­tre­me Intel­lek­tu­el­le wie Moh­ler (der als »kon­ser­va­ti­ver« Ein­flüs­te­rer Franz-Josef Strauß als deut­schen de Gaul­le an das poli­ti­sche Wahl­volk ver­kau­fen woll­te) und sei­ne neo­fa­schis­ti­schen Nach­fol­ger wie Götz Kubit­schek oder Björn Höcke lin­ke Schlag­wor­te, ohne ihre inhalt­li­che Grun­die­rung zu über­neh­men. Zu den Ver­diens­ten von Weiß’ Buch gehört unter ande­rem, dass er die Spu­ren aus dem »lin­ken« ins rech­te Milieu ver­folgt, etwa von der »links­ra­di­ka­len« Grup­pe »Sub­er­si­ve Akti­on«, die 1962 in Mün­chen von Die­ter Kun­zel­mann in Anleh­nung an die »Situa­tio­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le« gegrün­det wur­de und zu der unter ande­rem Bernd Rabehl und Frank Böckel­mann gehör­ten, die Jahr­zehn­te spä­ter zu den rechts­na­tio­na­len Stich­wort­ge­bern im intel­lek­tu­el­len Gewand mutier­ten. In rechts­ex­tre­men For­ma­tio­nen wie der »Kon­ser­va­tiv-Sub­ver­si­ven Akti­on« des rechts­in­tel­lek­tu­ell dra­pier­ten neo­fa­schis­ti­schen Akti­vis­ten Götz Kubit­schek, der schein­bar lin­ke Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da­for­men im Sin­ne einer anti­west­li­chen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ideo­lo­gie adap­tiert und für einen neu­rech­ten Kampf gegen das bestehen­de demo­kra­ti­sche Sys­tem nutzt.

Dar­über hin­aus rekur­rie­ren Kubit­schek und ande­re »Rechts­in­tel­lek­tu­el­le« auf die dif­fu­sen Res­sen­ti­ments der »alt­deut­schen« Mehr­heits­be­völ­ke­rung, die sich von »Frem­den« umla­gert und bedroht füh­len, wobei das »Frem­de« einer­seits auf den »ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus« und ande­rer­seits auf die »Migran­ten« aus den süd­li­chen Regio­nen pro­ji­ziert wird. Zum einen ver­weh­ren den »wah­ren Deut­schen« die Pro­fi­teu­re der ame­ri­ka­nisch domi­nier­ten Kul­tur­in­dus­trie das Aus­le­ben ihrer deut­schen Iden­ti­tät; zum ande­ren füh­len sie sich von »Ali­ens« mus­li­mi­scher Her­kunft heim­ge­sucht, die ihnen das Leben per­ma­nent schwer machen. Die Lösung für die von sozia­lem Abstieg und dem Ver­lust einer natio­na­len Iden­ti­tät besteht nicht – wie von den »popu­lis­ti­schen« Speer­spit­zen der »Wut­bür­ger« behaup­tet – in der Resur­rek­ti­on einer »direk­ten Demo­kra­tie«, son­dern in einer auto­ri­tä­ren Herr­schafts­form, in der es kla­re Unter­schei­dun­gen zwi­schen Füh­rer, Mas­se und Intel­lek­tu­el­len gibt, wie sie der von der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie zum ita­lie­ni­schen Faschis­mus gewech­sel­te Sozio­lo­ge Robert Michels beschrieb. Wäh­rend im demo­kra­ti­schen Sys­tem jede Unzu­läng­lich­keit des ein­zel­nen Funk­tio­närs auf die Rech­nung gestellt wird, über­tra­ge im »cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer­tum« die Mas­se »in bewuß­ter Bewun­de­rung und Ver­eh­rung und fast in Form eines selbst­ver­ständ­li­chen, frei­wil­li­gen Opfers ihren Wil­len auf den Füh­rer«22, der sich dank die­ser irra­tio­na­len Akkla­ma­ti­on der »Mas­se« von jeg­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit ent­ho­ben füh­len kann.

In sei­ner fun­dier­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die rekon­stru­iert Weiß nicht allein die Geschich­te der »neu­en Rech­ten« in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945, son­dern übt auch Kri­tik an den Schwä­chen der lin­ken Aus­ein­an­der­set­zung mit den auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren der »deut­schen Tra­di­tio­na­lis­ten« auf der einen und der Migran­ten auf der ande­ren Sei­te, die eben­falls ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­des Gewicht an Vor­ur­tei­len – bei­spiels­wei­se gegen­über Juden, Frau­en und Homo­se­xu­el­len – in ihrem Gepäck mit sich tra­gen. Ein­dring­lich insis­tiert Weiß auf einer »tat­säch­li­chen Auf­klä­rung«, die sich selbst einer per­ma­nen­ten Kri­tik unter­zie­he, denn es sei »kein Natur­ge­setz, dass die Sei­te der Eman­zi­pa­ti­on gewinnt«.23

 

Rechtspopulismus oder Neofaschismus?

In der öffent­li­chen Dis­kus­si­on wer­den die Ten­den­zen des Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus, wie sie sich seit den 1980er Jah­ren immer wie­der in unter­schied­li­chen For­ma­tio­nen in Euro­pa arti­ku­lier­ten, mit dem Begriff »Popu­lis­mus« sub­su­miert, der zum einen kaum inhalt­lich grun­diert ist, zum ande­ren die poli­ti­sche Rea­li­tät ver­schlei­ert. Mit Recht insis­tiert John Fos­ter Bel­l­a­my, der Her­aus­ge­ber der tra­di­ti­ons­rei­chen lin­ken Zeit­schrift Mon­th­ly Review, dass der Ter­mi­nus »Rechts­po­pu­lis­mus« einen Euphe­mis­mus dar­stellt, der sich auf Bewe­gun­gen der »faschis­ti­schen Gat­tung« bezie­he, die mit ihren xeno­pho­bi­schen und ultra­na­tio­na­lis­ti­schen Pro­gram­men Anklang vor allem bei Bür­gern aus dem Milieu der unte­ren Mit­tel­schicht (die frü­her unter der Bezeich­nung »Klein­bür­ger« fir­mier­ten) und einer rela­tiv pri­vi­le­gier­ten Arbei­ter­schicht fin­den.24

 

Jan-Werner Müller - Was ist Populismus? (Suhrkamp, 2016)

Jan-Wer­ner Mül­ler — Was ist Popu­lis­mus? (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Essay Was ist Popu­lis­mus? ver­sucht sich der an der Prince­ton Uni­ver­si­ty leh­ren­de Poli­to­lo­ge Jan-Wer­ner Mül­ler an einer dif­fe­ren­zier­ten Begriffs­be­stim­mung, wobei er die unter­schied­li­chen Wer­tig­kei­ten zwi­schen Euro­pa und den USA betont. Wäh­rend in Nord­ame­ri­ka der popu­lis­ti­sche Impe­tus his­to­risch einer lin­ken Eli­ten­kri­tik von den Sozia­lis­ten bis zur Neu­en Lin­ken in den 1960er Jah­ren ver­pflich­tet war25, ist der Begriff in Euro­pa zumeist reak­tio­när und anti­de­mo­kra­tisch kon­no­tiert. Auch wenn Mül­ler das kri­ti­sche Poten­zi­al des Popu­lis­mus, wie es in frü­he­ren Zei­ten in den USA jen­seits des Faschis­mus sich arti­ku­lier­te, nicht in Abre­de stellt, herrscht doch auch in sei­nem Essay die gän­gi­ge Pro­jek­ti­on des Popu­lis­mus als anti­de­mo­kra­ti­sche Spreng­kraft vor, wie sie im libe­ra­len und neo­kon­ser­va­ti­ven Dis­kurs des Kal­ten Krie­ges von His­to­ri­kern und Poli­to­lo­gen wie Richard Hof­stadter, Dani­el Bell und ande­ren nach­hal­tig ver­tre­ten wur­de. Popu­lis­mus sei nicht allein anti­e­li­tär, argu­men­tiert Mül­ler, son­dern auch anti­plu­ra­lis­tisch, indem er gegen die »Eli­ten­herr­schaft« einen »Allein­ver­tre­tungs­an­spruch« des »wah­ren Vol­kes« in Stel­lung brin­ge, das sich im »Modus des per­ma­nen­ten Bela­ge­rungs­zu­stan­des« befin­de.26

»Der auto­ri­tä­re Staat ist die kapi­ta­lis­tisch ver­zerr­te Kari­ka­tur des Sozia­lis­mus.«

– Hans-Jür­gen Krahl27

In sei­nem Essay stellt Mül­ler durch­aus inter­es­san­te Fra­gen: Wie soll­te der Umgang mit Popu­lis­ten in einer Demo­kra­tie sein? Die Ant­wort kann nicht ein »auto­ri­tä­rer Staat« mit der Ein­schrän­kung der Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit sein. Zum ande­ren ist Mül­lers Popu­lis­mus-Begriff selbst sehr ein­ge­schränkt und ver­ein­fa­chend, da er poli­ti­sche Betei­li­gung jen­seits des libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Reprä­sen­ta­ti­ons­mo­dells als ille­gi­tim und unde­mo­kra­tisch betrach­tet. »Popu­lis­mus ist eine spe­zi­fi­sche, der moder­nen reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie inhä­ren­te Gefahr«, stellt er kate­go­risch fest.28 Mit die­ser Prä­mis­se wäre auch eine Abkehr von der Atom­in­dus­trie nicht mög­lich gewe­sen. Außer­halb der Insti­tu­tio­nen der »reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie« will Mül­ler kei­ne »legi­ti­men« Äuße­run­gen zulas­sen, wobei im abge­zir­kel­ten aka­de­mi­schen Ter­rain der Prince­ton Uni­ver­si­ty kei­ne poli­ti­schen sozia­len oder öko­lo­gi­schen Pro­ble­me ins Gehe­ge kom­men.29 Zu Recht kri­ti­siert Dani­el Stein­metz-Jenk­ins in der Zeit­schrift Dis­sent, dass Mül­lers Popu­lis­mus­ver­ständ­nis auf einer Theo­rie des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus fußt, die für einen nicht mehr exis­ten­ten Feind ent­wor­fen wur­de. War­um soll­ten sich abge­ho­be­ne Eli­ten um abge­häng­te Klein­bür­ger und Arbei­ter sche­ren? Und war­um soll­ten sich die »Abge­häng­ten« und »Aus­ge­schlos­se­nen« einem Sys­tem per »demo­kra­ti­scher« Akkla­ma­ti­on unter­ord­nen, das von der »Par­tei von Davos« beherrscht wird, wie Stein­metz-Jenk­ins die neo­li­be­ra­le Herr­schaft des Finanz­ka­pi­tals umschreibt? In »Zei­ten wie die­sen« sei Mül­lers Bestands­auf­nah­me zu opti­mis­tisch: »Die Demo­kra­tie zer­fällt, und die popu­lis­ti­schen ›Män­ner fürs Gro­be‹ sind auf dem Vor­marsch: Die Geschich­te ist zurück.«30 Und die Geschich­te führt nicht auto­ma­tisch in eine bes­se­re Zukunft.

 

Europa macht die Schotten dicht

 

Claus Leggewie - Anti-Europäer (Suhrkamp, 2016)

Claus Leg­ge­wie — Anti-Euro­pä­er (Suhr­kamp, 2016)

Diesen Vor­marsch skiz­ziert Claus Leg­ge­wie in sei­nem Buch Anti-Euro­pä­er in den Por­träts drei­er für ihn exem­pla­ri­schen Figu­ren, die einen »tota­li­tä­ren« Kampf gegen das »demo­kra­ti­sche« Euro­pa füh­ren. Prot­ago­nist der »Iden­ti­tä­ren« ist der nor­we­gi­sche Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Men­schen aus Hass auf den Islam und »Kul­tur­mar­xis­mus« töte­te. Der »Eura­sier« Alex­an­der Dugin rekur­riert auf das alte sla­wi­sche »Anti­west­ler­tum« und bewegt sich im Umkreis der auto­ri­tä­ren »Puti­nis­ten«, wäh­rend Abu Mus­ab al-Suri als phi­lo­so­phisch ver­bräm­ter Stich­wort­ge­ber der »Dschi­ha­dis­ten« agiert. Leg­ge­wie möch­te eine »Kri­tik der exter­mi­nis­ti­schen Unver­nunft«31 und »ein Stück Geg­ner­for­schung« lie­fern, Spu­ren der Tra­di­tio­nen der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« und des »völ­kisch-auto­ri­tä­ren Natio­na­lis­mus« in neu­en For­ma­tio­nen der »Iden­ti­tä­ren«, »Rechts­po­pu­lis­ten« und »Isla­mis­ten« offen­le­gen, doch ver­hed­dert er sich oft in Abschwei­fun­gen, die sich von Ernst Jün­ger und Adolf Hit­ler bis zu den Reprä­sen­tan­ten des Auto­ri­ta­ris­mus wie Jaros­law Kac­zyn­ski und Recep Tay­y­ip Erdo­gan erstre­cken, wäh­rend er gegen­über Euro­pa eine voll­kom­me­ne unkri­ti­sche Hal­tung ein­nimmt. Stän­dig hebt er die Libe­ra­li­tät, Welt­of­fen­heit und Tole­ranz Euro­pas her­vor, ohne jemals den euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus der Ver­gan­gen­heit in Rech­nung zu stel­len.32

Zudem argu­men­tiert Leg­ge­wie kaum poli­tisch, son­dern gei­ßelt eine poli­ti­sche Figur wie Donald Trump aus der Posi­ti­on eines bür­ger­li­chen Hoch­schul­pro­fes­sors nase­rümp­fend als »ver­krach­te Exis­tenz«33, ohne die gesell­schafts­po­li­ti­schen Fak­to­ren zu ana­ly­sie­ren, die Trumps Auf­stieg seit den 1980er Jah­ren begüns­tig­ten. Wie Mül­ler hat auch Leg­ge­wie den ideo­lo­gi­schen Raum des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus des »Kal­ten Krie­ges« nicht ver­las­sen. Über Kapi­ta­lis­mus und Faschis­mus fin­den sich in Leg­ge­wies »Geg­ner­for­schung« kei­ne Ansät­ze. Statt­des­sen wabert durch das Buch eine unkri­ti­sche »Euro­pa-Ido­la­trie«34 (wie Lothar Bai­er die­ses Phä­no­men bereits in den 1980er Jah­ren bezeich­ne­te), in der zum wie­der­hol­ten Mal das »fal­sche Bewusst­sein« sei­ne aka­de­mi­schen Urstän­de fei­ert. Die Erzäh­lun­gen über Angst, Nie­der­gang und Unter­wer­fung müs­se Euro­pa »Nar­ra­ti­ve der Hoff­nung und der Zivil­cou­ra­ge ent­ge­gen­set­zen«, schließt Leg­ge­wie wie ein alt­ba­cke­ner Pro­fes­sor aus der Zeit, als man den Muff unter den Tala­ren mehr als deut­lich wahr­nahm. Zwar mahnt Leg­ge­wie »Zivil­cou­ra­ge« an35, ver­mag jedoch nicht die gerings­te Kri­tik im Sin­ne der Huma­ni­tät vor­zu­brin­gen, da »Euro­pa die Schot­ten dicht macht«36 (wie Lothar Bai­er die euro­päi­sche Abschot­tung gegen Migran­ten beschrieb). So setzt sich die Ver­lo­gen­heit der »libe­ra­len, welt­of­fe­nen und tole­ran­ten Euro­pä­er«, als deren Sprach­rohr Leg­ge­wie fun­giert, wei­ter fort.

Über dem »Reich des Kon­for­mis­mus« weht nicht lus­tig der »bun­te Wim­pel des Zwei­fels«37, wie Lothar Bai­er in den spä­ten 1980er Jah­ren schrieb, als vie­le Men­schen aus »Mit­tel­eu­ro­pa« den vagen Ver­spre­chen einer uni­ver­sa­len Demo­kra­tie zu fol­gen schie­nen. Mitt­ler­wei­le möch­te die Majo­ri­tät der Mit­tel­eu­ro­pä­er die Frei­zü­gig­keit des NATO-Euro­pas für sich rekla­mie­ren, wäh­rend die Abschot­tung gegen den Süden mili­tä­risch voll­zo­gen wer­den soll. Bevor die ost­eu­ro­päi­schen Gren­zen in den Jah­ren 1989/90 fie­len, hat­te der alge­ri­sche Schrift­stel­ler Rachid Boud­je­dra noch an sei­ne euro­päi­schen Kol­le­gen appel­liert, dass dem »euro­päi­schen Traum« zunächst ein »euro­päi­sches Scham­ge­fühl« vor­an­ge­hen müss­te.38 An sol­che kri­ti­schen Ein­sich­ten, die Spu­ren der Dia­lek­tik von Herr­schaft und Oppo­si­ti­on ent­hal­ten, möch­te jedoch drei­ßig Jah­re spä­ter nie­mand mehr erin­nert wer­den. »Was wird die Euro­pa-Ido­la­trie von Intel­lek­tu­el­len nüt­zen, falls sich […] auf­tre­ten­de sozia­le Span­nun­gen natio­na­lis­tisch ent­la­den?«, frag­te Bai­er.39 Das Resul­tat ist gegen­wär­tig zu begut­ach­ten.

 


Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Zyg­munt Bau­man.
Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che.
Über­setzt von Micha­el Bisch­off.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
125 Sei­ten, 12 Euro.

Oli­ver Nacht­w­ey.
Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
264 Sei­ten, 18 Euro.

Vol­ker Weiß.
Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des.
Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017.
304 Sei­ten, 20 Euro.

Jan-Wer­ner Mül­ler.
Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
160 Sei­ten, 15 Euro.

Claus Leg­ge­wie.
Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
175 Sei­ten, 15 Euro.

© Jörg Auberg 2017

Szen

Bildquellen


Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955) — Archiv des Autors

Cover: Zyg­munt Bau­mann: Die Angst vor den ande­ren — Suhr­kamp

Cover: Oli­ver Nacht­w­ey: Die Abstiegs­ge­sell­schaft — Suhr­kamp

Cover: Vol­ker Weiß: Die auto­ri­tä­re Revol­te — Klett-Cot­ta

Cover: Jan-Wer­ner Mül­ler: Was ist Popu­lis­mus? — Suhr­kamp

Cover: Claus Leg­ge­wie: Anti-Euro­pä­er — Suhr­kamp

Sze­nen­fo­to: Der letz­te MannKino.de

Ber­na­di­en Stern­heim: Roll­trapWiki­me­dia Com­mons

 

 

Nachweise

  1. Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 273
  2. Theo­dor W. Ador­no, Sozio­lo­gi­sche Schrif­ten I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1979), S. 114–116
  3. Zyg­munt Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che, übers. Micha­el Bisch­off (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 49
  4. Imma­nu­el Kant, Zum ewi­gen Frie­den (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), S. 30
  5. Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren, S. 106–107
  6. Franz Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te: Essays in Poli­ti­cal and Legal Theo­ry (Glen­coe: The Free Press, 1957), S. 293
  7. Oswald Speng­ler, Der Unter­gang des Abend­lan­des: Umris­se einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te (Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch­buch Ver­lag, 1972), S. 681
  8. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 64
  9. Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te, S. 287
  10. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 71
  11. Oli­ver Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 71
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 59
  13. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 82–108. Die »liber­tä­re« Inter­pre­ta­ti­on des »Geis­tes von 1968« fin­det sich bei­spiels­wei­se in Tho­mas Schmid, »Die Wirk­lich­keit eines Traums: Ver­such über die Gren­zen des auto­po­ie­ti­schen Ver­mö­gens mei­ner Gene­ra­ti­on«, in: Die Früch­te der Revol­te: Über die Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Kul­tur durch die Stu­den­ten­be­we­gung (Ber­lin: Wagen­bach, 1988), S. 7–33. Zur Kri­tik cf. Jörg Auberg, »Die Illu­si­on fährt mit der Stra­ßen­bahn: Intel­lek­tu­el­le Meta­mor­pho­sen«, Die Akti­on, Nr. 58–59 (Novem­ber 1989), S. 907–909
  14. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 165
  15. Der Begriff »Soc­Speak« wur­de erst­mals vom Lite­ra­tur­kri­ti­ker Mal­colm Cow­ley 1956 ver­wen­det und beschreibt den Jar­gon der Gesell­schafts­tech­ni­ker, die offi­zi­ell als Sozio­lo­gen bezeich­net wer­den. Cf. C. Wright Mills, The Socio­lo­gi­cal Ima­gi­na­ti­on (1959; rpt. New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2000), S. 217
  16. Nacht­w­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 232–233
  17. Lewis Mum­ford, Her­man Mel­vil­le: A Stu­dy of His Life and Visi­on (1929; rpt. New York: Har­court Brace, 1962), S. 163; Her­man Mel­vil­le, Bil­ly Budd, Bart­le­by, and Other Sto­ries, hg, Peter Coviel­lo (New York: Pen­gu­in, 2016), S. 26
  18. Im Esse­ner Nor­den hol­te die AfD 20 Pro­zent der Wahler­stim­men, https://www.derwesten.de/staedte/essen/afd-holt-ueber-20-prozent-der-stimmen-im-essener-norden-id210573525.html. Zur grund­sätz­li­chen Pro­ble­ma­tik cf. Frank Bajohr und Die­ter Pohl, Mas­sen­mord und schlech­tes Gewis­sen: Die deut­sche Bevöl­ke­rung, die NS-Füh­rung und der Holo­caust (Frankfurt/Main: Fischer, 2008); Ste­phan Hebel, »Mer­kel: Die Geburts­hel­fe­rin der AfD«, Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik, 62:8 (August 2017):81–88
  19. So wur­de bei­spiels­wei­se Frank Böckel­mann in der Frank­fur­ter Inter­net-Kul­tur­zeit­schrift Faust Kul­tur als der gro­ße »Ent­lar­ver« von Phan­tas­men von Pri­vat­heit und Macht hofiert: http://faustkultur.de/index.php?article_id=1893&clang=0
  20. Cf. Anto­nio Gram­sci, »Die Her­aus­bil­dung des Intel­lek­tu­el­len«, in: Gram­sci, Mar­xis­mus und Kul­tur, hg. und übers. Sabi­ne Kebir (Ham­burg: VSA-Ver­lag, 1983), S. 56–72; Todd Git­lin, The Who­le World is Watching: Mass Media in the Making and Unma­king of the New Left (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1980), S. 9–10, 252–258. In der Ver­gan­gen­heit ist Gram­sci immer wie­der von Rechts­ex­tre­men von Alain de Benoist bis zu Ste­ve Ban­non miss­braucht wor­den: cf. Ste­fa­nie Pre­zio­so, »Anto­nio Gram­sci: From War to Revo­lu­ti­on«, New Poli­tics, XVI:3, Nr. 63 (Som­mer 2017), http://newpol.org/content/antonio-gramsci-war-revolution
  21. Cf. McKen­zie Wark, The Beach Bene­ath the Street: The Ever­y­day Life and Glo­rious Times of the Situa­tio­nist Inter­na­tio­nal (Lon­don: Ver­so, 2011), S. 37–38
  22. Robert Michels, Mas­se, Füh­rer, Intel­lek­tu­el­le: Poli­tisch-sozio­lo­gi­sche Auf­sät­ze, 1906–1933 (Frankfurt/Main: Cam­pus, 1987), S. 183
  23. Vol­ker Weiß, Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des (Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017), S. 265
  24. John Bel­l­a­my Fos­ter, »This is not Popu­lism«, Mon­th­ly Review, 69:2 (Juni 2017), S. 1
  25. Cf. Micha­el Kazin, Ame­ri­can Drea­mers: How the Left Chan­ged a Nati­on (New York: Alfred A. Knopf, 2011). In sei­ner Geschich­te der US-ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten­be­we­gung SDS (New York: Ran­dom Hou­se, 1973) beton­te Kirk­pa­trick Sale den Ein­fluss der popu­lis­ti­schen Narod­niks.
  26. Jan-Wer­ner Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 69
  27. Hans-Jür­gen Krahl, »Zur Geschichts­phi­lo­so­phie des auto­ri­tä­ren Staa­tes« (1968), in: Krahl, Kon­sti­tu­ti­on und Klas­sen­kampf: Zur his­to­ri­schen Dia­lek­tik von bür­ger­li­cher Eman­zi­pa­ti­on und pro­le­ta­ri­scher Revo­lu­ti­on, hg. Det­lev Claus­sen et al. (Frankfurt/Main: Ver­lag Neue Kri­tik, 1971), S. 224
  28. Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus?, S. 28
  29. Cf. Timo­thy W. Luke, »Sear­ching for Alter­na­ti­ve Moder­nities: Popu­lism and Eco­lo­gy«, in: Luke, Capi­ta­lism, Demo­cra­cy, and Eco­lo­gy: Depar­ting From Marx (Urba­na: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 1999), S. 217–249
  30. Dani­el Stein­metz-Jenk­ins, »The Logic of Popu­lism«, Dis­sent, 64:2, Nr. 267 (Früh­jahr 2017), Kind­le-Aus­ga­be
  31. Claus Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co. (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 141
  32. Cf. Wolf­gang Rein­hard, Die Unter­wer­fung der Welt: Glo­bal­ge­schich­te der euro­päi­schen Expan­si­on 1415–2015 (Mün­chen: C. H. Beck, 2016)
  33. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 144
  34. Lothar Bai­er, Zei­chen und Wun­der: Kri­ti­ken und Essays (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 1988), S. 187
  35. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 149
  36. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 179
  37. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 187
  38. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 186
  39. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 188

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