Aufs Schlimmste zu

A

Rückfall in die Barbarei

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Zygmunt Baumann, Oliver Nachtwey, Volker Weiß, Jan-Werner Müller und Claus Leggewie beleuchten verschiedene Aspekte der autoritären und populistischen Tendenzen in Europa.

 

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von Jörg Auberg

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Braun kehrt zurück

 

Mischa Auer in Arkadin (Orson Welles, 1955)
Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955)

Aus den Kloa­ken der Zeit keh­ren die kopf­lo­sen mod­ri­gen Kadet­ten der exter­mi­nis­ti­schen Destruk­ti­on in die Gegen­wart zurück. Da ihnen in der Ver­gan­gen­heit die tota­le Zer­stö­rung nicht gelang, star­ten die unto­ten Wie­der­gän­ger einen neu­er­li­chen Ver­such, die Welt ins ver­we­sen­de Mias­ma des natio­na­lis­ti­schen und völ­ki­schen Grau­ens zu zer­ren. Zur Höl­le wird die Geschich­te, schrieb Ador­no in sei­nen »Auf­zeich­nun­gen zu Kaf­ka«, »weil das Ret­ten­de ver­säumt ward«, und die­se Höl­le hat­te das »spä­te Bür­ger­tum« selbst eröff­net.1

Stets neh­men sich die schein­bar Zukurz­ge­kom­me­nen in ihrer gesell­schaft­li­chen Ohn­macht als Opfer ver­schwö­re­ri­scher, dämo­ni­scher Kräf­te wahr, die jedoch aus­schließ­lich auf einer pathi­schen Pro­jek­ti­on beru­hen. An den rea­len Ver­hält­nis­sen sind immer »die ande­ren« schuld – nie sie selbst. Als Urhe­ber des Unbills, den sie erle­ben (aber nicht erfah­ren), suchen sie Sün­den­bö­cke unter­schied­li­cher Her­kunft und Cou­leur aus, die zum Ziel­punkt ihres kol­lek­ti­ven Nar­ziss­mus und schließ­lich ihrer Para­noia wer­den. Im von Res­sen­ti­ments auf­ge­la­de­nen Zerr­bild eines amor­phen Fein­des lebt die umfas­sen­de Herr­schaft fort, das die »Wut­bür­ger« anzu­grei­fen vor­ge­ben. Zu einer kri­ti­schen Selbst­re­fle­xi­on, die auch eine Ein­sicht in die eige­ne Ver­stri­ckung in die rea­len Ver­hält­nis­se ein­schlös­se, sind sie zu kei­nem Zeit­punkt fähig. Statt­des­sen tri­um­phiert das (im Wort­sinn) »schlag­fer­ti­ge« Kol­lek­tiv der all­sei­ti­gen Bescheid- und Bes­ser­wis­ser mit sei­ner brül­len­den Spra­che der Ein­ge­sperr­ten, denen geschicht­li­che Erfah­rung fremd ist.2

 

Die Angst vor den Anderen

 

Der Auf­schwung der reak­tio­nä­ren Ten­den­zen in Euro­pa hat­te sei­ne Ursa­che unter ande­rem in der mas­sen­haf­ten Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus »geschei­ter­ten Staa­ten« im ara­bi­schen und afri­ka­ni­schen Raum in Fol­ge der ver­schie­de­nen Spiel­ar­ten der Macht­po­li­tik und des Ter­ro­ris­mus nach den Ereig­nis­sen des 11. Sep­tem­ber 2001. Die Auf­stän­de gegen auto­kra­ti­sche Macht­ha­ber in die­sen Staa­ten führ­ten nicht wie erhofft zu einer demo­kra­ti­schen Neu­ord­nung, son­dern hat­ten uner­bitt­li­che Krie­ge zwi­schen den ver­fein­de­ten Rackets in den jewei­li­gen Regio­nen zur Fol­ge, unter denen vor allem die Zivil­be­völ­ke­run­gen zu lei­den hat­ten.

 

Zygmunt Baumann - Die Angst vor den anderen (Suhrkamp, 2016)
Zyg­munt Bau­mann — Die Angst vor den ande­ren (Suhr­kamp, 2016)

In Euro­pa gal­ten die Flücht­lin­ge, die ihre blo­ße Exis­tenz über das Mit­tel­meer ret­ten konn­ten, als »Boten des Unglücks«, wie Zyg­munt Bau­mann in sei­nem letz­ten Buch Die Angst vor den ande­ren in Anleh­nung an Ber­tolt Brecht schrieb. Die Mas­se der Flücht­lin­ge rief bei den Euro­pä­ern in ihrer Mehr­heit eine dif­fu­se Angst her­vor, da sie sich von den Neu­an­kömm­lin­gen in der Sicher­heit ihrer Exis­tenz bedroht fühl­ten. In Zei­ten glo­ba­ler Pro­zes­se flüch­te­te sich die Majo­ri­tät der Euro­pä­er in rea­li­täts­fer­ne und reak­tio­nä­re Patent­lö­sun­gen wie Abschot­tung oder Abschie­bung: Die Vor­tei­le eines glo­ba­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus woll­ten sie genie­ßen, wäh­rend die nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen ande­re auf ihren Schul­tern tra­gen soll­ten. Gegen das »Gespenst des star­ken Man­nes (oder der star­ken Frau)«3 und ihrer Gefolg­schaf­ten insis­tiert Bau­mann auf das auf­klä­re­ri­sche euro­päi­sche Erbe und ruft Imma­nu­el Kants Arti­kel des »Welt­bür­ger­rechts« in Erin­ne­rung. Nie­mand habe mehr Recht als der ande­re, an einem Ort der Erde zu sein. Es sei kein Gast‑, son­dern ein Besuchs­recht, ein Akt der Hos­pi­ta­li­tät.

»Unbe­wohn­ba­re Tei­le die­ser Ober­flä­che, das Meer und die Sand­wüs­ten, tren­nen die­se Gemein­schaft, doch so, daß das Schiff, oder das Kamel (das Schiff der Wüs­te) es mög­lich machen, über die­se her­ren­lo­sen Gegen­den sich ein­an­der zu nähern, und das Recht der Ober­flä­che, wel­ches der Men­schen­gat­tung gemein­schaft­lich zukommt, zu einem mög­li­chen Ver­kehr zu benut­zen.«4

Wäh­rend sich die »wach­sen­de Zahl mora­lisch blin­der und tum­ber Internau­ten«5 mit ihren win­zi­gen Digi­tal­schif­fen in Form von Smart­pho­ne und Tablet in den digi­ta­len Unter­grund »vira­ler« Gesell­schaf­ten zurück­zieht, staut sich an der äuße­ren Rea­li­tät der Ober­flä­che der Hass aufs Frem­de auf. Aus­ge­schlos­sen ist dabei jedoch nicht, dass auch die »Frem­den« den Hass aus ihrer »Hei­mat« impor­tie­ren.

 

Vor dem Untergang

 

Die Ankunft der »Frem­den«, die über das Mit­tel­meer ins Inne­re Euro­pas kamen, emp­fan­den die ohne­hin dem poli­ti­schen Pro­jekt Euro­pas der Ver­gan­gen­heit ent­frem­de­ten Ange­hö­ri­gen der »Mit­tel­schich­ten« und des Pre­ka­ri­ats als Bedro­hung der eige­nen Exis­tenz. Ähn­lich wie im 19. Jahr­hun­dert, als sich die »Alt­ein­ge­ses­se­nen« in den USA gegen die Zuwan­de­rung von Immi­gran­ten aus Irland und Deutsch­land mit Ver­schwö­rungs­theo­rien auf die gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen reagier­ten und sich im nati­vis­ti­schen Bund der »Know Not­hings« orga­ni­sier­ten, for­mier­ten sich im Zuge der »Flücht­lings­kri­se« in Euro­pa reak­tio­nä­re Orga­ni­sa­tio­nen, die sich aus einer »neu­ro­ti­schen Ver­fol­gungs­angst« (wie Franz Neu­mann das Phä­no­men 1954 in einem Vor­trag an der Frei­en Uni­ver­si­tät Ber­lin nann­te) an auto­ri­tä­re Tra­di­tio­nen der Ver­gan­gen­heit hef­te­ten. »Die­se cäsa­ris­ti­sche Iden­ti­fi­ka­ti­on ist stets regres­siv – sowohl his­to­risch als auch psy­cho­lo­gisch«6, kon­sta­tier­te Neu­mann.

 

Emil Jannings in Der letzte Mann (Friedrich Wilhelm Murnau, 1924)
Emil Jan­nings in Der letz­te Mann (Fried­rich Wil­helm Mur­nau, 1924)

Wie schon in F. W. Mur­n­aus klas­si­schem Abstiegs­dra­ma Der letz­te Mann (1924), in dem der uni­for­mier­te Hotel­por­tier mit­leid­los zum Toi­let­ten­wär­ter degra­diert wird, voll­zieht sich der Ver­lust des sozia­len Sta­tus ohne Begrei­fen, wel­che gesell­schaft­li­chen oder öko­no­mi­schen Pro­zes­se für die­sen Abstieg ver­ant­wort­lich sind. Statt­des­sen führt die »poli­ti­sche Ent­frem­dung« ent­we­der zur ent­wer­te­ten Selbst­auf­ga­be und voll­kom­me­nen Lethar­gie oder zur »Auf­lö­sung« in regres­si­ven »Mas­sen­be­we­gun­gen«, deren Ziel in der apo­ka­lyp­ti­schen Exter­mi­na­ti­on des »Frem­den« und des »Ande­ren« liegt. In neo­fa­schis­ti­schen Samm­lungs­be­we­gun­gen wie Pegi­da in Dres­den und deren zahl­rei­chen Able­gern in ande­ren deut­schen Städ­ten arti­ku­lie­ren sich Rackets aus den Resi­du­en bar­ba­ri­scher Volks­stäm­me, die ihren Res­sen­ti­ments gegen die Moder­ne mit ihren Kon­zep­tio­nen der Urba­ni­tät, der Frei­heit und der Auto­no­mie frei­en Lauf las­sen.

Je weni­ger die Pegi­da-Mar­schie­rer von den zivi­li­sa­to­ri­schen Errun­gen­schaf­ten des Abend­lan­des begrei­fen, umso laut­star­ker beschwö­ren sie auf ihren Kund­ge­bun­gen des­sen Unter­gang. Dif­fus rekur­rie­ren sie auf den prä­na­zis­ti­schen Best­sel­ler Der Unter­gang des Abend­lan­des (1922), in dem Oswald Speng­ler, aus den dunk­len Ter­ri­to­ri­en des Ost­har­zes rund um Blan­ken­burg kom­mend, über die Bedro­hung des »kul­tur­fä­hi­gen Men­schen­tums« schwa­dro­nier­te und vor dem Her­ab­sin­ken zum »Typus des Fel­la­chen« warn­te. »Nur das pri­mi­ti­ve Blut bleibt zuletzt übrig«, schwan­te ihm, »aber sei­ner star­ken und zukunft­rei­chen Ele­men­te beraubt.«7 Eine Ana­ly­se rea­ler Ver­hält­nis­se fin­det bei Speng­ler nicht statt: Statt­des­sen ergeht er sich im dunk­len Rau­nen über den zivi­li­sa­to­ri­schen Ver­fall. »In der gigan­ti­schen und destruk­ti­ven Wahr­sa­ge­rei tri­um­phiert der Klein­bür­ger«8, urteil­te Ador­no über die »Geschichts­phi­lo­so­phie« Speng­lers.

»Das Deutsch­land von 1930 bis 1933 war das Land der Ent­frem­dung und Angst

– Franz Neu­mann9

Das Gegen­mit­tel gegen die »fake phi­lo­so­phy« ist jedoch nicht ein nai­ver Rekurs auf die euro­päi­sche Kul­tur oder ein »Auf­stand der Anstän­di­gen« (in dem sich die hypo­kri­ti­schen Nutz­nie­ßer der schlech­ten Ver­hält­nis­se selbst Abso­lu­ti­on ertei­len), son­dern die kri­ti­sche Refle­xi­on der Kul­tur, in die sich auch die Bar­ba­rei ein­ge­gra­ben hat.

»Gegen den Unter­gang des Abend­lan­des steht nicht die auf­er­stan­de­ne Kul­tur son­dern die Uto­pie, die im Bil­de der unter­ge­hen­den wort­los fra­gend geschlos­sen liegt.«

– Theo­dor W. Ador­no10

 

Die Abstiegsgesellschaft

 

Oliver Nachtwey - Die Abstiegsgesellschaft (Suhrkamp, 2016)
Oli­ver Nachtw­ey - Die Abstiegs­ge­sell­schaft (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Buch Die Abstiegs­ge­sell­schaft ana­ly­siert der Sozio­lo­ge Oli­ver Nachtw­ey die nega­ti­ven gesell­schaft­li­chen Aus­wir­kun­gen der sozia­len Moder­ni­sie­rung in den letz­ten vier­zig Jah­ren. »Die Moder­ne wird häu­fig gleich­ge­setzt mit Demo­kra­tie«, ruft Nachtw­ey gän­gi­ge Wahr­neh­mungs­mus­ter vor allem von Ange­hö­ri­gen einer auf­stiegs­ori­en­tier­ten Mit­tel­schicht in der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Nach­kriegs­ge­sell­schaft in Erin­ne­rung, »sie steht für Ver­nunft und Auf­klä­rung, für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung von Frei­heit, Auto­no­mie und Men­schen­rech­ten.«11 Rea­li­ter habe sich in der alten Bun­des­re­pu­blik jedoch nicht die Klas­sen­ge­sell­schaft auf­ge­löst; viel­mehr wirk­ten deren Struk­tu­ren unter­ir­disch fort. Der Moder­ni­sie­rung sei das Moment der Regres­si­on ein­ge­gra­ben, insis­tiert Nachtw­ey in der Tra­di­ti­on der Kri­ti­schen Theo­rie.

»Der Fluch des unauf­halt­sa­men Fort­schritts ist die unauf­halt­sa­me Regres­si­on.«

– Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no12

Im Zuge der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats seit den 1970er Jah­ren wur­de immer mehr Las­ten der sozia­len Absi­che­rung der Bür­ger und Bür­ge­rin­nen von staat­li­chen Wohl­fahrts­in­sti­tu­tio­nen auf die Schul­tern der Indi­vi­du­en gelegt. So liegt es in der »Eigen­ver­ant­wor­tung« des Ein­zel­nen, das Kapi­tal für sei­ne Alters­vor­sor­ge zu hor­ten. In der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wird jeder Bür­ger in die Kom­pli­zen­schaft mit dem herr­schen­den Sys­tem der kapi­ta­lis­ti­schen Ord­nung gezwun­gen, die Nachtw­ey als der Erbe der »Künst­ler­kri­tik« der Revol­te von 1968 sieht. Deren von einem antieta­tis­ti­schen Impe­tus bestimm­ten Akzen­tu­ie­rung von Auto­no­mie, Selbst­be­stim­mung und Eigen­ver­ant­wor­tung habe letzt­lich zu einem Rück­zug staat­li­cher Orga­ne aus der sozia­len Ver­ant­wor­tung bei­getra­gen. Die­se »Künst­ler­kri­tik« (wie Nachtw­ey die »liber­tä­re« Staats­kri­tik aus dem »Geist von 1968« nennt) leis­te­te der »Moder­ni­sie­rung« des Sozi­al­staats Vor­schub, in deren Ver­lauf die »sozia­len Bür­ger­rech­te« redu­ziert wur­den, wäh­rend sich ein »auto­ri­tär grun­dier­ter Libe­ra­lis­mus« durch­setz­te.13

 

Bernadien Sternheim - Roltrap
Ber­na­di­en Stern­heim — Rol­trap

5iese Ent­wick­lung ver­sucht Nachtw­ey im Bild der »Roll­trep­pe nach unten« zu fas­sen. Im stets wach­sen­den Kon­for­mi­täts­druck sehen sich vie­le Arbei­ter­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer gezwun­gen, über strom­li­ni­en­för­mi­ge Anpas­sung an die »Agi­li­tät« schein­bar effi­zi­en­ter Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se, Mehr- und Leih­ar­beit, Mobi­li­tät und stän­di­ge Ver­füg­bar­keit den eige­nen Abstieg zu ver­hin­dern, obgleich sie in den Strom einer »imm4bilen Abwärts­mo­bi­li­tät« bereits gefan­gen sind.

»In der Abstiegs­ge­sell­schaft sehen sich vie­le Men­schen dau­er­haft auf einer nach unten fah­ren­den Roll­trep­pe. Sie müs­sen nach oben lau­fen, um ihre Posi­ti­on über­haupt hal­ten zu kön­nen.«14

Im Pro­zess des eige­nen Abstiegs rich­tet sich die Wut der Abge­stie­ge­nen nicht gegen die Ver­ant­wort­li­chen des Sys­tems, son­dern gegen jene, die ins Land strö­men und den Alt­ein­ge­ses­se­nen Woh­nung, Arbeit und Brot strei­tig machen. Die Gewalt der Abge­stie­ge­nen rich­tet sich gegen noch Schwä­che­re und fin­det sei­ne Kana­li­sa­ti­on in auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen, die letzt­lich auch bei jenen Reso­nanz fin­den, die sich als »links« ver­ste­hen, ohne dies inhalt­lich fül­len zu kön­nen. Als Ziel für den Aus­weg aus der Sack­gas­se emp­fiehlt Nachtw­ey eine »soli­da­ri­sche Moder­ne«, wobei die­ser Ter­mi­nus eine lee­re Flos­kel bleibt. Ohne­hin wabern durch Nachtw­eys vom »Soc­Speak«15 durch­tränk­ten Text Begrif­fe wie »melan­cho­li­sche Retro­nor­ma­ti­vi­tät« oder »Kri­se der lin­ken Ima­gi­na­ti­on«, die letzt­lich nur Par­ti­kel eines bedeu­tungs­schwan­ge­ren Jar­gons sind, ohne dass sie hilf­reich für eine kri­ti­sche Bestands­auf­nah­me der aktu­el­len Zustän­de wären.16

Nachtw­eys Begriff der »Abstiegs­ge­sell­schaft« redu­ziert sich auf eine »deutsch-natio­na­le« Per­spek­ti­ve, als hät­te in den ver­gan­ge­nen fünf­zig Jah­ren kei­ne Migra­ti­on statt­ge­fun­den. In der Erzäh­lung des Autors sind die »Arbeit­neh­mer« vor­nehm­lich deut­scher Pro­ve­ni­enz stets schon Opfer – der jeweils herr­schen­den Ver­hält­nis­se, der »Eli­ten«, der »Revol­teu­re« von einst, des Neo­li­be­ra­lis­mus. In die »Kom­pli­zi­tät« mit den vor­wal­ten­den Herr­schafts­struk­tu­ren schei­nen sie schuld­los her­ein­ge­zo­gen wor­den zu sein, und eben­so schuld­los lau­fen sie den »Rat­ten­fän­gern« der auto­ri­tä­ren Strö­mun­gen in die Fal­le. Inwie­fern die­se Akteu­re, die immer nur ande­re als Sün­den­bö­cke für ihre miss­li­che Lage ver­ant­wort­lich machen, als Prot­ago­nis­ten für die Eta­blie­rung einer »soli­da­ri­schen Moder­ne« intel­lek­tu­ell und poli­tisch fähig sein sol­len, bleibt ein Rät­sel. Rea­li­ter sind sie nicht Opfer, son­dern Mit­tä­ter. Schon bei der neo­li­be­ra­len Ein­rich­tung der Gesell­schaft wäre es mög­lich gewe­sen, wie Her­man Mel­vil­les Bart­le­by mit – wie Lewis Mum­ford es nann­te – »pas­si­vem Wider­stand« zu reagie­ren: »I would pre­fer not to«.17 Statt­des­sen ver­such­ten sie, mit der »Inter­es­sen­an­pas­sung« in der fal­schen Ein­rich­tung der Gesell­schaft den größt­mög­li­chen Anteil der Beu­te für sich ein­zu­strei­chen. Erst als die­se Stra­te­gie sich als desas­trös erwies, begann der gro­ße Kat­zen­jam­mer. Dass ein gro­ßer Teil des sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Milieus (bei­spiels­wei­se im Ruhr­ge­biet) bei der letz­ten Land­tags­wahl in Nord­rhein-West­fa­len zu Orga­ni­sa­tio­nen auto­ri­tä­rer, anti­de­mo­kra­ti­scher Strö­mun­gen über­lief, geht nicht auf das Kon­to der herr­schen­den Polit-Zir­kel, son­dern ist der feh­len­den Ver­an­ke­rung demo­kra­ti­scher Prin­zi­pi­en in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945 anzu­las­ten.18

 

Die autoritäre Revolte

 

Volker Weiß - Die autoritäre Revolte (Klett-Cotta, 2017)
Vol­ker Weiß — Die auto­ri­tä­re Revol­te (Klett-Cot­ta, 2017)

Die »Nach­hal­tig­keit« auto­ri­tä­rer Mus­ter aus dem Fun­dus der deut­schen Geschich­te beschreibt der His­to­ri­ker Vol­ker Weiß ein­drück­lich in sei­ner prä­gnan­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die Die auto­ri­tä­re Revol­te. Dar­in rekon­stru­iert er kennt­nis- und detail­reich die Geschich­te der »Neu­en Rech­ten« im Schat­ten der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« des Ideo­lo­gen Armin Moh­ler und des »natio­na­len Flü­gels« der »68er«, der von Reprä­sen­tan­ten wie Gün­ter Masch­ke und Frank Böckel­mann, die über ihre rech­ten Zir­kel und Zeit­schrif­ten wie Jun­ge Frei­heit, Sezes­si­on und Tumult hin­aus ihre rech­ten Strah­len in das libe­ral-bür­ger­li­che Spek­trum sen­den, das immer schon für sol­che Signa­le emp­fäng­lich war.19 Akri­bisch arbei­tet Weiß die »Arbeits­for­men« rech­ter Intel­lek­tu­el­ler wie Moh­ler her­aus, die zwar sich nicht scheu­ten, an den Ver­bre­chen der Natio­nal­so­zia­lis­ten an allen Fron­ten im Zwei­ten Welt­krieg teil­zu­neh­men, nach 1945 jedoch sich stets nur als »Opfer« feh­ler­haf­ter Ent­wick­lun­gen sti­li­sier­ten. Abseits des rech­ten Rau­nens und Mur­melns bedien­ten sich Moh­ler und sei­ne Vagan­ten an Anto­nio Gram­scis Theo­rien der »ideo­lo­gi­schen Hege­mo­nie«, die in den 1970er Jah­ren zum »Basis­pa­ket« der lin­ken Kul­tur- und Medi­en­theo­rie gehör­ten.20

In einer »feind­li­chen Über­nah­me«, die an das »Détour­ne­ment« der Situa­tio­nis­ten erin­ner­te21, ent­lehn­ten rechts­ex­tre­me Intel­lek­tu­el­le wie Moh­ler (der als »kon­ser­va­ti­ver« Ein­flüs­te­rer Franz-Josef Strauß als deut­schen de Gaul­le an das poli­ti­sche Wahl­volk ver­kau­fen woll­te) und sei­ne neo­fa­schis­ti­schen Nach­fol­ger wie Götz Kubit­schek oder Björn Höcke lin­ke Schlag­wor­te, ohne ihre inhalt­li­che Grun­die­rung zu über­neh­men. Zu den Ver­diens­ten von Weiß’ Buch gehört unter ande­rem, dass er die Spu­ren aus dem »lin­ken« ins rech­te Milieu ver­folgt, etwa von der »links­ra­di­ka­len« Grup­pe »Sub­er­si­ve Akti­on«, die 1962 in Mün­chen von Die­ter Kun­zel­mann in Anleh­nung an die »Situa­tio­nis­ti­sche Inter­na­tio­na­le« gegrün­det wur­de und zu der unter ande­rem Bernd Rabehl und Frank Böckel­mann gehör­ten, die Jahr­zehn­te spä­ter zu den rechts­na­tio­na­len Stich­wort­ge­bern im intel­lek­tu­el­len Gewand mutier­ten. In rechts­ex­tre­men For­ma­tio­nen wie der »Kon­ser­va­tiv-Sub­ver­si­ven Akti­on« des rechts­in­tel­lek­tu­ell dra­pier­ten neo­fa­schis­ti­schen Akti­vis­ten Götz Kubit­schek, der schein­bar lin­ke Agi­ta­ti­ons- und Pro­pa­gan­da­for­men im Sin­ne einer anti­west­li­chen und anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Ideo­lo­gie adap­tiert und für einen neu­rech­ten Kampf gegen das bestehen­de demo­kra­ti­sche Sys­tem nutzt.

Dar­über hin­aus rekur­rie­ren Kubit­schek und ande­re »Rechts­in­tel­lek­tu­el­le« auf die dif­fu­sen Res­sen­ti­ments der »alt­deut­schen« Mehr­heits­be­völ­ke­rung, die sich von »Frem­den« umla­gert und bedroht füh­len, wobei das »Frem­de« einer­seits auf den »ame­ri­ka­ni­schen Kul­tur­im­pe­ria­lis­mus« und ande­rer­seits auf die »Migran­ten« aus den süd­li­chen Regio­nen pro­ji­ziert wird. Zum einen ver­weh­ren den »wah­ren Deut­schen« die Pro­fi­teu­re der ame­ri­ka­nisch domi­nier­ten Kul­tur­in­dus­trie das Aus­le­ben ihrer deut­schen Iden­ti­tät; zum ande­ren füh­len sie sich von »Ali­ens« mus­li­mi­scher Her­kunft heim­ge­sucht, die ihnen das Leben per­ma­nent schwer machen. Die Lösung für die von sozia­lem Abstieg und dem Ver­lust einer natio­na­len Iden­ti­tät besteht nicht – wie von den »popu­lis­ti­schen« Speer­spit­zen der »Wut­bür­ger« behaup­tet – in der Resur­rek­ti­on einer »direk­ten Demo­kra­tie«, son­dern in einer auto­ri­tä­ren Herr­schafts­form, in der es kla­re Unter­schei­dun­gen zwi­schen Füh­rer, Mas­se und Intel­lek­tu­el­len gibt, wie sie der von der deut­schen Sozi­al­de­mo­kra­tie zum ita­lie­ni­schen Faschis­mus gewech­sel­te Sozio­lo­ge Robert Michels beschrieb. Wäh­rend im demo­kra­ti­schen Sys­tem jede Unzu­läng­lich­keit des ein­zel­nen Funk­tio­närs auf die Rech­nung gestellt wird, über­tra­ge im »cha­ris­ma­ti­schen Füh­rer­tum« die Mas­se »in bewuß­ter Bewun­de­rung und Ver­eh­rung und fast in Form eines selbst­ver­ständ­li­chen, frei­wil­li­gen Opfers ihren Wil­len auf den Füh­rer«22, der sich dank die­ser irra­tio­na­len Akkla­ma­ti­on der »Mas­se« von jeg­li­cher Ver­ant­wort­lich­keit ent­ho­ben füh­len kann.

In sei­ner fun­dier­ten und auf­schluss­rei­chen Stu­die rekon­stru­iert Weiß nicht allein die Geschich­te der »neu­en Rech­ten« in der Bun­des­re­pu­blik nach 1945, son­dern übt auch Kri­tik an den Schwä­chen der lin­ken Aus­ein­an­der­set­zung mit den auto­ri­tä­ren Struk­tu­ren der »deut­schen Tra­di­tio­na­lis­ten« auf der einen und der Migran­ten auf der ande­ren Sei­te, die eben­falls ein nicht zu ver­nach­läs­si­gen­des Gewicht an Vor­ur­tei­len – bei­spiels­wei­se gegen­über Juden, Frau­en und Homo­se­xu­el­len – in ihrem Gepäck mit sich tra­gen. Ein­dring­lich insis­tiert Weiß auf einer »tat­säch­li­chen Auf­klä­rung«, die sich selbst einer per­ma­nen­ten Kri­tik unter­zie­he, denn es sei »kein Natur­ge­setz, dass die Sei­te der Eman­zi­pa­ti­on gewinnt«.23

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Rechtspopulismus oder Neofaschismus?

In der öffent­li­chen Dis­kus­si­on wer­den die Ten­den­zen des Natio­na­lis­mus, Anti­se­mi­tis­mus und Ras­sis­mus, wie sie sich seit den 1980er Jah­ren immer wie­der in unter­schied­li­chen For­ma­tio­nen in Euro­pa arti­ku­lier­ten, mit dem Begriff »Popu­lis­mus« sub­su­miert, der zum einen kaum inhalt­lich grun­diert ist, zum ande­ren die poli­ti­sche Rea­li­tät ver­schlei­ert. Mit Recht insis­tiert John Fos­ter Bel­l­a­my, der Her­aus­ge­ber der tra­di­ti­ons­rei­chen lin­ken Zeit­schrift Mon­th­ly Review, dass der Ter­mi­nus »Rechts­po­pu­lis­mus« einen Euphe­mis­mus dar­stellt, der sich auf Bewe­gun­gen der »faschis­ti­schen Gat­tung« bezie­he, die mit ihren xeno­pho­bi­schen und ultra­na­tio­na­lis­ti­schen Pro­gram­men Anklang vor allem bei Bür­gern aus dem Milieu der unte­ren Mit­tel­schicht (die frü­her unter der Bezeich­nung »Klein­bür­ger« fir­mier­ten) und einer rela­tiv pri­vi­le­gier­ten Arbei­ter­schicht fin­den.24

 

Jan-Werner Müller - Was ist Populismus? (Suhrkamp, 2016)
Jan-Wer­ner Mül­ler — Was ist Popu­lis­mus? (Suhr­kamp, 2016)

In sei­nem Essay Was ist Popu­lis­mus? ver­sucht sich der an der Prince­ton Uni­ver­si­ty leh­ren­de Poli­to­lo­ge Jan-Wer­ner Mül­ler an einer dif­fe­ren­zier­ten Begriffs­be­stim­mung, wobei er die unter­schied­li­chen Wer­tig­kei­ten zwi­schen Euro­pa und den USA betont. Wäh­rend in Nord­ame­ri­ka der popu­lis­ti­sche Impe­tus his­to­risch einer lin­ken Eli­ten­kri­tik von den Sozia­lis­ten bis zur Neu­en Lin­ken in den 1960er Jah­ren ver­pflich­tet war25, ist der Begriff in Euro­pa zumeist reak­tio­när und anti­de­mo­kra­tisch kon­no­tiert. Auch wenn Mül­ler das kri­ti­sche Poten­zi­al des Popu­lis­mus, wie es in frü­he­ren Zei­ten in den USA jen­seits des Faschis­mus sich arti­ku­lier­te, nicht in Abre­de stellt, herrscht doch auch in sei­nem Essay die gän­gi­ge Pro­jek­ti­on des Popu­lis­mus als anti­de­mo­kra­ti­sche Spreng­kraft vor, wie sie im libe­ra­len und neo­kon­ser­va­ti­ven Dis­kurs des Kal­ten Krie­ges von His­to­ri­kern und Poli­to­lo­gen wie Richard Hof­stadter, Dani­el Bell und ande­ren nach­hal­tig ver­tre­ten wur­de. Popu­lis­mus sei nicht allein antie­li­tär, argu­men­tiert Mül­ler, son­dern auch anti­plu­ra­lis­tisch, indem er gegen die »Eli­ten­herr­schaft« einen »Allein­ver­tre­tungs­an­spruch« des »wah­ren Vol­kes« in Stel­lung brin­ge, das sich im »Modus des per­ma­nen­ten Bela­ge­rungs­zu­stan­des« befin­de.26

»Der auto­ri­tä­re Staat ist die kapi­ta­lis­tisch ver­zerr­te Kari­ka­tur des Sozia­lis­mus.«

– Hans-Jür­gen Krahl27

In sei­nem Essay stellt Mül­ler durch­aus inter­es­san­te Fra­gen: Wie soll­te der Umgang mit Popu­lis­ten in einer Demo­kra­tie sein? Die Ant­wort kann nicht ein »auto­ri­tä­rer Staat« mit der Ein­schrän­kung der Mei­nungs- und Ver­samm­lungs­frei­heit sein. Zum ande­ren ist Mül­lers Popu­lis­mus-Begriff selbst sehr ein­ge­schränkt und ver­ein­fa­chend, da er poli­ti­sche Betei­li­gung jen­seits des libe­ral-kon­ser­va­ti­ven Reprä­sen­ta­ti­ons­mo­dells als ille­gi­tim und unde­mo­kra­tisch betrach­tet. »Popu­lis­mus ist eine spe­zi­fi­sche, der moder­nen reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie inhä­ren­te Gefahr«, stellt er kate­go­risch fest.28 Mit die­ser Prä­mis­se wäre auch eine Abkehr von der Atom­in­dus­trie nicht mög­lich gewe­sen. Außer­halb der Insti­tu­tio­nen der »reprä­sen­ta­ti­ven Demo­kra­tie« will Mül­ler kei­ne »legi­ti­men« Äuße­run­gen zulas­sen, wobei im abge­zir­kel­ten aka­de­mi­schen Ter­rain der Prince­ton Uni­ver­si­ty kei­ne poli­ti­schen sozia­len oder öko­lo­gi­schen Pro­ble­me ins Gehe­ge kom­men.29 Zu Recht kri­ti­siert Dani­el Stein­metz-Jenkins in der Zeit­schrift Dis­sent, dass Mül­lers Popu­lis­mus­ver­ständ­nis auf einer Theo­rie des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus fußt, die für einen nicht mehr exis­ten­ten Feind ent­wor­fen wur­de. War­um soll­ten sich abge­ho­be­ne Eli­ten um abge­häng­te Klein­bür­ger und Arbei­ter sche­ren? Und war­um soll­ten sich die »Abge­häng­ten« und »Aus­ge­schlos­se­nen« einem Sys­tem per »demo­kra­ti­scher« Akkla­ma­ti­on unter­ord­nen, das von der »Par­tei von Davos« beherrscht wird, wie Stein­metz-Jenkins die neo­li­be­ra­le Herr­schaft des Finanz­ka­pi­tals umschreibt? In »Zei­ten wie die­sen« sei Mül­lers Bestands­auf­nah­me zu opti­mis­tisch: »Die Demo­kra­tie zer­fällt, und die popu­lis­ti­schen ›Män­ner fürs Gro­be‹ sind auf dem Vor­marsch: Die Geschich­te ist zurück.«30 Und die Geschich­te führt nicht auto­ma­tisch in eine bes­se­re Zukunft.

 

Europa macht die Schotten dicht

 

Claus Leggewie - Anti-Europäer (Suhrkamp, 2016)
Claus Leg­ge­wie — Anti-Euro­pä­er (Suhr­kamp, 2016)

Diesen Vor­marsch skiz­ziert Claus Leg­ge­wie in sei­nem Buch Anti-Euro­pä­er in den Por­träts drei­er für ihn exem­pla­ri­schen Figu­ren, die einen »tota­li­tä­ren« Kampf gegen das »demo­kra­ti­sche« Euro­pa füh­ren. Prot­ago­nist der »Iden­ti­tä­ren« ist der nor­we­gi­sche Mas­sen­mör­der Anders Brei­vik, der 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Men­schen aus Hass auf den Islam und »Kul­turm­ar­xis­mus« töte­te. Der »Eura­sier« Alex­an­der Dugin rekur­riert auf das alte sla­wi­sche »Anti­west­ler­tum« und bewegt sich im Umkreis der auto­ri­tä­ren »Puti­nis­ten«, wäh­rend Abu Mus­ab al-Suri als phi­lo­so­phisch ver­bräm­ter Stich­wort­ge­ber der »Dschi­ha­dis­ten« agiert. Leg­ge­wie möch­te eine »Kri­tik der exter­mi­nis­ti­schen Unver­nunft«31 und »ein Stück Geg­ner­for­schung« lie­fern, Spu­ren der Tra­di­tio­nen der »Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on« und des »völ­kisch-auto­ri­tä­ren Natio­na­lis­mus« in neu­en For­ma­tio­nen der »Iden­ti­tä­ren«, »Rechts­po­pu­lis­ten« und »Isla­mis­ten« offen­le­gen, doch ver­hed­dert er sich oft in Abschwei­fun­gen, die sich von Ernst Jün­ger und Adolf Hit­ler bis zu den Reprä­sen­tan­ten des Auto­ri­ta­ris­mus wie Jaros­law Kac­zyn­ski und Recep Tayy­ip Erdo­gan erstre­cken, wäh­rend er gegen­über Euro­pa eine voll­kom­me­ne unkri­ti­sche Hal­tung ein­nimmt. Stän­dig hebt er die Libe­ra­li­tät, Welt­of­fen­heit und Tole­ranz Euro­pas her­vor, ohne jemals den euro­päi­schen Impe­ria­lis­mus der Ver­gan­gen­heit in Rech­nung zu stel­len.32

Zudem argu­men­tiert Leg­ge­wie kaum poli­tisch, son­dern gei­ßelt eine poli­ti­sche Figur wie Donald Trump aus der Posi­ti­on eines bür­ger­li­chen Hoch­schul­pro­fes­sors nase­rümp­fend als »ver­krach­te Exis­tenz«33, ohne die gesell­schafts­po­li­ti­schen Fak­to­ren zu ana­ly­sie­ren, die Trumps Auf­stieg seit den 1980er Jah­ren begüns­tig­ten. Wie Mül­ler hat auch Leg­ge­wie den ideo­lo­gi­schen Raum des Anti­to­ta­li­ta­ris­mus des »Kal­ten Krie­ges« nicht ver­las­sen. Über Kapi­ta­lis­mus und Faschis­mus fin­den sich in Leg­ge­wies »Geg­ner­for­schung« kei­ne Ansät­ze. Statt­des­sen wabert durch das Buch eine unkri­ti­sche »Euro­pa-Ido­la­trie«34 (wie Lothar Bai­er die­ses Phä­no­men bereits in den 1980er Jah­ren bezeich­ne­te), in der zum wie­der­hol­ten Mal das »fal­sche Bewusst­sein« sei­ne aka­de­mi­schen Urstän­de fei­ert. Die Erzäh­lun­gen über Angst, Nie­der­gang und Unter­wer­fung müs­se Euro­pa »Nar­ra­ti­ve der Hoff­nung und der Zivil­cou­ra­ge ent­ge­gen­set­zen«, schließt Leg­ge­wie wie ein alt­ba­cke­ner Pro­fes­sor aus der Zeit, als man den Muff unter den Tala­ren mehr als deut­lich wahr­nahm. Zwar mahnt Leg­ge­wie »Zivil­cou­ra­ge« an35, ver­mag jedoch nicht die gerings­te Kri­tik im Sin­ne der Huma­ni­tät vor­zu­brin­gen, da »Euro­pa die Schot­ten dicht macht«36 (wie Lothar Bai­er die euro­päi­sche Abschot­tung gegen Migran­ten beschrieb). So setzt sich die Ver­lo­gen­heit der »libe­ra­len, welt­of­fe­nen und tole­ran­ten Euro­pä­er«, als deren Sprach­rohr Leg­ge­wie fun­giert, wei­ter fort.

Über dem »Reich des Kon­for­mis­mus« weht nicht lus­tig der »bun­te Wim­pel des Zwei­fels«37, wie Lothar Bai­er in den spä­ten 1980er Jah­ren schrieb, als vie­le Men­schen aus »Mit­tel­eu­ro­pa« den vagen Ver­spre­chen einer uni­ver­sa­len Demo­kra­tie zu fol­gen schie­nen. Mitt­ler­wei­le möch­te die Majo­ri­tät der Mit­tel­eu­ro­pä­er die Frei­zü­gig­keit des NATO-Euro­pas für sich rekla­mie­ren, wäh­rend die Abschot­tung gegen den Süden mili­tä­risch voll­zo­gen wer­den soll. Bevor die ost­eu­ro­päi­schen Gren­zen in den Jah­ren 1989/90 fie­len, hat­te der alge­ri­sche Schrift­stel­ler Rachid Boud­je­dra noch an sei­ne euro­päi­schen Kol­le­gen appel­liert, dass dem »euro­päi­schen Traum« zunächst ein »euro­päi­sches Scham­ge­fühl« vor­an­ge­hen müss­te.38 An sol­che kri­ti­schen Ein­sich­ten, die Spu­ren der Dia­lek­tik von Herr­schaft und Oppo­si­ti­on ent­hal­ten, möch­te jedoch drei­ßig Jah­re spä­ter nie­mand mehr erin­nert wer­den. »Was wird die Euro­pa-Ido­la­trie von Intel­lek­tu­el­len nüt­zen, falls sich […] auf­tre­ten­de sozia­le Span­nun­gen natio­na­lis­tisch ent­la­den?«, frag­te Bai­er.39 Das Resul­tat ist gegen­wär­tig zu begut­ach­ten.

 

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Biblio­gra­fi­sche Anga­ben:

Zyg­munt Bau­man.
Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che.
Über­setzt von Micha­el Bisch­off.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
125 Sei­ten, 12 Euro.

Oli­ver Nachtw­ey.
Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
264 Sei­ten, 18 Euro.

Vol­ker Weiß.
Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des.
Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017.
304 Sei­ten, 20 Euro.

Jan-Wer­ner Mül­ler.
Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
160 Sei­ten, 15 Euro.

Claus Leg­ge­wie.
Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co.
Ber­lin: Suhr­kamp, 2016.
175 Sei­ten, 15 Euro.

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© Jörg Auberg 2017

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Mischa Auer in Mr. Arka­din (Orson Wel­les, 1955) — Archiv des Autors
Cover: Zyg­munt Bau­mann: Die Angst vor den ande­ren — Suhr­kamp
Cover: Oli­ver Nachtw­ey: Die Abstiegs­ge­sell­schaft — Suhr­kamp
Cover: Vol­ker Weiß: Die auto­ri­tä­re Revol­te — Klett-Cot­ta
Cover: Jan-Wer­ner Mül­ler: Was ist Popu­lis­mus? — Suhr­kamp
Cover: Claus Leg­ge­wie: Anti-Euro­pä­er — Suhr­kamp
Sze­nen­fo­to: Der letz­te MannKino.de
Ber­na­di­en Stern­heim: Roll­trapWiki­me­dia Com­mons
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Nachweise

  1. Theo­dor W. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 2003), S. 273
  2. Theo­dor W. Ador­no, Sozio­lo­gi­sche Schrif­ten I, hg. Rolf Tie­de­mann (Frankfurt/Main: Suhr­kamp, 1979), S. 114–116
  3. Zyg­munt Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren: Ein Essay über Migra­ti­on und Panik­ma­che, übers. Micha­el Bisch­off (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 49
  4. Imma­nu­el Kant, Zum ewi­gen Frie­den (Ber­lin: Suhr­kamp, 2011), S. 30
  5. Bau­mann, Die Angst vor den Ande­ren, S. 106–107
  6. Franz Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te: Essays in Poli­ti­cal and Legal Theo­ry (Glen­coe: The Free Press, 1957), S. 293
  7. Oswald Speng­ler, Der Unter­gang des Abend­lan­des: Umris­se einer Mor­pho­lo­gie der Welt­ge­schich­te (Mün­chen: Deut­scher Taschen­buch­buch Ver­lag, 1972), S. 681
  8. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 64
  9. Neu­mann, The Demo­cra­tic and the Aut­ho­ri­ta­ri­an Sta­te, S. 287
  10. Ador­no, Kul­tur­kri­tik und Gesell­schaft I, S. 71
  11. Oli­ver Nachtw­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft: Über das Auf­be­geh­ren in der regres­si­ven Moder­ne (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 71
  12. Max Hork­hei­mer und Theo­dor W. Ador­no, »Dia­lek­tik der Auf­klä­rung«, in: Hork­hei­mer, Gesam­mel­te Schrif­ten, Band 5, hg. Gun­zelin Schmid Noerr (Frankfurt/Main: Fischer, 1987), S. 59
  13. Nachtw­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 82–108. Die »liber­tä­re« Inter­pre­ta­ti­on des »Geis­tes von 1968« fin­det sich bei­spiels­wei­se in Tho­mas Schmid, »Die Wirk­lich­keit eines Traums: Ver­such über die Gren­zen des auto­poie­ti­schen Ver­mö­gens mei­ner Genera­ti­on«, in: Die Früch­te der Revol­te: Über die Ver­än­de­rung der poli­ti­schen Kul­tur durch die Stu­den­ten­be­we­gung (Ber­lin: Wagen­bach, 1988), S. 7–33. Zur Kri­tik cf. Jörg Auberg, »Die Illu­si­on fährt mit der Stra­ßen­bahn: Intel­lek­tu­el­le Meta­mor­pho­sen«, Die Akti­on, Nr. 58–59 (Novem­ber 1989), S. 907–909
  14. Nachtw­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 165
  15. Der Begriff »Soc­Speak« wur­de erst­mals vom Lite­ra­tur­kri­ti­ker Mal­colm Cow­ley 1956 ver­wen­det und beschreibt den Jar­gon der Gesell­schafts­tech­ni­ker, die offi­zi­ell als Sozio­lo­gen bezeich­net wer­den. Cf. C. Wright Mills, The Socio­lo­gi­cal Ima­gi­na­ti­on (1959; rpt. New York: Oxford Uni­ver­si­ty Press, 2000), S. 217
  16. Nachtw­ey, Die Abstiegs­ge­sell­schaft, S. 232–233
  17. Lewis Mum­ford, Her­man Mel­vil­le: A Stu­dy of His Life and Visi­on (1929; rpt. New York: Har­court Brace, 1962), S. 163; Her­man Mel­vil­le, Bil­ly Budd, Bart­le­by, and Other Sto­ries, hg, Peter Coviel­lo (New York: Pen­gu­in, 2016), S. 26
  18. Im Esse­ner Nor­den hol­te die AfD 20 Pro­zent der Wahler­stim­men, https://www.derwesten.de/staedte/essen/afd-holt-ueber-20-prozent-der-stimmen-im-essener-norden-id210573525.html. Zur grund­sätz­li­chen Pro­ble­ma­tik cf. Frank Bajohr und Die­ter Pohl, Mas­sen­mord und schlech­tes Gewis­sen: Die deut­sche Bevöl­ke­rung, die NS-Füh­rung und der Holo­caust (Frankfurt/Main: Fischer, 2008); Ste­phan Hebel, »Mer­kel: Die Geburts­hel­fe­rin der AfD«, Blät­ter für deut­sche und inter­na­tio­na­le Poli­tik, 62:8 (August 2017):81–88
  19. So wur­de bei­spiels­wei­se Frank Böckel­mann in der Frank­fur­ter Inter­net-Kul­tur­zeit­schrift Faust Kul­tur als der gro­ße »Ent­lar­ver« von Phan­tas­men von Pri­vat­heit und Macht hofiert: http://faustkultur.de/index.php?article_id=1893&clang=0
  20. Cf. Anto­nio Gram­sci, »Die Her­aus­bil­dung des Intel­lek­tu­el­len«, in: Gram­sci, Mar­xis­mus und Kul­tur, hg. und übers. Sabi­ne Kebir (Ham­burg: VSA-Ver­lag, 1983), S. 56–72; Todd Git­lin, The Who­le World is Watching: Mass Media in the Making and Unma­king of the New Left (Ber­ke­ley: Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia Press, 1980), S. 9–10, 252–258. In der Ver­gan­gen­heit ist Gram­sci immer wie­der von Rechts­ex­tre­men von Alain de Benoist bis zu Ste­ve Ban­non miss­braucht wor­den: cf. Ste­fa­nie Pre­zio­so, »Anto­nio Gram­sci: From War to Revo­lu­ti­on«, New Poli­tics, XVI:3, Nr. 63 (Som­mer 2017), http://newpol.org/content/antonio-gramsci-war-revolution
  21. Cf. McKen­zie Wark, The Beach Bene­ath the Street: The Ever­y­day Life and Glo­rious Times of the Situa­tio­nist Inter­na­tio­nal (Lon­don: Ver­so, 2011), S. 37–38
  22. Robert Michels, Mas­se, Füh­rer, Intel­lek­tu­el­le: Poli­tisch-sozio­lo­gi­sche Auf­sät­ze, 1906–1933 (Frankfurt/Main: Cam­pus, 1987), S. 183
  23. Vol­ker Weiß, Die auto­ri­tä­re Revol­te: Die neue Rech­te und der Unter­gang des Abend­lan­des (Stutt­gart: Klett-Cot­ta, 2017), S. 265
  24. John Bel­l­a­my Fos­ter, »This is not Popu­lism«, Mon­th­ly Review, 69:2 (Juni 2017), S. 1
  25. Cf. Micha­el Kazin, Ame­ri­can Drea­mers: How the Left Chan­ged a Nati­on (New York: Alfred A. Knopf, 2011). In sei­ner Geschich­te der US-ame­ri­ka­ni­schen Stu­den­ten­be­we­gung SDS (New York: Ran­dom House, 1973) beton­te Kirk­pa­trick Sale den Ein­fluss der popu­lis­ti­schen Narod­niks.
  26. Jan-Wer­ner Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus? Ein Essay (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 69
  27. Hans-Jür­gen Krahl, »Zur Geschichts­phi­lo­so­phie des auto­ri­tä­ren Staa­tes« (1968), in: Krahl, Kon­sti­tu­ti­on und Klas­sen­kampf: Zur his­to­ri­schen Dia­lek­tik von bür­ger­li­cher Eman­zi­pa­ti­on und pro­le­ta­ri­scher Revo­lu­ti­on, hg. Det­lev Claus­sen et al. (Frankfurt/Main: Ver­lag Neue Kri­tik, 1971), S. 224
  28. Mül­ler, Was ist Popu­lis­mus?, S. 28
  29. Cf. Timo­thy W. Luke, »Sear­ching for Alter­na­ti­ve Moder­nities: Popu­lism and Eco­lo­gy«, in: Luke, Capi­ta­lism, Demo­cra­cy, and Eco­lo­gy: Depar­ting From Marx (Urba­na: Uni­ver­si­ty of Illi­nois Press, 1999), S. 217–249
  30. Dani­el Stein­metz-Jenkins, »The Logic of Popu­lism«, Dis­sent, 64:2, Nr. 267 (Früh­jahr 2017), Kind­le-Aus­ga­be
  31. Claus Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er: Brei­vik, Dugin, al-Suri & Co. (Ber­lin: Suhr­kamp, 2016), S. 141
  32. Cf. Wolf­gang Rein­hard, Die Unter­wer­fung der Welt: Glo­bal­ge­schich­te der euro­päi­schen Expan­si­on 1415–2015 (Mün­chen: C. H. Beck, 2016)
  33. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 144
  34. Lothar Bai­er, Zei­chen und Wun­der: Kri­ti­ken und Essays (Ber­lin: Edi­ti­on Tiamat, 1988), S. 187
  35. Leg­ge­wie, Anti-Euro­pä­er, S. 149
  36. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 179
  37. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 187
  38. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 186
  39. Bai­er, Zei­chen und Wun­der, S. 188

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